Orte der Begegnung und Vergemeinschaftung Die Öffentlichkeitsfunktion und sozialräumliche Relevanz kirchlicher Räume

Kirchengebäude haben nicht nur als öffentliche Repräsentationen der Religionskultur und aus baukulturellen Gründen gesellschaftlichen Wert. Sie sind als Orte der Begegnung und Vernetzung auch wichtig für die gesellschaftliche Sozialisationsfunktion von Kirche.

Der Protestantismus und die evangelische Theologie haben die Bedeutung von Räumen und Objekten für die religiöse Praxis lange kaum thematisiert. Die evangelisch-theologische Sprachfähigkeit über die Bedeutung von Räumen und Kirchengebäuden ist tatsächlich relativ jung und verdankt sich einem gesteigerten kulturwissenschaftlichen Interesse an Räumen und materieller Kultur sowie einem seit über 30 Jahren kontinuierlich an Bedeutung gewinnenden Diskurs über den Umgang mit „überzähligen“ Kirchengebäuden. Längst ist absehbar, dass die Gemeinden und Landeskirchen mit dem rückläufigen Kirchensteueraufkommen die insgesamt rund 42.500 evangelischen und katholischen Kirchen und Kapellen nicht mehr finanzieren können. Hinzu kommt, dass viele dieser Bauten schon lange nicht mehr für gottesdienstliche Zwecke genutzt werden.

Es ist sinnvoll, die Frage zu stellen, wie das Problem mit den überzähligen Kirchengebäuden so groß werden konnte, dass in den nächsten beiden Jahrzehnten einige tausend Kirchengebäude aufgegeben bzw. aus den kirchlichen Bilanzen entfernt werden sollen. Neben der latenten evangelisch-theologischen Sprachlosigkeit über die Bedeutung von Kirchenräumen für Einzelne sowie die Institution Kirche hat die lange währende positive Entwicklung des Kirchensteueraufkommens in vielen Landeskirchen den Druck auf die Umsetzung einschneidender Immobilienstrategien abgefedert. Hinzu kommen die gültigen Eigentumsverhältnisse, demnach meist die Gemeinden die Kirchengebäude besitzen und diese sich wiederum vielfach sehr schwer tun mit der Aufgabe ihrer etablierten und öffentlich akzeptierten Kirchenräume, die stets auch als wichtige Kontaktflächen und Repräsentationen von Religion im öffentlichen Raum fungieren. Zudem wurden kirchliche Räume lange nicht als Dreh- und Angelpunkte der Gestaltung zukunftsfähiger kirchlicher Strukturen behandelt.

Öffentlichkeit und Präsenz von Kirchengebäuden

Die Frage, wie mit den zahlreichen Kirchengebäuden umzugehen ist, wird angesichts sinkender Ressourcen immer drängender. Gleichzeitig wirft der Bedeutungsverlust der verfassten Kirchen neue Fragen nach der gesellschaftlichen Funktion und Akzeptanz der Bauten auf. So wird der Öffentlichkeitscharakter der Kirchenräume gerade angesichts ihrer Umnutzung oder Schließung intensiv diskutiert. Das Bewusstsein für die sozialen und kulturellen Potenziale von Kirchengebäuden hat sich im Zuge der kirchlichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Zukunft einer Vielzahl von Kirchenbauten deutlich vertieft. Lokale erweiterte Nutzungen von Kirchen, die über ihre religiöse Funktion hinaus als Begegnungsorte, Erlebnisräume und Kulturforen dienen, wären vielfach ohne diese neue Kultur der Wertschätzung nicht entstanden.

Zentral gelegen und ohne Konsumzwang.

Die Öffentlichkeit und Präsenz von Kirchengebäuden gründet vielerorts in der städtebaulichen oder dörflichen Zentralität der Bauten und ihrer Zugänglichkeit ohne Konsumzwang, was sie zu interessanten, auch kulturell nutzbaren gesellschaftlichen Begegnungsorten macht. Kulturkirchenprogramme an Urlaubsorten sowie im ländlichen Raum oder die Citykirchenarbeit in urbanen Zentren stehen schon lange für eine Öffnung der Gebäude und betonen deren gesamtgesellschaftlichen Wert. So unterstützt und vernetzt beispielsweise das Projekt „Dorfkirche mon amour“ in der Nordkirche die kulturelle Nutzung von Kirchen (vgl. kulturhimmel.de). In den Dorfkirchen in ländlichen und touristisch frequentierten Regionen kann Kultur erfahren werden, sodass die Dorfkirchen als Begegnungsorte und kirchliche Kontaktflächen erlebt werden können.

Turnhalle in der ehemaligen Kirche St. Elisabeth in Münster
Dass Kirchen anhand von baulichen Maßnahmen insbesondere im Innenraum neuen Nutzungen zugeführt werden können, zeigt die profanierte, mittlerweile als Turnhalle genutzte Kirche St. Elisabeth in Münster eindrücklich. Die religiöse Symbolqualität wurde komplett aus dem Mittel – und den Seitenschiffen entfernt. (Foto: © Roland Borgmann für MAAS & PARTNER Architekten, maasundpartner.com)

Gleichzeitig bleibt der Öffentlichkeitsanspruch der Kirchengebäude oft vage, sofern die Nutzungsmöglichkeiten institutionell limitiert sind und sich die Besucher:innen meist wie Gäste in einem für kirchliche Zwecke gestalteten Raum verhalten. Die Aufgabe oder Umnutzung von Kirchengebäuden wird vielfach als Verlust eines kirchlichen und zugleich allgemein öffentlichen Raumes thematisiert, womit in den infrastrukturell schwach aufgestellten ländlichen Räumen auch der Verlust eines erweiterten kulturell und zivilgesellschaftlich nutzbaren Raumes droht. Vielfach wird die Aufgabe von Kirchengebäuden im ländlichen Raum als kirchlicher Rückzug aus nahräumlichen Präsenzstrukturen diskutiert und problematisiert.

Kirche und Kirchengebäude als Begegnungsorte

Die aktuelle 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung betont die Bedeutung der diakonischen und zivilgesellschaftlichen Funktion der beiden Großkirchen. Kirchengemeinden und weitere kirchliche Einrichtungen übernehmen vielfältige soziale und kulturelle Aufgaben. Dazu gehört die Begleitung von Menschen in Krisensituationen und Lebensübergängen ebenso wie die Mitgestaltung des lokalen Gemeinwesens oder die Auseinandersetzung mit Themen wie Ökologie und Inklusion. Der vielgestaltige Netzwerkcharakter von Kirche befördert demnach die Integration und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Deshalb wird die Vernetzung im Sozialraum bzw. Gemeinwesen als eminent wichtig für die gesellschaftliche Sozialisationsfunktion der Kirche angesehen.

Im Hinblick auf die Verschlankung der kirchlichen Strukturen und Immobilienportfolios ist der Sozialraum derzeit eine vielbeachtete Größe. Der Begriff „Sozialraum“ hat sich in den letzten Jahren zu einem prägenden Leitbegriff kirchlicher und diakonischer Reformrhetorik und -arbeit entwickelt. Bemerkenswerterweise bleibt in den kirchlichen und wissenschaftlichen Diskursen die inhaltliche Bestimmung der Rede vom „Sozialraum“ meist vage. Der Begriff steht für die Vorstellung bzw. Sehnsucht, Kirche weiterhin und trotz des Rückzugs aus Angeboten und Infrastrukturen als nahräumlich verankerte und zivilgesellschaftlich relevante Akteurin präsent und öffentlich zu halten.

Kirche soll nicht nur für ihre Mitglieder, sondern für das lokale Gemeinwesen relevant bleiben.

Die sozialräumliche Ausrichtung steht für den Anspruch, dass Kirche nicht nur für ihre Mitglieder, sondern für das lokale Gemeinwesen relevant bleiben und sich damit gerade nicht in eine geschlossene kirchliche Teilöffentlichkeit zurückziehen soll. Als Ankerpunkte exemplarischer kirchlicher Arbeit sind Kirchengebäude sowie Gemeindehäuser wichtige Orientierungsgrößen, die für vielfältige Formen der Vergemeinschaftung und der lokalen Präsenz relevant sind. Dabei variieren die Umnutzungsoptionen zwischen Pfarrhäusern, die leichter veräußert werden können, und Gemeindehäusern, die ggf. in gemischter Trägerschaft als Stadtteil- oder Quartierzentrum weiterentwickelt werden können, deutlich gegenüber den Kirchengebäuden. Im Hinblick auf ihre Funktion als öffentliche Repräsentationen christlicher Religionskultur und ihrer städtebaulichen oder baukulturellen Eigenschaften sind Umnutzungen oder erweiterte Nutzungen von Kirchengebäuden wesentlich anspruchsvoller.

Fazit

Die kulturelle, sozialräumliche und allgemein öffentliche Relevanz von kirchlichen Räumen und insbesondere Kirchengebäuden wird vielfach behauptet. Die aktuellen Diskussionen und Prozesse der Konzentration der kirchlichen Angebotsstrukturen und Infrastrukturen vor dem Hintergrund einschneidender Ressourcenverluste verbinden sich mit einem gesteigerten Interesse an den gesellschaftlichen Potenzialen kirchlicher Räume. Initiativen, die auf eine gesteigerte Nutzung von Kirchengebäuden hinarbeiten, sind grundsätzlich begrüßenswert, sofern sie vielerorts mit Kirchengebäuden verbundenes gemeinwesenorientiertes Engagement hervorrufen und damit gerade auch im ländlichen Raum soziale und kulturelle Begegnungsorte geschaffen werden.

Zugleich gilt es zu fragen, wofür die beachtliche bauliche Präsenz der christlichen Religionskultur angesichts eines fortschreitenden Relevanzverlusts der Großkirchen steht. Für wen werden wozu und mit welchen Inhalten kirchliche Räume erhalten und weiterentwickelt? Und wie verhält sich die Entwicklung kirchlicher Räume zur gesteigerten religiösen Pluralität der Gesellschaft? Vor diesem Hintergrund sind partizipationsoffene Diskussionsforen über die Weiterentwicklung kirchlicher Räume wünschenswert, wobei die Finanzierung der Bauten und die bestehenden Eigentumsverhältnisse nicht außer Acht gelassen werden dürfen.

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