Seit Menschengedenken suchen Menschen nach „heiligen“ Orten, nach Orten der Kraft, der Begegnung mit dem ganz Anderen. Und sie bauen sich solche Orte: Kirchen, Synagogen, Moscheen, Tempel – was macht sie besonders?
Verspüren Sie Lust, sich länger als nötig an einer Tankstelle aufzuhalten? Fühlen Sie sich wohl in der U-Bahn? Wohl eher nicht. Das sind Orte, die ich zumindest schnell hinter mir lassen möchte. In der Soziologie spricht man von „Nicht-Orten“, mit denen uns nichts verbindet außer vielleicht einer vorübergehenden Notwendigkeit oder einem Zufall, der uns an diesen Ort verschlagen hat. Doch es ist nicht gleichgültig, wo wir uns aufhalten. Ich habe lange überlegt, an welchem Ort bzw. in welchem Raum ich meiner Freundin einen Heiratsantrag machen möchte. Orte, Räume haben selbst eine prägende Kraft wie Christa Wolf schreibt: „Sie sind nicht nur Rahmen für unsere Auftritte, sie mischen sich ein, verändern die Szene, und nicht selten ist, wenn wir »Verhältnisse« sagen, einfach irgendein bestimmter Ort gemeint, der sich nichts aus uns macht“ (vgl. Christa Wolf, Nachdenken über Christa T., Frankfurt (Suhrkamp-Verlag) 2007, 161).
Heilige Räume sind dagegen Orte, die sich etwas aus uns machen. „Heilig“ hat dabei wenig mit sittlich zu tun, man könnte das Wort fast gleichsetzen mit „kräftig“. Ich ahne: In diesem erhabenen, vielfach durchbeteten Kraftfeld kann ich aufatmen. In einer Kultur der Beliebigkeit und in einer Gesellschaft, der nichts mehr heilig ist, nehme ich mir Zeit, wenn ich eintrete – und ich mag eine mich verändernde Atmosphäre spüren, den Zauber des ganz anderen. Als in Paris „Notre Dame“ brennt, ist weltweit das Entsetzen groß. Nicht nur Katholik*innen trauern um „Unsere liebe Frau“, sondern Menschen aller Religionen und Weltanschauungen. So nah war das Gefühl der Verletzlichkeit, war doch „Notre Dame“ gebaut „für die Ewigkeit“. Ein Versuch, etwas auszudrücken, das wir so wenig in Worte fassen können und in das wir so wenig hinüberreichen: das Transzendente. So brannte damals mehr als nur das alte Gebälk.
Orte, die der Seele Raum geben
Ich ahne: Es gibt Orte, die der Seele Raum geben. „Meine Moschee ist für mich ein Ort der Zuflucht“, sagt zu mir ein muslimischer Freund. Und der Rabbiner ergänzt: „Eine Synagoge ist ein Ort der Begegnung, nicht nur mit Gott, sondern unter den Menschen. Deswegen hat die Synagoge im Hebräischen auch drei Namen: Beit Tefila (Gebetshaus), Beit Midrasch (Lehrhaus) und Beit Knesset (Versammlungshaus)“.
Wir sind unterwegs an „Orten des Gebets“, so hieß die Reihe, die wir in Berlin mit einem interreligiösen Team entwickelt hatten. Eine gemeinsame Entdeckungsreise in Synagoge, Kirche und Moschee: Unterschiedlich werden sie gesehen und beschrieben als sakrale Räume, heilige Orte, als Orte des Respekts, Orte des Gebets, spirituelle Orte, Orte der Einkehr, der Stille, des Klangs, Orte der Lehre und des Lebens einer Religionsgemeinschaft. Ein Ort, den Menschen heiligen mit ihren Tränen und ihrer Freude. Die Architektur ist bereits Botschaft: dem Besonderen im jeweiligen Raum nachspüren.
Und doch – ein Einwand ist nicht zu überhören. Als gäbe es so etwas: ein Haus, in dem Gott wohnen soll. Klingt anmaßend. Wohnt Gott überhaupt irgendwo? Wenn Gott immer da ist, wo wohnt er dann? Kann man Gott auf Orte festlegen, auf das „hier“ und „da“ und das „hier nicht“ und „da nicht“? Nicht zufällig ist der vornehmste Name Gottes in der jüdisch-rabbinischen Tradition „ha-makom“ – schlicht: „der Ort der Welt“ (nach Esra 4,14: „Hilfe wird von einem anderen Ort kommen“; vgl. auch Midrasch Gn Rabba 68,9: „Weil er der Ort der Welt ist, aber die Welt nicht sein Ort“).
Ein Ort der Begegnung, nicht nur mit Gott, sondern unter den Menschen.
Zugleich antworten die Rabbinen auf die Frage: „Wo wohnt Gott?“: „Bei seinen Menschen“ (vgl. Midrash Gn Rabba zu Gen 24,3: „Gott ist, weil er nicht fern vom Menschen existiert“). Es ist die Erinnerung daran, dass der Gott Israels kein unbeweglicher, irgendwo thronender Gott ist, sondern ein bewegender, ein das Volk Israel als Bundespartner begleitender Gott, eben ein Gott, der mitgeht, mitleidet (2. Mose 3,7). Abraham wird losgeschickt (1. Mose 12,1) und nicht zufällig baut das Volk Israel später nur eine „Stiftshütte“, besser übersetzt mit: ein „Zelt der Zusammenkunft“ (2. Mose 35). Gottes „Schechina“, seine „Einwohnung“ wird erfahren, indem Gott unter, bei seinem Volk wohnt. In gewisser Spannung steht dazu die Errichtung des Tempels – und es wird schmerzhaft erfahren, dass die zwei Tempel zerstört werden und nicht für die Ewigkeit „Gottes Haus“ bleiben. Doch schon Salomo, der den ersten Tempel in Jerusalem erbauen ließ, hat in erstaunlicher Klarheit skeptisch gefragt: „Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?“ (1. Kön 8,27; vgl. auch: Apg 17,24).
Gott wohnt, wo man ihn einlässt
In seiner religiösen Pilgerschaft greift Jesus als Wanderprediger diese Skepsis auf: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20). Christlich gesprochen „zeltete“ Gott unter den Menschen (Joh 1,14): Gott ist nicht an einen besonderen Ort gebunden.
Wie auch (wieder) im Judentum nach der Zerstörung des zweiten Tempels: Nun wird in der sich entwickelnden rabbinischen Tradition die Tora selbst zum „beweglichen Tempel“: Gott sucht durch seine Heilige Schrift die Begegnung mit seinen Menschen. Aus dem Tempelkult wird ein Studium und Leben mit der Tora, besonders an dem Ort, „an dem man zusammenkommt“, in der Synagoge.
Auch die erste Moschee unter Muhammad war ein schlichtes Zelt in Medina. Der Raum diente nicht nur dem Gebet, sondern auch als Herberge für Gäste. Eine Moschee ist ein Ort der „Niederwerfung zum Gebet“ (arabisch: „masdjid“). Nach dem Vorbild des Propheten Muhammad verbinden sich in einer Moschee Alltägliches und Spirituelles. Sie dient wie eine Synagoge dem Gebet, der Lehre und dem Gemeindeleben. In früh-islamischer Zeit wurde auf die besondere Form des Platzes, auf dem das Gebet stattfindet, kein besonderer Wert gelegt: letztlich kann jede*r Muslim*in an jedem Ort in der Welt beten.
Aus christlich-evangelischer Perspektive orientiere ich mich an Paulus: „Euer ganzes Leben sei ein Gottesdienst“, schreibt er an die Gemeinde zu Rom im ersten Jahrhundert. „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern prüft, was Gottes Wille ist“ (Röm 12,1+2). Als Jesus am Kreuz starb, zerriss der Vorhang im Tempel, im Allerheiligsten im Tempel in Jerusalem. Zusammengenommen heißt das für mich: Es gibt letztlich keine besonderen sakralen, heiligen Räume mehr – vielmehr soll das ganze Leben geheiligt werden. Alles ist im selben Maße heilig wie profan. Gott ist nicht im Tempel, in einem besonderen Raum zu finden, sondern in der Begegnung mit Jesus, dem Christus. „Wo Güte und Liebe wohnt, da ist Gott“.
Das Christentum ist seit Pfingsten, dem Fest der Geistkraft Gottes, eine ortlose Religion. Oder besser: eine Religion an allen Orten, weil der Geist weht, wo er will (Joh 3,8). Wo in aller Verletzlichkeit und manchmal auch unscheinbar Güte, Liebe und Gerechtigkeit spürbar werden, da kommt Gott zur Welt. So beginnt christliche Geschichte an Weihnachten und führt zu Kreuz und Auferstehung Jesu und der Vision des Reiches Gottes, bei der Gott in der Mitte nahe unter den Völkern (!) zelten wird: ein Ort ohne Schmerz, Trauer, Klage, Tod – und ohne Tempel (Apk 21,1-4).
Gebauter Glaube auf Zeit
Gleichwohl: Die christlichen Gemeinden entstehen und es werden Kirchen gebaut wie auch weiter Synagogen, Tempel, Schreine und Moscheen. Ich muss doch wieder darauf zurückkommen: Gotteshäuser sind eigentlich ein Widerspruch in sich, ein Ding der Unmöglichkeit. Andererseits: Glaube braucht Raum. Es ist nicht gleichgültig, wo wir uns aufhalten. Orte prägen uns. Das gilt gerade in einer schnelllebigen, technokratischen und ökonomischen Welt, in der so viele Menschen ortlos, heimatlos geworden sind. Heilige Orte sind Orte, die sich etwas aus uns machen, die uns daran erinnern, dass unser Leben mehr ist als zweckbestimmt zu funktionieren. Vielleicht üben sie gerade deshalb eine so einzigartige Anziehung aus, egal, wie oft oder ob man sie überhaupt zum Gottesdienst oder zum Gebet besucht. Menschen wollen der scheinbaren Ortlosigkeit Gottes einen Ort geben. Wer eintritt, kann mit ein wenig Glück spüren, dass sie tatsächlich einen Raum offen halten mitten im Getriebe, im Alltag. Einen Raum, der zwar vielleicht nicht dauerhaft von Gott bewohnt ist, der aber klar und deutlich Platz für ihn lässt – für den Fall, dass er doch mal vorbeischauen sollte. Ein Raum, der angefüllt scheint von all dem, was Menschen in ihrem Leben brauchen: Glaube, Liebe, Hoffnung.
Der Gottsuche einen schützenden Raum geben.
Kirchen, Moscheen, Tempel und Moscheen sind so gesehen keine Orte prinzipieller Heiligkeit. Sie werden heilige Räume, weil sie über den Augenblick, ja sogar über mein begrenztes Leben hinausweisen, wenn in ihnen Heil-Sein, Ganz-Sein zugesprochen und erfahren wird. Himmel und Erde verbinden sich. Und sie werden Kraftorte, indem Menschen sie heiligen mit ihren Tränen und mit ihrem Jubel. So können diese Orte der Gottsuche einen schützenden Raum zu geben.
Das gilt umso mehr in unserer heutigen Zeit. Es stellt sich im multikulturellen und multireligiösen Europa des 21. Jahrhunderts nicht mehr die Frage, ob Menschen unterschiedlicher kultureller und religiöser Prägungen zusammenleben wollen, sondern wie. Umso mehr ist es geboten, sich gemeinsam (!) auf Spurensuche zu begeben nach den Heiligen Räumen der jeweils anderen: Auf der Suche nach der Gegenwart Gottes, der größer ist als ich ihn allein zu glauben und zu denken vermag.
Begegnungsräume interreligiös gestalten
Beispielhaft wurden an unterschiedlichen Orten „Häuser der Religionen“ mit je eigenen Konzepten entwickelt: in Bern, London, Hannover, Berlin (vgl. Gerdi Nützel, Shared Space – Konsequenzen der religiösen Pluralisierung für die gemeinsame Gestaltung religiöser Räume, in: Thomas Erne/Christian Bracht, Open Spaces. Räume religiöser und spiritueller Vielfalt, Kromsdorf/Weimar (Jonas Verlag) 2016, 133-141; vgl. dazu ausführlich: Gerdi Nützel, Religiöse Pluralisierung im öffentlichen Raum. Sakralräume in Berlin und Brandenburg, Baden-Baden (Nomos-Verlag) 2024). In Bern war die Erfahrung von Migrantengemeinden, dass diese keine repräsentativen Orte für ihre Sakralräume finden konnten, der Impuls für das „Haus der Religionen“ (www.haus-der-religionen.ch/). In London stand das gemeinsame Engagement für Frieden und Versöhnung im Mittelpunkt bei der Entwicklung der Idee eines Begegnungsraumes der Religionen (www.stethelburgas.org/). In Hannover wurde aus interreligiösen Bildungs-, Begegnungs- und Informationsveranstaltungen ein kontinuierlicher Ort in Trägerschaft eines interreligiös aufgestellten Vereins (haus-der-religionen.de/de). In Berlin stand zu Beginn der Überlegungen zu einem „Haus Gottes für einen Dialog der Religionen“ die Idee eines gemeinsamen Gottesdienstraumes. Doch schnell merkte man: Zu unterschiedlich sind die Glaubenstraditionen der drei Religionen, die an den einen Gott glauben. So entwickelte sich ein an einem prominenten Platz in Berlin öffentlich erkennbarer Symbolbau, in dem jede Religionsgemeinschaft ihren eigenen liturgischen Raum erhalten soll, der jeweils durch einen Zentralraum (den „vierten Raum“) der Begegnung mit den anderen verbunden werden wird (house-of-one.org/).
Schon jetzt ist das „House of One“ digital und an anderen Orten interreligiös unterwegs, gestaltet Friedensgebete und Abende zu Tora, Bibel und Koran. So entstehen „Zwischenräume“ für den Dialog und Raum für das, was den anderen heilig ist. Die bewusste Reflektion auf eigene Voreinstellungen und (vermeintliches) Wissen über den anderen ist dabei ebenso Bestandteil wie die Fähigkeit, bleibende Differenzen und Überzeugungskonflikte auszuhalten.
An vielen Orten, nicht nur in den vier angesprochenen „Häusern der Religionen“, gestalten Menschen solche heiligen „Zwischenräume“, die die oft medial vermittelten „Schwarz-Weiß-Muster“ in Frage stellen und dualistische Gegenüberstellungen von „Wir – und die anderen“ irritieren. Wo gibt es Gelegenheiten, den anderen kennenzulernen? Wie vielfältig ist eigentlich der Glaube der Juden, der Muslime, der Hindus oder der Bahai? Wie können wir als Christ*innen unseren Glauben im Dialog zum Ausdruck bringen – ohne das Eigene zu verschweigen noch überheblich zu präsentieren? Das bringt die Architektur des „House of One“ mit ihrem „vierten Raum“ sinnfällig zum Ausdruck, der auch für alle diejenigen sich öffnet, die sich einer anderen oder gar keiner Religion zugehörig fühlen: „Was ist das Wesentliche?“, „Wie sollen wir leben?“, „Wie können wir zusammenleben?“ und „Wo finden wir Trost?“
Es ist wichtig, in einer demokratischen Gesellschaft solche Räume der interkulturellen und interreligiösen Begegnungen zu eröffnen, in denen sich solche transformativen Prozesse ereignen: So können Bewusstseinsprozesse in Gang gesetzt werden, die kulturelle und religiöse Vielfalt unserer Gesellschaft als ein gemeinsames „Wir“ zu begreifen und zu erleben – und gerade darin Gott zu erfahren, der bei den Menschen wohnt, besser: zeltet.
Gerade weil es die Instrumentalisierung von Religion und Weltanschauung für eigene und politische Zwecke gibt, gerade weil fundamentalistische Tendenzen spürbar sind und Religionen und Weltanschauungen sich über andere abwertend erheben, ist solch ein von Respekt und Wertschätzung geprägter Dialog so wichtig. Solche Begegnungsorte können zu heiligen „Zwischenräumen“ werden, wenn sie Brücken zueinander in unserer vielfältigen Gesellschaft bauen und so zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen. Sie eröffnen die Möglichkeit, sich einander konstruktiv und auf Augenhöhe zu begegnen, damit Spalter und Hetzer keine Chance haben.
