Gehirn ohne Geist? Neurowissenschaften und die Theologie

Die Hirnforschung versĂ€umt den Austausch mit den Geisteswissenschaften. Technisch sind alle Möglichkeiten da – doch wie umgehen mit all der technologischen Finesse? Zur VerhĂ€ltnisbestimmung von Gehirn und Geist kann auch die Theologie ihr Scherflein beitragen.

Bei der SommeruniversitĂ€t in TĂŒbingen – eine Art Sendung mit der Maus fĂŒr Erwachsene – hielt der Neuromediziner Ulf Ziemann 2015 einen Vortrag zur Hirnforschung. In der AnkĂŒndigung dazu hieß es:

Das Gehirn ist ein elektrisches Organ. Seit Jahrhunderten beschĂ€ftigen sich Forscher damit, das Gehirn des Menschen durch elektrische Reizung zu aktivieren, seine Funktion zu modulieren, und pathologische Funktion zu therapieren. Der Vortrag gibt Einblicke in viele interessante Experimente, wie nicht-invasive elektrische und magnetische Hirnstimulation unser VerstĂ€ndnis der Hirnfunktionen verbessert haben. Dabei werden Fragen zu Erregbarkeit, [
], Lernen und Bewusstsein, aber auch die Behandlung von verĂ€nderter Hirnfunktion etwa nach einem Schlaganfall oder bei Epilepsien berĂŒhrt.

Was kannst du, Hirnforschung?

Ziemann arbeitet an der UniversitĂ€t mit dem Hertie-Institut fĂŒr klinische Hirnforschung und dem Centrum fĂŒr Integrative Neurowissenschaften (CIN) zusammen. Eines seiner Forschungsgebiete ist die Behandlung von Schlaganfallpatienten. Bilder, die er wĂ€hrend des Vortrags zeigt, wie er vor Jahren mit Magnetstimulation im Selbstexperiment forschte, wecken Heiterkeit im Publikum. Man sieht den (spĂ€teren) Herrn Professor an einer Art großen Zahnarztstuhl umgeben von allerlei Technik, eine mĂ€chtige und etwas klobige Magnetspule ragt in das Foto. Das liegt nun schon einige Zeit zurĂŒck.

Das CIN gilt als eines der Vorzeigeprojekte der Hirnforschung und war Teil der Exzellenzinitiative, die 2005 von der Bundesregierung ausgerufen wurde. Gelder fließen derzeit reichlich in die Neurowissenschaften. Im gleichen Maße wie die finanziellen Mittel steigen, wĂ€chst das öffentliche Interesse an der neuen Technik. „Hirnforschung, was kannst du?“, fragt die FAZ in einer großen Artikelserie und spĂŒrt möglichen Auswirkungen und Anwendungen in Musik und Medizin, Jurisprudenz oder den Sprachwissenschaften nach.

Große Hoffnungen in der Medizin

Greifbar sind die Hoffnungen besonders in der Medizin. WĂ€re es nicht großartig, wenn der Arzt die Stelle im Gehirn lokalisieren könnte, an der epileptische AnfĂ€lle ausgelöst werden, und wenn er diesen Auslöser durch Stimulation gewissermaßen stilllegen, auf Dauer ruhig stellen könnte? WĂ€re es nicht wunderbar, mittels elektrischer Impulse zur Stimmungsaufhellung bei Depressionen beizutragen oder die Depression insgesamt auf Dauer einzuhegen?

Was ist Science Fiction, was reale Möglichkeit?

TatsÀchlich gibt es vielfÀltige Fortschritte und Anstrengungen. Ulf Ziemann zÀhlt mit seinem Team zu den neurowissenschaftlichen Pionieren und geizt in seinem Vortrag nicht mit aktuellen Einblicken in seine Arbeit.

Methoden in der Neurowissenschaft

FrĂŒher habe man Probanden fĂŒr jeden ausgegebenen Magnetstoß noch einige D-Mark extra in die Hand gedrĂŒckt, schmunzelt Ziemann, weil das durchaus schmerzhaft war. Heute gehe alles, ohne dass man davon etwas spĂŒrt. Durch immer feinere Anpassung bei Impulsdauer und -stĂ€rke an die konkrete Verfasstheit des Gehirns zog die Technik in immer neue Anwendungsbereiche ein, sie wurde massentauglich:

EEG

Bei der Messung von Gehirnströmen zĂ€hlt vieles lĂ€ngst zum Standardrepertoire. Bekanntes Beispiel ist die EEG, die Elektro-Enzephalographie, bei der durch aufgelegte Sensoren auf der Kopfhaut Spannungsunterschiede aufgezeichnet werden. Diese Messung lĂ€sst RĂŒckschlĂŒsse auf die verschiedenen GehirnaktivitĂ€ten zu. Viele Arztpraxen sind seit Jahrzehnten dafĂŒr ausgestattet.

TMS

Etwas weniger bekannt ist die Transkranielle Magnetstimulation, kurz TMS. Bei dieser Methode wird mit elektromagnetischen Feldern gearbeitet, die auf kleine und kleinste Hirnareale ausgerichtet werden können. In den 80ern kam verbreitet der Einsatz von Kernspintomographen in Gang, die ebenfalls mit starken magnetischen Wechselfeldern funktionieren. Im Unterschied zur EEG geht es bei der TMS nicht nur um passives Messen, sondern auch um aktives Auslösen von Gehirnströmen.

Generell ist in der Hirnforschung zwischen invasiven und nicht-invasiven Methoden zu unterscheiden. Invasiv sind alle Vorgehensweisen, bei denen physisch in das Gehirn eingegriffen wird, wie das bei Gehirn-Operationen der Fall ist. Nicht-invasiv sind die Methoden, bei denen keinerlei physischer Eingriff nötig ist. FĂŒr beide technischen Varianten bietet die Hirnforschung heute eine Vielzahl konkreter Nutzungen.

Gehirn und Geist

Bei so viel technischer Innovation konnte nicht ausbleiben, dass die Spekulationen alsbald ins Kraut schossen. Die Fantasien zur Erweiterung des menschlichen Gehirns, Verbesserungen bei der GedĂ€chtnisleistung oder „GenialitĂ€t auf Knopfdruck“ schienen unbegrenzt. Ob allein in Kombination mit Technik oder als Hirn-Doping in Kombination mit Dreingabe von Substanzen: Der kommerzielle Sektor des „Neuro-Enhancements“, der kĂŒnstlichen Erweiterung von Gehirnleistungen, prĂ€sentiert sich selbstbewusst.

Zudem erscheinen so manche neuartige GerĂ€te auf dem Markt. Die amerikanische Firma Emotiv verkauft auf Basis der EEG ein „Neuro-Headset zur Steuerung des Heim-PC mittels Gedanken“ (749 Euro). Das GerĂ€t, das auf den ersten Blick aussieht wie ein aus dem Raumschiff Enterprise gefallener Design-Kopfhörer, soll laut Hersteller ermöglichen, den Computer mit Befehlen wie „links“ oder „rechts“, „Ziehen“ und „Ablegen“, „Drehen“ usw. zu bedienen. Das GerĂ€t sei zudem in der Lage, GesichtsausdrĂŒcke wie Überraschung oder LĂ€cheln zu erkennen. Hatte nicht IBM schon Ende 2011 prognostiziert, dass innerhalb von fĂŒnf Jahren eine „Mind Machine“ entwickelt sei, bei der Menschen via Gehirnwellen mit Computern kommunizieren?

Da stutzt der Laie, und der Fachmann lacht
 Was ist daran Science Fiction, was ist reale Möglichkeit? In diesem Zusammenhang ist es dann ganz gut, dass sich in Fachzeitschriften wie „Gehirn und Geist“ blĂ€ttern lĂ€sst, die Technik-Trends sortieren, seriös bewerten und auf populĂ€rwissenschaftlichem Niveau erklĂ€ren. (Die Zeitschrift, die im Verlag Spektrum der Wissenschaft erscheint, bietet neben der regulĂ€ren monatlichen Ausgabe zwei Sonderreihen: Dossier, zu ausgesuchten Spezialthemen, und Basiswissen, mit EinfĂŒhrungen in die Grundlagen der Neurowissenschaft. Vgl. auch GEO Wissen und andere Fachmagazine.) Beim KlĂ€ren, was ist Spielerei, was ernsthafte Anwendung, was ist Scharlatanerie, sind fundierte Informationen dringend notwendig.

Der Mythos vom Gedankenlesen

Unterdessen ĂŒberrascht die Fachwissenschaft mit interessanten AuskĂŒnften. Dem staunenden Publikum erzĂ€hlt der Berliner Professor John-Dylan Haynes: „Wir können einfache Gedanken lesen.“ Der UniversitĂ€tsmediziner vom Bernstein Center for Computional Neuroscience an der CharitĂ©, dem nicht zufĂ€llig von der Presse der schmĂŒckende Beiname „Der Gedankenleser“ angehĂ€ngt wurde (SĂŒddeutsche Zeitung), beschreibt Verfahren, mit denen im Hirnscanner erkennbare Gehirnmuster den verschiedenen Gedankeninhalten, Motiven oder Handlungsabsichten zugeordnet werden. Man weiß also, was jemand denkt. Eine – wichtige – EinschrĂ€nkung fĂŒgt der Kognitionsforscher jedoch jeweils an: Das gehe nur, wenn zuvor schon einmal die VerknĂŒpfung zwischen einem „Aktivierungsmuster“ und dessen konkretem Inhalt im Scan gemessen und aufgezeichnet wurde…

“Wie wĂ€re es mit einem Schuss GedankenĂŒbertragung?“

Wer lesen kann, kann meist auch schreiben

Doch selbst diese nĂŒchternen Feststellungen kann die Hirnforschung noch ĂŒberbieten. Denn in aller Regel gilt: „Wer lesen kann, der kann auch schreiben.“ Dass dem so ist, zeigt ein mit einigen Showeffekten angereichertes Experiment, das in der Fachzeitschrift „PLOS One“ beschrieben wurde. Die Forscher lasen per EEG bei einer Person in Indien einfache Gedankeninhalte aus wie „Hallo“ oder „TschĂŒss“, verschickten die Signale per E-Mail an eine Testperson in Frankreich und induzierten sie dort per TMS. Das Experiment gelang. Der Franzose wusste, ob man sich in Indien gerade begrĂŒĂŸt oder verabschiedet hatte. Bei vergleichbaren Versuchen 2013 an der Washington UniversitĂ€t in Seattle ging es um einfache Computerspiele und das DrĂŒcken von Computertasten. Man wird zwar fragen, ob das DrĂŒcken einer Taste bereits ein bedeutungsvoller Gedankeninhalt ist. Immerhin zeigt es andererseits, dass die Übertragung von Gehirnimpulsen prinzipiell nicht ausgeschlossen ist.

Technik: Historische Fortschritte in der Entwicklung

Vielleicht sollten wir an dieser Stelle mal eben Durchschnaufen? Tun wir. Und werfen einen Blick zurĂŒck auf die historischen AnfĂ€nge der Transkraniellen Magnetstimulation. Es war im Jahre 1985 als die erste öffentliche Demonstration der Hirnstimulation in Großbritannien in einem Hörsaal der UniversitĂ€t Cambridge stattfand. Damals noch mit einer jener klobigen Magnet-Spulen, mit denen spĂ€ter auch Ulf Ziemann experimentierte. Auch damals ging es um das Auslösen von Muskelzuckungen durch die elektromagnetische Induktion.

Der kleine Schwenk fĂŒhrt uns zurĂŒck zur SommeruniversitĂ€t in TĂŒbingen. Professor Ziemann, Mitherausgeber eines umfassenden Fachbuchs zur Hirnstimulation („Das TMS-Buch“, Springer Verlag, 2007), lĂ€sst gegen Ende seines Vortrags sichtlich mit VergnĂŒgen einfließen, wie leicht man Technik aushebeln kann: Ein GlĂ€schen Sekt oder ein Glas Wein verhindern elektromagnetische Induktionen maßgeblich. (Der Geist ist eben – so oder so – der Technik ĂŒberlegen
)

Doch natĂŒrlich ist lĂ€ngst alles vielfach fortentwickelt. Die Mediziner sind bei ihren Patienten mittlerweile dazu in der Lage, einzelne Aktionsmuster so zu lokalisieren, dass sie durch andere induzierte Muster gewissermaßen â€žĂŒberlagert“ und damit „unwirksam“ gemacht werden können. Auch die klobigen und unhandlichen Magnet-Spulen sollen zunehmend der Vergangenheit angehören, um smarteren und noch exakteren technischen Lösungen Platz zu machen.

Fehlende Visionen

Doch wĂ€hrend sich das Spektrum technischer Anwendungen weitet, droht der Hirnforschung von anderer Seite Erosion. Das milliardenschwere Human Brain Projekt der EuropĂ€ischen Union, das sich zum Ziel setzte, das menschliche Gehirn nachzubauen und computertechnisch zu simulieren, ist jĂŒngst in die Kritik geraten. Man streitet ĂŒber Ziele, Umsetzungen (und um die Forschungsgelder). Und wĂ€hrend das „Manifest der Neurowissenschaften“ von elf Wissenschaftlern im Jahr 2004, im Magazin Gehirn und Geist veröffentlicht, feierlich den hochfliegenden Anspruch einer neuen Leitwissenschaft formulierte, beĂ€ugt zehn Jahre spĂ€ter ein kritisches Gegen-Manifest, wie viel davon bislang (so gar nicht) eingelöst ist.

Das Gehirn ist nicht alles

Das Manifest von 2004 klang streckenweise so, als werde man nun „den neuen Menschen“ schaffen. Das „Memorandum“ von 2014 moniert demgegenĂŒber Defizite der Hirnforschung gerade in einer adĂ€quaten Anthropologie (Auffassung vom Menschen). Das Problem: Niemand scheint so recht zu wissen, zu sagen oder auch nur zu diskutieren, was man mit der neuen Technik wirklich alles machen kann und will. Den Neurowissenschaften drohe die Fixierung auf angesammelte Datenberge, ohne diese methodologisch richtig auswerten zu können.

Als wĂ€re das Gehirn ohne Geist zu begreifen
 Als gĂ€be es das Gehirn isoliert. Dem Satz „Ohne Gehirn ist alles nichts“ sei der andere Satz „Das Gehirn ist nicht alles“ beizustellen, heißt es im Memorandum. „So wie man im Prinzip ohne Hirnrinde nicht denken kann, kann man ohne Arme keine BĂ€ume fĂ€llen, ohne Beine nicht gehen und ohne Augen nicht sehen.“ Von freilaufenden Gehirnen habe man noch nie gehört.

Mit anderen Worten: Den gewonnenen Daten, gewissermaßen der ausgelesenen „Schrift der Natur“, dem angehĂ€uften Wissen ĂŒber das Gehirn, muss die Struktur, der Sinn, die Anwendung noch explizit hinzugefĂŒgt werden. Das tote Material an sich ist nichts. Das Buch der Natur muss erst noch (am besten: richtig) gedeutet werden. Man darf das wohl einen geistigen Vorgang nennen.

Gehirn ohne Geist?

Die Theologie jedenfalls kennt die entsprechenden Konstellationen. „Der Geist ist’s, der lebendig macht!“ wird emphatisch betont, wo vom „toten Buchstaben“ lĂ€hmende Beschlagnahme beansprucht wird. Ja, Buchstabe und Geist, irgendwie gehören beide schon zusammen. Aber wie? So viel steht fest: Der Buchstabe allein bleibt stumm, das Geschriebene, auch alle Regelhaftigkeit, GesetzmĂ€ĂŸigkeiten und Gesetze bleiben leer, wenn nicht der „rechte Geist“ hinzutritt.

Die Frage an die Neurowissenschaften lautet: RĂŒckt die Hirnforschung im großen Ganzen in die NĂ€he einer Separat-Wissenschaft, die isoliert in sich selbst besteht, ist sie gar auf dem Weg zu einer technikglĂ€ubigen Weltanschauung, die sich außerhalb des breiten FĂ€cherkanons der althergebrachten UniversitĂ€ten stellt? Hier wĂ€ren die Geisteswissenschaften um Intervention gefragt. Man kann das Memorandum auch als den energischen Appell zu mehr InterdisziplinaritĂ€t lesen.

Das erforderte freilich umgekehrt, dass die Geisteswissenschaftler unter ihrem BĂŒcherberg hervorkrabbeln und sich bei Tageslicht die Welt von heute anschauen. Ein Wahrnehmen der Naturwissenschaften und all der neuen Möglichkeiten. Die nun einmal da sind.

Oh je, „Elektrik“? Mancher denkt bei Technik zuerst an seinen stĂ€ndig abstĂŒrzenden PC. Am besten, man macht einen großen Bogen um alles, was blinkt und das man nicht genau versteht
 Doch sollte am Ende die Sache so ausgehen, dass die Neurowissenschaften fĂŒr das Gehirn, und die ĂŒbrigen Wissenschaften fĂŒr den Geist zustĂ€ndig sind?

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