Stichwort: Theodizee Woher kommt das Böse?

Die „Welt [ist] im Schock“ (Die Zeit, 7. April 2022). Die schrecklichen Nachrichten über die Ereignisse in der Ukraine überschlagen sich. Die Bilder sind grausam. Das Leid der Betroffenen ist unerträglich. Die Situation macht sprachlos. Sie konfrontiert uns mit der schmerzlichen und bohrenden Frage, wie Gott dieses Leid nur zulassen kann.

Eine Frage, die in ihrer klassischen Formulierung zwar schon im 4. Jh. v.Chr. gestellt wurde, aber auch nach mehr als 2000 Jahren nicht zu beantworten ist: Woher kommt das Übel und warum beseitigt Gott es nicht, wenn er doch gütig, allwissend und allmächtig ist. Will er, aber kann er nicht? Will er nicht, aber könnte er? Will und kann er, aber…? Greift Gott gar nicht mehr in diese Welt ein oder nur willkürlich? Verstehen wir nicht, dass er eingreift oder versteht Gott nicht, dass wir auf sein Eingreifen hoffen? Wir brauchen Gott, aber braucht Gott auch uns? Wenn ihm egal ist, ob wir böse oder gut sind, sind wir ihm dann nicht grundsätzlich egal? Ist die Welt, die er geschaffen hat, sich selbst überlassen und müssen wir deswegen nicht tatsächlich von einer „Soziodizee“ (Armin Nassehi: Unbehagen. Theorie der überforderten Gesellschaft. München 2021, S. 30) anstelle einer Theodizee sprechen? Wenn wir Gott egal sind, kann Gott auch uns egal sein.

Mir bleibt nur eine persönliche Antwort, weil mir Gott nicht egal ist: Ich glaube an Gott. Ich glaube daran, dass er gütig, allwissend und allmächtig ist, auch wenn dieser Glaube meine Vernunft weit übersteigt. Auch wenn Krisen, Krankheiten, Sterben und Tod diesen Glauben ins Wanken bringen, vertraue ich darauf, dass Gott gegenwärtig ist. Es ist eine Hoffnung wider alle Hoffnungslosigkeit. Ich schimpfe mit Gott, ich klage ihn an. Das muss ich aushalten. Und das hält Gott aus.

Meine Antwort auf die Anrede der furchtbaren Wirklichkeit, die uns allen gegenwärtig Angst macht, in der wir Zeugen unvorstellbaren Leides sind, ist ein Ringen und ein Suchen darum, den Glauben an Gott lebendig zu halten (vgl. Isolde Karle: Die Folgen der Pandemie für Religion und Kirche. „Leben gelingt nur in der Hingabe“, in: Deutsches Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt, 2022).

Trotz Krankheit, Sterben und Tod vertraue ich darauf, dass Gott in und unter uns ist. Die Zweifel nicht nur an der Gerechtigkeit, sondern auch an dem Da-Sein Gottes überhaupt, die das Übel in der Welt aufwirft, bestehen. Sie sind nicht einfach stumm, nur wenn ich sie nicht laut ausspreche. Stumm wird aber Gott, wenn wir nicht mehr von ihm reden. Deswegen heißt von Gott zu reden in der jetzigen Situation für mich, auch unsere Stummheit und Sprachlosigkeit auszudrücken. Dabei geht es nicht darum, das Leid, das nicht zu rechtfertigen ist, zu akzeptieren oder zu erklären. Ich weiß nicht, warum Gott das zulässt. Ich weiß nicht, warum unsere Welt nicht nur gut ist und das Übel hier auch seinen Ort hat. Ich weiß es nicht und Gott darf mein Nichtwissen hören. Er darf meine Zweifel, meine Wut und meine Trauer hören.

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