Weite Räume Stephan Mühlich im Gespräch mit Eugen Eckert

Ein Interview mit dem Musiker, Textautor und langjährigen Studierendenpfarrer Eugen Eckert über Lieder, Raumgefühl und studentisches Wohnen.

Stephan Mühlich, evangelische aspekte (EA): „Weite Räume meinen Füßen…“, so beginnt ein Lied aus dem Gesangbuch der Evangelischen Studierendengemeinden „Durch Hohes und Tiefes“. Es hat mich in meiner Zeit als Studentenpfarrer begleitet und ist mir jetzt wieder eingefallen. Du hast es im Jahr 2000 geschrieben. Kannst du dich noch erinnern, wie es dazu kam?

Eugen Eckert (EE): Anlass war die Losung für den Kirchentag in Frankfurt am Main 2001: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“, aus Psalm 31. Zu den biblischen Texten der Kirchentage finden im Vorfeld Liederwerkstätten statt. Autorinnen und Autoren sind eingeladen, Lieder für den jeweiligen Kirchentag zu schreiben. Ich fand diese innere Überzeugung: „Gott, du stellst meine Füße auf weiten Raum“ sofort wichtig.

Als Kontext hat der Psalm einen wesentlichen Bezug zur Exodus-Geschichte. Das ist ja die Raumerfahrung, die Israel als erstes hat. Sklaverei, Knechtschaft, enge Räume. Orte ohne jede Gastlichkeit. Dann kommt der Auszug, und ungeahnt eröffnet sich ein Raum, der komplett ungefasst ist, der einfach da ist und komplett neue Perspektiven eröffnet. Und wir kennen den Fortgang der biblischen Geschichte. Ziemlich gleich fängt das Murren an: ‘Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Wie sollen wir wohnen? Wären wir nicht besser in Ägypten geblieben?’ In unserem Lied knüpfen wir an diese Erfahrungen an. Auch wir haben diesen weiten Raum vor uns und es tun sich Horizonte auf. Jetzt ist aber die Frage, was machen wir damit?

Im Text meines Liedes qualifiziere ich unsere Räume. Es gibt den Erfindungsreichtum von uns Menschen. Die Möglichkeiten ‒ technisch, digital ‒ sind fast unbegrenzt. Aber genau darum muss man mit ethischen Kriterien fragen, was sind eigentlich Kriterien, wie wir mit unseren Räumen umgehen? Was machen wir daraus? Wir eignen uns Freiheiten begeistert an. Aber wir sollten nie vergessen, dass Freiheit nicht vom Himmel fällt, sondern hart erarbeitet oder sogar mit Blut und Tränen erkämpft worden ist.

Aber was gibt uns eigentlich Orientierung in diesen Räumen, die wir haben. Was war für Israel der Weg ins gelobte Land, und wie übertragen wir das in unsere Gegenwart? Was ist eigentlich unser Weg ins gelobte Land? Darum kreisen die Gedanken dieses Liedes.

EA: „Schritt ins Offene, Ort zum Atmen, hinter uns die Sklaverei.“ So beginnt die zweite Strophe. Diesen Weg in die Freiheit, den Exodus, hast du gerade beschrieben. Dabei scheinen für dich die Räume an der frischen Luft fast bedeutender als die geschlossenen Räume. Wie würdest du dein Verhältnis beschreiben, draußen unter dem offenen Himmel oder in geschlossenen Räumen zu sein?

EE: Ich finde beides schön. Ich habe in meinem Leben häufiger Campingplatzseelsorge gemacht. Das Zelt ist ein flüchtiger Raum, in dem man sich bergen kann vor Regen, vielleicht auch vor zu großer Sonneneinstrahlung. Aber Zeltplatz heißt ja auch, du öffnest dein Zelt und bist dann wie in einem Dorf umgeben von Menschen, die relativ nah zu dir wohnen. Vielleicht sind sie auf dem Campingplatz, weil sie nicht genug Geld haben, um ein Hotel zu buchen, oder weil sie sagen, das ist eine tolle Erfahrung. Du machst dein Zelt auf und bist im Freien. Du bist unter dem Himmelsraum. Ich finde das schön, wobei jetzt, wo ich älter geworden bin, Zelten nicht mehr das Angenehmste ist. Die Luftmatratze ist nicht mehr so bequem, wie sie früher mal war. Und auch darum finde ich geschlossene Räume wunderbar, die uns bergen und schützen, und die ästhetisch schön eingerichtet sind.

EA: Es ist auch für die Akustik nicht unbedeutend, in welchem Raum man sich befindet. Ein Zelt hat eine andere Akustik als eine romanische Kirche. Der Klangraum hat eine eigene Bedeutung. Das Geschlossene gibt nicht nur Schutz, sondern bestimmt auch den Klang. Welche Akustik brauchst du für deine Lieder?

EE: In einer romanischen Kirche ist es schön, a cappella zu singen, im Chor und auch als Einzelner. Ich mache das oft, wenn ich eine Kirche besuche, dass ich einfach ein Lied anstimme, weil ich es genieße, diesen weiten Raum eben auch wirklich als weiten Raum erleben zu können.

Aber ich bin Band- und Popmusiker. Da bin ich immer froh, wenn die Räume akustisch trocken sind, damit wir durch unsere Beschallung, durch die Verstärker und auch mit eingebauten Hallgeräten, steuern können, wie sich der Klang in diesem Raum entwickelt. In einer romanischen Kirche kann der Hall bis zu 30 Sekunden lang sein. So ein Raum ist für Bandmusik schwer zu bewältigen.

EA: Du warst lange Studierendenpfarrer in Frankfurt (M). Wie kamst du dazu?

EE: Nach dem Theologiestudium wurde ich erstmal Gemeindepfarrer in einem sozialen Brennpunkt mit vielen jungen Familien und einem tollen, prallen Gemeindeleben. Als ich dort anfing, hatte ich zum Beispiel 120 Konfirmanden. Wir mussten 6 Konfirmationsgottesdienste feiern: Pfingstsamstag, Pfingstsonntag, Pfingstmontag jeweils zwei. Nach sechs Jahren Gemeindepfarramt war unserer Kirchenleitung mein guter Zugang zu jungen Leuten nicht entgangen. Ich wurde von meiner Kirche gebeten, mich für das Studentenpfarramt zu bewerben. Dass ich dann 16 Jahre lang Studentenpfarrer war, hatte mit der Umbruchsituation in Frankfurt zu tun. Dabei ging es natürlich auch um Räume. Auf dem alten Campus der Frankfurter Universität war die ESG im Studierendenhaus platziert. Das war eine Schenkung der Amerikaner nach dem Krieg. Das Haus sollte der Demokratie unserer Universität Türen öffnen. Neben Räumen für den AStA gehörten Seminarräume und ein Partyzentrum dazu, aber eben auch eine Kirche. Und dieses Studierendenhaus ist für Generationen von Studenten, auch für Leute wie Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer, ein wichtiger Ort für den Diskurs gewesen.

Als die Amerikaner nach 50 Jahren aus Frankfurt/M abzogen und das ehemalige IG-Farbengelände frei wurde, gab es erste Ideen, die Europäische Zentralbank dort anzusiedeln. Davor hat die Bundesregierung allerdings einen Riegel geschoben. An diesem Standort, an dem im Krieg Zyklon B entwickelt worden war, das Gas zur Vernichtung der Juden, auf diesem Areal, das historisch so belastet ist, dürfe ausschließlich Bildung und Ausbildung platziert werden. Im Rahmen dieser Entscheidung haben wir damals die Möglichkeit bekommen, katholische und evangelische Kirche gemeinsam, ein großes Studentenwohnheim mit 450 Plätzen direkt neben dem zentralen Hörsaalgebäude zu bauen. Das war eine Jahrhundertchance. In dieser Zeit hätte ich eigentlich wechseln sollen, weil meine Dienstzeit vorbei war. Aber unser Kirchenpräsident hat persönlich interveniert, mein Bleiben veranlasst und mich gebeten, den Bau des Wohnheims durchzuziehen.

EA: Und Wohnraum ist ja das nächste Thema, wenn du über Räume nachdenkst. Ich habe gelesen, dass Frankfurt neben München die teuerste Stadt für Studierende ist.

EE: Dass wir als Kirchen gemeinsam für ungefähr 1000 Leute Wohnraum anbieten können, halte ich für ein Merkmal diakonischer Arbeit. Jungen Leuten ein Dach über dem Kopf zu geben und zu sagen, wir investieren auch damit in die Zukunft unseres Landes, ist eine gute Entscheidung. In einem Land, in dem Bildung zur wichtigsten Ressource gehört, leisten wir als Kirche einen Beitrag dazu, dass Studierende heute in unserer Gesellschaft morgen Verantwortung übernehmen. Wie gut, dass sich damals die Fenster für diese Investition geöffnet haben. Heute erlebe ich die Kirchen in dieser Hinsicht eher ängstlich, weil überall die Finanzmittel geringer werden und oft der Mut fehlt, groß zu investieren.

EA: Faktisch ist offenbar kein Geld mehr da. Überall werden Gebäude verkauft, Kirchen entwidmet oder umgewidmet.

EE: Das stimmt. Wir hatten damals eine historische Chance. Aber man darf dabei eines nicht vergessen: Wir haben ohne einen Cent Kirchensteuermittel gebaut! Nachdem ich bei unserer Synode von Ausschuss zu Ausschuss gelaufen war, hatte ich überall das Wort von der Jahrhundertchance geprägt. Denn faktisch gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir sind drin in der Universität oder wir sind draußen. Die Fläche wäre nicht freigehalten worden. Schließlich hat der Finanzausschuss unserer Kirche damals mit einer Stimme Mehrheit dem Neubau zugestimmt, aber ohne einen Cent Kirchensteuer. Und das wurde zu einem Kunststück, denn unser ganzes Projekt hat 13 Millionen gekostet.

EA: Wie finanziert man so etwas ohne Kirchensteuermittel?

EE: Wir konnten ein altes Studentenwohnheim für 2,7 Millionen verkaufen und haben dazu viele Kredite aufgenommen. Daneben haben wir das entstehende Wohnheim zu einem Eigenwirtschaftsbetrieb gemacht. Das heißt, die Mieteinnahmen müssen ausreichen, um Personal zu finanzieren, um die Zinsen zu tilgen und Renovierungen vorzunehmen. Die alten Wohnheime gehörten in den Wirtschaftsplan unserer Kirche und die Synode hat immer mitbekommen, wenn Renovierungen anstanden, die Geld gekostet haben. Die Mieteinnahmen wurden nicht wahrgenommen. Diese verzerrte Wahrnehmung haben wir mit dem Eigenwirtschaftsbetrieb beendet.

EA: Das ist auch wichtig für die Zukunft, aus diesem Projekt zu lernen. Wo hast du selbst im Blick auf die wirtschaftlichen und finanziellen Fragen etwas gelernt?

EE: Ich hatte das Glück, zu einem Sabbatical in Kanada zu sein. Dort leben und arbeiten die Kirchen ja alle ohne Kirchensteuermittel und haben Räume zur Verfügung. Ich bin damals mit Kirchenmusikdirektor Fred Graham durch Toronto gefahren. Dabei sagte er: „Eugen, in meiner Kindheit waren die Kirchen die höchsten Gebäude in dieser Stadt“. Inzwischen standen dort längst Wolkenkratzer. Aber die Kirchen hatten damals begonnen, kirchliche Grundstücke in Erbpacht an Wirtschaftsunternehmen abzugeben. Im Gegenzug bekamen sie einen Vertrag, für die nächsten 100 Jahre nicht kostenfrei die ersten drei Stockwerke in diesen Gebäuden nutzen zu können, sondern aus den Einnahmen auch die kirchliche Arbeit finanzieren zu können.

Ich übertrage das mal auf Deutschland. Wir haben ein Ferienhaus im Wendland. Dort wollte ich vor geraumer Zeit ein Stück Wald kaufen. Da haben mir die Bauern gesagt: Du kannst Wald pachten, aber wir verkaufen kein Land. Das ist das Erbe unserer Vorfahren. Das bleibt in unserem Besitz. Genau diese Haltung würde ich mir von unserer Kirche wünschen. Erstens zu sagen, wir haben unseren Bestand an Grundstücken und Gebäuden von denen vor uns bekommen und verkaufen sie nicht. Zweitens, wir entwickeln kreativ Pläne, wie wir in einer gemeinsamen wirtschaftlichen Nutzung Gebäude so entwickeln und erhalten können, dass eine gemeinsame Nutzung möglich ist, gemeinsam finanziert. Das wäre eigentlich meine Vision für große Räume in der Zukunft. Den Klangraum Kirche können wir uns eigentlich nur leisten, wenn Menschen diesen Raum füllen. Und Menschen füllen diesen Raum nur, wenn sie rund um diese Kirchen wohnen können. Damit verbunden ist also die Frage nach finanzierbarem Wohnen in unseren Städten. Denn es hilft nichts, wenn eine schöne Kirche in einer Innenstadt abseits vom Leben der Menschen steht. Das eine ist immer mit dem anderen verbunden.

EA: Eine letzte Frage. Du hast über 2000 Lieder geschrieben. Eines deiner bekanntesten Lieder steht schon 30 Jahre im Evangelischen Gesangbuch: Bewahre uns Gott, behüte uns Gott (EG 171). Gibt es einen Raum, in dem alle deine Lieder, die du geschrieben hast, archiviert sind? Und hast du noch Platz für neue Lieder?

EE: Tatsächlich habe ich acht Aktenordner mit Liedern im Regal stehen, alphabetisch geordnet, weil ich mir durch 50 Jahre als Autor nicht mehr alles merken kann, was ich geschrieben habe. Es gibt Lieder, wie jenes, das du zitiert hast. Die sind ständig präsent und werden überall gesungen. Es gibt Lieder, die sind einmalig gewesen und danach in der Versenkung verschwunden. Und es entsteht immer wieder Neues. Jetzt, im Frühjahr 2025, habe ich zusammen mit dem Schweizer Komponisten David Plüss unter dem Titel „Verbunden sein“ 24 schöne Gemeindelieder für Kirchenjahr und Gottesdienst veröffentlicht. Es ist großartig, wenn es Raum auch für jeweils neue Lieder gibt.

EA: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Intervies führte Stephan Mühlich, Gemeindepfarrer in Stuttgart-Botnang und Mitglied in der Redaktion der “evangelischen aspekte”. In der Druckausgabe erschien es in einer gekürzten Fassung.

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