Theologisches Stichwort: Barmherzigkeit

Was oder wen fanden Sie zuletzt barmherzig? Wann haben Sie zuletzt dieses Wort verwendet? Es scheint aus unserem alltäglichen Wortgebrauch verschwunden zu sein.

Wenn man in die Google-Internetsuchmaschine „barmherzig“ eingibt, so vervollständigt sie zuerst zu „barmherzige Brüder“, ein Orden, der auf Johannes von Gott (1495–1550) zurückgeht und seinen Schwerpunkt im Krankenhausbereich hat. Barmherzigkeit – die Sache einiger Weniger?

Wir erwarten kaum noch Barmherzigkeit und sind selten zu echter bereit, denn Barmherzigkeit ist mehr, als eine Spendenüberweisung auszufüllen. Lediglich in der Liturgiesprache des Sonntags ist das Wort noch vorhanden: „Barmherziger Gott“, so beginnen manche Gebete, doch was trauen wir Gottes Barmherzigkeit zu und was soll Barmherzigkeit im Hinblick auf Gott überhaupt sein? Als Ersatz zu „lieber Gott“ taugt diese Wendung nicht, denn dann wird die Tiefe dieses Begriffes unterschätzt und auch unterschlagen.

Barmherzigkeit kommt aus der Tiefe, ja gerade aus der Tiefe Gottes. Betrachtet man die Verwendung des Begriffes im biblischen Kontext, so fällt auf, dass Barmherzigkeit im Alten Testament mit der hebräischen Wurzel rḥm als Adjektiv bis auf Ps 112,4 nur für Gott gebraucht wird. Gottes mütterliche Seite, so könnte man es nennen, da das Adjektiv mit dem Nomen „Mutterschoß“, „Gebärmutter“ verwandt ist. Barmherzig kommt von innen und wird gleichsam zur Selbstvorstellung Gottes, zum Ausdruck, mit dem Gott sich selbst vorstellt, sich offenbart. Nach der Namensoffenbarung in Ex 3,14 wird der Gottesname in Ex 33,19 und 34,6-7 weiter ausgeführt: JHWH – barmherzig und gnädig. Dabei ist barmherzig/ Barmherzigkeit die absolute Hinwendung Gottes, helfend und liebend, zu den in Not und vor allem in Schuld Geratenen: Ich bin da!

Immer wieder wird Barmherzigkeit als das beschrieben, was das Volk Israel in seiner Geschichte als die Liebe Gottes erfährt: „Wie kann ich dich preisgeben, Ephraim, und dich ausliefern, Israel? Wie kann ich dich preisgeben gleich Adma und dich zurichten wie Zebojim? Mein Herz ist anderen Sinnes, alle meine Barmherzigkeit ist entbrannt. Ich will nicht tun nach meinem grimmigen Zorn noch Ephraim wieder verderben. Denn ich bin Gott und nicht ein Mensch und bin der Heilige unter dir und will nicht kommen zu verheeren.“ (Hos 11,8-9)

Auch im Neuen Testament ist die Begrifflichkeit der Barmherzigkeit (auch noch mit den Wörtern Mitgefühl und Mitleid ausgedrückt) mit Gott untrennbar verknüpft, wobei Gottes Barmherzigkeit die Voraussetzung menschlichen Seins und Handelns ist (Röm 12,1). Sie geht allem voraus und wird z.B. in den Wundergeschichten anschaulich gemacht. Gottes Barmherzigkeit ist dabei Vorbild für die menschliche Barmherzigkeit und Hinwendung zum Nächsten, Vorbild auch für den extremsten Fall, die Feindesliebe, die die „Kinder des Allerhöchsten“ auszeichnet. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ (Lk 6,36).

Barmherzigkeit als leidenschaftliche und bedingungslos liebende Hinwendung ist eine elementare Erfahrung, die wir Menschen – nicht nur wenige Brüder, sondern alle – immer wieder machen dürfen, auf die wir nicht verzichten können. Grund genug, das Wort nicht aus unserem Wortschatz zu streichen, sondern neu zu entdecken.

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