Das Universum: Evolutionsformen des Raumes Eine gesellschaftliche Herausforderung

Der „Himmel“, das, was außerhalb des Planeten liegt, beschäftigt Menschen schon immer. Was bedeutet der unendliche Raum, bei dessen Erforschung wir noch am Anfang stehen in religiöser, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher Hinsicht?

Der Weltraum – unendliche Weiten. Wir befinden uns in der fernen Zukunft. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das viele Lichtjahre von der Erde entfernt unterwegs ist, um fremde Welten zu entdecken, unbekannte Lebensformen und neue Zivilisationen.“ Im 23. Jahrhundert durchqueren Captain Kirk und seine Crew in ihrem Raumschiff den Kosmos. Die Koexistenz unterschiedlicher Lebensformen im All erschwert die Reise und verlangt von den Astronauten hohe Kompetenzen in Bezug auf Natur und Gesellschaft.

Noch im Spätmittelalter schien die Welt in Ordnung zu sein. Im Standardmodell war der Raum aufgeteilt in die irdische, die der fünf bekannten Planeten und in die himmlische Sphäre, die von den Engeln und Gott bewohnt worden war. Gott galt als der Baumeister der Welt, die innerhalb von sechs Tagen geschaffen wurde. Raum und Zeit waren genau definiert. Das göttliche Werk umfasste den ganzen Erdkreis, und zwar vom Tag der Schöpfung an bis zum Jüngsten Gericht; die gesellschaftliche Ordnung wurde als gottgegeben betrachtet.

Mit den Seefahrten rund um den Globus, mit der heliozentrischen Wende durch Nikolaus Kopernikus und Johannes Kepler und mit der Entdeckung der Monde des Jupiters durch Galileo Galilei änderte sich das Verständnis des Weltraums und seiner gesellschaftlichen Bewertung radikal. Es wird überliefert, dass Kopernikus die Erde als Raumschiff bezeichnet habe. Die Grenzen des Weltraums mussten neu bestimmt werden. Weitere Planeten im Sonnensystem wurden entdeckt, die Kometen und Asteroiden wurden in das Sonnensystem eingepflegt.

Schon bald stellte sich die Frage nach der Bewohnbarkeit der Nachbarplaneten. Für Immanuel Kant waren alle besiedelt: Die humanoiden Bewohner der kleineren Gesteinsplaneten lebten sehr materiell und seien stark sinnlich, auch etwas einfältig. Die Bewohner der Gasplaneten dagegen müsse man als sehr intelligent ansehen. Die Erde nehme in dem Modell eine mittlere Stellung ein. Nach und nach wurde der Raum auch zu einer gesellschaftlichen Frage.

Mit den phantasievollen „Astronauten“ des 16. bis 18. Jahrhunderts, mit deren Begegnungen mit Aliens auf Mars, Mond und Venus, stellte sich die Frage nach den sozialen Ordnungen auf den Planeten, nach den Formen des Rechts und der Herrschaft, nach dem Glauben und den mythologischen Erzählungen der Aliens, kurz: die Frage nach Strukturen und Handlungen der Gesellschaften dort im Vergleich mit der irdischen. Mit Überlegungen wie diesen begann auch die Suche nach den Spuren des biologischen Lebens auf anderen Planeten.

Eine enorme Erweiterung des Weltraums fand aber erst 1923 statt. Bis dahin bestand der Weltraum aus unserer Galaxie. Edwin Hubble entdeckte, dass sich das Universum in alle Richtungen ausdehnt. Es besteht nicht nur aus der Milchstraße, sondern aus vielen Galaxien, die sich von uns wegbewegen. Stephen Hawking erklärte: „Beobachtungen deuten darauf hin, dass das Universum mit einer stetig wachsenden Rate expandiert. Es wird sich für immer erweitern, immer leerer und dunkler.“

Raum als religiöse Frage

Einen Wendepunkt anderer Art brachten die Apollo-Missionen. Apollo 8 umkreiste am Heiligabend 1968 den Mond und fotografierte den Aufgang der Erde über dem Himmelsbegleiter. Die „blaue Murmel“ im finsteren All (Foto von Apollo 11 vom 7. Dezember 1972) wurde zu einer Ikone ökologischer Politik. Apollo 8 umkreiste den Mond, und als die Astronauten aus dem Mondschatten kommend wieder Kontakt mit der Erde hatten, lasen sie aus der Genesis vor. „In the beginning, God created the Heaven and the Earth. And the Earth was without form and void, and darkness was upon the face of the deep.” Der Vortrag des biblischen Textes war nicht genehmigt und verärgerte das Kontrollzentrum in Houston.

Als Juri Gagarin (12. April 1961) als erster Mensch die Erde aus dem All sehen konnte, erklärte er nach seiner Landung, dass er im All keinen Gott angetroffen habe. Als die Fähre Eagle von Apollo 11 am 21. Juli 1969 auf dem Mond im mare tranquilitatis landete, erbaten die beiden Astronauten Neil Armstrong und Edwin Aldrin einen kurzen Moment der Funkstille. Im Stillen zelebrierten sie das Abendmahl, gemeinsam mit ihrer Kirchengemeinde auf der Erde. Die NASA hatte ihnen untersagt, die Feier öffentlich zu machen. So wurde dies erst bekannt, nachdem die Funksprüche publiziert waren.

Weltraumtourismus und Gräber auf dem Mond

Es gibt sogar schon ein „Grab“ auf dem Mond. Eugene Shoemaker, Chefgeologe der NASA, wurde am 7. Januar 1998 von der Sonde Lunar Prospector in einer Mikrourne in einem südlichen Krater „beerdigt“. Inzwischen bietet die Firma Celestis erfolgreich Bestattungen im All an; die bekannteste Urne dürfte Gene Roddenberry gehört haben.

Raum für unterschiedliche Interessen

Der Weg in das Weltall diente bisher vor allem der Wissenschaft. Die Apollomissionen brachten viele wissenschaftliche Erkenntnisse. Insgesamt waren zwölf Astronauten auf dem Mond, machten zahlreiche wissenschaftliche Experimente, brachten 17.000 Fotos mit und 382 kg Mondgestein.

Das Interesse an der Raumfahrt und der Erforschung des Alls ist verständlich, da die menschliche Existenz auf der Erde zeitlich begrenzt ist. Vermutlich, wenn nicht vorher ein großer Asteroid oder ein ferner Gammablitz die Erde zerstört, wird die nächste Eiszeit (in ca. 80.000 Jahren) den Planeten größtenteils unbewohnbar machen. An diesem Punkt kommen ferne Exoplaneten in den Blick. Derzeit sind ungefähr 6.600 erdähnliche, extrasolare Himmelskörper bekannt. Schon Konfuzius warnte: „Wenn der Mensch nicht über das nachdenkt, was in ferner Zukunft liegt, wird er das schon bald in naher Zukunft bereuen.“

Knapp 700 Menschen flogen schon ins All, ihre Zahl steigt. Die Erforschung des Sonnensystems per Raumflug ist inzwischen eine geopolitische, auch militärische, biotechnische und soziokulturelle Angelegenheit geworden. Die „exzentrische Stellung des Menschen“ (Helmuth Plessner) im All hat sich verändert, hat sich von jeglicher Form von Marginalität verabschiedet. Dazu noch zwei Beispiele:

Während in der frühen Science Fiction phantasievoll von der Eroberung des Weltraums erzählt wurde, beteiligen sich derzeit 160 große Unternehmen weltweit mit unterschiedlichen Absichten an der Erschließung unseres Sonnensystems, bisher immer mit der Hilfe von Raketen. Für diese Firmen stehen in der Regel kommerzielle Interessen im Vordergrund.

Der Flug zum Mars hat unterschiedliche wirtschaftliche (und wissenschaftliche) Dimensionen. Bisher waren ca. 70 Missionen aus diversen Staaten zum Mars unterwegs. Man entschied sich für die Erkundung durch Roboter. Angedacht sind für die Zukunft z.B. Experimente zum Terraforming, um menschliches Leben in der Form von künstlichen Biosphären auf dem roten Planeten zu ermöglichen.

Andere Firmen betrachten Kometen, Asteroiden oder Meteoriten als Rohstofflager, die man ausbeuten könnte. Der Asteroid Psyche 16 besteht aus purem Gold (geschätzter Wert von 100.000 Billiarden Dollar). Der Asteroid Ryugu enthält große Mengen an Hydroxylapatit (Seltene Erden). Auch das auf der Erde weniger anzutreffende Helium-3, das für die neue Reaktortechnik wichtig ist, findet sich auf diesen Himmelskörpern.

Asteroid Psyche 16 besteht aus purem Gold.

Näher als der Mars ist den Menschen der Mond. Seine Besiedlung ist technisch machbar, ist finanziell profitabel, ist auch gut möglich. Die Pläne für ein Moon Village und ein Lunar Gateway sind relativ weit fortgeschritten. Angedacht sind unterirdische Siedlungen, die vor der harten Strahlung aus dem All schützen sollen. Als mögliche Orte des Baues kommen der Shackleton-Krater im Süden mit seinem Vorkommen von Wasser sowie der Malapert-Krater in Betracht. Die ersten Bewohner werden vor allem Geologen, Bergleute, Kraftwerksingenieure, Mediziner und Astronauten sein, später auch Steinmetze dazu kommen. Technische Fragen betreffen derzeit noch die folgenden Themen: Wasser, Luft, speziell Sauerstoff, aber auch Lebenserhaltungssysteme (Pflanzen, Tiere). Es gibt schon exakte Pläne für den Ablauf der Besiedlung des Erdbegleiters und der Erweiterungen einer möglichen Kolonie. Regolithprozessoren werden das zentrale Element der Ausbeutung des Mondes sein (Aluminium, Silizium, Magnesium).

Der Weltraum als gesellschaftliche Herausforderung

Der Weltraum wurde von einem Wohnsitz der Götter säkularisiert zu einem Objekt der Eroberung und der Ausbeutung. Der Goldrausch hat eingesetzt. Es stellt sich die Frage nach den gesellschaftlichen Regeln, die im All gelten sollen. Politik und Jurisprudenz sind gefragt. Der Weltraumvertrag von 1967 spricht von einer friedlichen Nutzung des Alls. Doch nicht alle Länder der Erde ratifizierten den Vertrag. Befasst mit der Einhaltung des Vertrages ist das Committee on the Peaceful Uses of Outer Space (COPUOS). Weitere Abkommen sind meist nur Absichtserklärungen. Die USA, Russland und China haben inzwischen nationale Gesetze erlassen, die eine ökonomische Ausbeutung des Weltraums sowie eine Militarisierung des Alls fördern sollen, aber auch die Freiheit der Forschung einschränken können.

Inzwischen wächst die Zahl der Touristen, welche die Erde für mehrere Tage umkreisen. Technisch ist dies einfach, da heute der Astronaut das Raumschiff nicht steuert, sondern nur noch – vom Start bis zur Landung – dessen Funktionen kontrolliert.

Wenn wir in einer romantischen Nacht den Blick in den Sternenhimmel heben, sehen wir ungefähr 5000 blinkende Sternlein. Doch der Raum ist unermesslich. Entstanden ist unser Kosmos mit dem Urknall, der auch Raum und Zeit erzeugte. (Weshalb die beliebte Frage „Was war vor dem Urknall?“ Unsinn ist.) Die wahren Dimensionen des Alls bleiben uns auf ewig verschlossen. Der Large Hadron Collider in Genf kann einige Elementarteilchen nachweisen; die kleinsten sind derzeit Hadronen. Sie sind weit von der Dimension eines Big Bangs entfernt. Auch der Blick in die Weiten des Universums ist begrenzt. Beobachtbar ist derzeit eine Reichweite von 93 Milliarden Lichtjahren. Was liegt hinter diesen Grenzen? Wie sieht die Zukunft des homo spaciens aus? Die Antwort: No idea!

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