Demokratisierung der Mystik Vom Beruf des Christenmenschen

Hat das Christentum die Mystik demokratisiert? Ansatzpunkte dafür finden sich im Gedanken der Berufung jedes Menschen, die unabhängig von Herkunft, Volkszugehörigkeit, Alter, Rang und sozialem Status gilt.

Die richtige Verhältnisbestimmung von Gott und Mensch, ist Thema der Mystik. Schon die Psalmen beten: „Gott nahe zu sein, ist mein Glück.“ Im Traditionsstrom der Orthodoxie gilt die Vergöttlichung des Menschen als ein zentrales Ziel. Je näher der Mensch Gott kommt und je mehr er ihm ähnelt, um so besser. Mystik strebt nach einer Verschmelzung, ja Einswerdung mit Gott: der „unio mystica“.

Doch leider scheint die Mystik eine Sache, die für nur wenige geeignet ist. Einsiedler ziehen sich von der Welt zurück, um möglichst ohne Ablenkung, durch Meditation und durch Gebet, im Idealzustand zu leben. Aber nur wenige erreichen den gewünschten Zustand, und dieser dauert oft nur kurze Zeit. Gott gleich zu sein, das scheint nicht leicht… Kurzum: Dass eine Distanz da ist zwischen Gott und Mensch, die erst und immer wieder zu überwinden ist, davon geht die Mystik aus, es ist der Ausgangspunkt der Mystik.

Ziel: Die Distanz von Gott und Mensch zu überwinden

Mystische Tendenzen finden sich an vielen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten. Besonders das 17. und 18. Jahrhundert ist bekanntlich reich an diesen Strömungen: Mystik findet nicht nur in esoterischen Zirkeln Anklang, sondern hat immer Menschen aller Schichten fasziniert. Ein Thema also, das in der Mitte der Christenheit verhandelt wird und mit gutem Grund durchaus auch in ihr Zentrum gehört. Ist es doch mehr als ein Kalenderspruch, wenn betont wird, dass wir von „Gott nicht an den Grenzen, sondern in der Mitte, … nicht also [erst] bei Tod … sondern … im Leben und im Guten des Menschen sprechen“ sollten. Also: Mitten in der Welt.

Oder ist Gott nur etwas für Esoteriker, für Weltflüchtige und Eskapisten? Das wäre traurig und frustrierend! Als wäre Gott und seine Welt nur etwas für den Aussteiger oder Exzentriker. Als wäre Gott für den normalen Menschen nicht erreichbar oder „unerschwinglich“! Gott aber ist kein fernes Wesen, das den menschlichen Alltag nicht betrifft, das für den Lebensalltag keine Bedeutung hätte. Sondern: „In ihm, durch ihn: sind wir.“

Ein beredtes Beispiel dafür gibt, wie könnte es auch anders sein, das Kirchenlied. Du in mir, ich in dir: Oft begegnet diese Gedankenfigur in den alten und in den neuen Liedern… Schlagen Sie es einfach selber einmal nach! Viele werden an den Mystiker Tersteegen denken oder an Johann Scheffler. Auch bei Paul Gerhardt ist die Gedankenfigur verbreitet.

Jeder Mensch ist „gottfähig“

Das Kirchenlied bezeugt: Nicht nur Einsiedler, hoher Klerus oder Mönche werden der Gegenwart Gottes individuell gewahr. Sondern schon dem einfachen Christenmenschen stehen alle Wege zur Gotterkenntnis und zur Teilhabe an Gottes Wesen offen! Dabei muss man keineswegs starr und gebannt in die Sterne schauen, bis man einen Gottes-Strahl erhascht, oder in der asketischen Nichtung alles Eigenen und Weltlichen den versteckten Gottesfunken suchen: Denn es ist (nach christlicher Überzeugung) in Leben, Reden und im Sein jenes Nazareners alles schlicht und anschaulich gegeben. „Willst du den Perlentau der edlen Gottheit fangen, so musst du unverrückt an seiner Menschheit hangen.“ (Johann Scheffler)

Paulus der Mystiker und das „mystische“ Johannes-Evangelium

Wird nicht auch der Apostel Paulus gern als Mystiker bezeichnet? Bereits die Sprache des wohl „mystischsten“ der Evangelien, des Johannes-Evangeliums, bietet Anklänge zu mystischem Gedankengut. In den Psalmen wird man, wie gesehen, gleichfalls fündig.

Klassische Stellen, die Anhaltspunkte für jeden Mystiker bereithalten, sind nun die Worte im Johannes-Evangelium vom gegenseitigen „In-Sein“ von Gott und Mensch: der Mensch in Gott, und Gott im Menschen; etwa in den Kapiteln der Abschiedsreden. Oder bei Paulus im Galaterbrief Kapitel 2, Vers 20; vgl. Epheser 3,17. Der Gedanke, dass Gott dem Menschen nahe ist, wird vielfach auch in Psalmen angesprochen.

Gottes Gegenwart aber erfährt der Mensch durch Gottes Geist – denn: Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist anbeten. Beredtes Beispiel dafür ist, wie könnte es denn anders sein, wiederum das Kirchenlied. Es ist der Geist Gottes, EG 503, der im Menschen Wohnung nimmt, ihn leitet oder leiten soll. Schauen Sie daraufhin einfach selbst einmal die Texte und die Liedstrophen der alten Kirchengesänge an…

Und so gibt es nicht ohne Grund die These, dass im Christentum, (jedenfalls) im evangelischen Raum, der Strom der Mystik verbreitert, popularisiert, gewissermaßen „demokratisiert“ wurde (Walter Kasper).

Priestertum der Gläubigen

Die Katholische Kirche hat mit dem Allgemeinen Priestertum der Gläubigen  schon im 20. Jahrhundert jenen Gedanken ernst genommen und dadurch zum Ausdruck gebracht: Selbst wenn es graduelle und wesensmäßige Unterschiede im jeweiligen Charisma der Einzelnen geben mag, so ist die jeweilige Christus-Präsenz (der „christus praesens“) bei ihnen doch identisch. Insofern gilt: Jeder Mensch ist „gottfähig“. Vor Gott sind alle Menschen gleich.

Priestertum der Gläubigen bedeutet: Jeder Mensch hat unmittelbar Zugang zu Gott; schon das Gebet im „stillen Kämmerlein“ dringt an Gottes Ohr – siehe nur die Bergpredigt. Priestertum der Gläubigen meint auch: Gott kann sich unvermittelt gegenwärtig machen – wenn, wann und wo er will. Priestertum der Gläubigen meint aber nicht: Jeder denkt sich seine Gottheit selbst, oder: Jeder ist sich selbst ein kleiner Gott. Denn auch der Mystiker hat ein bleibendes Gegenüber. Das seine Eigenständigkeit bewahrt.

Gott im Menschen, der Mensch in Gott

Von einem geradezu mystischen Tausch zwischen Göttlichem und Menschlichem schreibt Martin Luther im Freiheitstraktat des Jahres 1520. In einem seiner Kirchenlieder lautet der Gedanke so (Rede des göttlichen Erlösers an die menschliche Seele): „denn ich bin dein und du bist mein, und wo ich bleib, da sollst du sein, uns soll der Feind nicht scheiden“. Es ist kaum zufällig, dass zu den ersten Texten, die Luther publizierte, die Mystiker des Mittelalters zählten: In Wortmeditation und im Gebet sowie im Durchdenken und Durchmessen dessen (Oratio, Meditatio, Tentatio) sieht evangelische Theologie das Recht der Alltagsmystik.

Der Beruf des Menschen

Aus dem allem folgt für die Berufung des Menschen, das heißt für seinen Beruf: Nicht erst die außergewöhnliche Tat ist beachtenswert und gottgefällig, sondern schon das einfache, das alltäglichste Tun! Deshalb erhält der Wunsch, mitten in der Welt Gott zu bezeugen, wichtigen Anhalt gerade in der genuin christlich geprägten Lehre vom Beruf.

Der Beruf des Menschen: Liebe

In der christlichen Berufsethik wird Mystik konkret. Der Haupt-Beruf des Menschen aber lässt sich schlicht und einfach auf einen Nenner bringen: Liebe. Denn „wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott in ihm“, 1. Joh 4,16 (vgl. dazu das strukturverwandte „Doppelgebot der Liebe“).

Die Mystik demokratisiert

Die weitreichendste Popularisierung, Ausweitung und Demokratisierung der Mystik ist somit im Gedanken des christlichen Berufsethos zu finden. Indem jeder Einzelne dazu berufen ist, die erfahrene Zuwendung Gottes weiterzugeben, zu teilen und je nach Situation, Amt oder Begabung auf adäquate Weise weiter zu vermitteln, ist die elementarste Ausweitung der Mystik gegeben, die sich denken lässt. Denn dieser göttliche Ruf und Beruf gilt jedem Christenmenschen, gilt unabhängig von Herkunft, Rang, Volkszugehörigkeit, gesellschaftlichem Status oder Verdienst. Er ist egalitär und egalisierend.

„Heilige“ im Zeugnis des Neuen Testaments

Spannend ist denn auch, dass in der Urchristenheit alle Mitglieder der christlichen Gemeinde als „Heilige“ bezeichnet werden (Röm 1,7; 1Kor 1,2; u.ö.). Heilig ist für das Neue Testament keine Exklusiv-Bezeichnung für nur wenige Besondere, sondern eine Inklusiv-Bezeichnung: ein Ehrentitel für jeden, der zur ecclesia gehört.

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