Verständigung ohne Einverständnis Impulse zu einer Hermeneutik der Polarisierung

In Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung wird die Herstellung eines Konsensus immer schwieriger. Wo früher erklärt und gestritten wurde, fehlen heute oft schon Voraussetzungen für ein gemeinsames Gespräch. Verständigung wird deshalb auch ohne Einverständnis schon zum hermeneutischen Ziel.

Mit denen kann man nicht mal mehr reden.“ – Der Satz fällt heute beinahe beiläufig. Beim Weihnachtsessen, nach der Kirchenleitungssitzung, in einer Kommentarspalte auf Instagram. Ein zustimmendes Nicken quittiert, dass man es genauso sieht, obwohl gar nicht klar ist, wer mit „denen“ eigentlich gemeint ist. Darin äußert sich eine Resignation – in Form einer Offenbarung: Nicht, dass wir uns uneinig sind oder es Meinungsverschiedenheiten gibt. Uneinigkeit und auch der Streit gehörten und gehören zum politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Alltag. Doch dieser Satz bringt etwas anderes zum Ausdruck, vielleicht so etwas wie eine neue gefühlte Grundstimmung. In ihm wird eine Grenze offenbar: Das Gespräch mit „denen“, die z.B. bei Themen wie Migration oder Klimawandel entschieden anderer Meinung sind, erscheint nicht mehr nur als mühsam oder aufwühlend, sondern schlicht als sinnlos, als bloße Zeitverschwendung. Denn wo früher noch argumentiert und erklärt oder diskutiert und gestritten wurde, dominiert zunehmend der Eindruck: Wir teilen nicht einmal mehr die Voraussetzungen für ein gemeinsames Gespräch.

Wenn die Bedingungen des Verstehens fragwürdig werden

Damit stellt sich eine grundlegende Frage: Was also, wenn nicht nur politische Positionen, sondern die Möglichkeiten des Verstehens selbst umstritten geworden sind? Was, wenn gerade die hermeneutischen Voraussetzungen, auf die auch Theologie und Kirche traditionell setzen – der Anspruch auf ein gemeinsames Einverständnis, auf geteilte Werte, auf Konsens als regulatives Ziel –, nicht mehr tragen und vielmehr selbst Teil der Polarisierungsdynamik werden?

In kaum einem Zeitraum ist diese Erfahrung so deutlich geworden wie während der Corona-Pandemie. Anfangs schien ein breites Einverständnis zu bestehen: über die Gefährlichkeit des Virus, über notwendige Schutzmaßnahmen, über solidarische Verantwortung. Doch gerade dieses vermeintliche Einverständnis erwies sich bald als hochgradig umstritten. Gänzlich unterschiedliche Verständnisse von Freiheit, Wissenschaft, Verantwortung und Vertrauen traten, je länger, je deutlicher offen zutage. Nachhaltig irritierend war nicht, dass es Streit über Sinn und Unsinn mancher Maßnahmen gab, sondern der Schock darüber, dass andere nicht nur anderer Meinung waren, sondern das als selbstverständlich vorausgesetzte Einverständnis nicht teilten. Die Verständigung scheiterte nicht primär an Argumenten, sondern an der grundlegenden Frage, was man überhaupt noch als gemeinsam voraussetzen konnte. Nicht worüber man sich uneinig war, sondern worin überhaupt noch Einigkeit bestand, war die für viele sorgenvolle Entwicklung. Diese Erfahrung scheint gegenwärtig die meisten gesellschaftlichen und politischen Debatten zu prägen – und mit ihr die Diagnose einer „polarisierten Gesellschaft“: Mit denen kann man nicht mal mehr reden.

Polarisierung polarisiert

Die Rede von der Polarisierung ist zur sozialwissenschaftlichen Leitvokabel, zum politischen Hauptproblem und zum festen Bestandteil öffentlicher Selbstbeschreibungen geworden. „Polarization sells“, konstatiert der Soziologe Nils Kumkar pointiert – und macht gleichzeitig auf eine zentrale Ambivalenz aufmerksam: Polarisierung ist nicht nur Gegenstand öffentlicher Debatten, sie wirkt selbst polarisierend.

Zum einen ist überhaupt nicht klar, wen Polarisierung betrifft und was damit genau gemeint ist. Tatsächlich klafft eine bemerkenswerte Lücke zwischen der gefühlten und medial vermittelten Polarisierung einerseits und sozialwissenschaftlichen Untersuchungen andererseits, die eine flächendeckende gesellschaftliche Spaltung empirisch nur begrenzt bestätigen können – so Steffen Mau et. al in ihrer Studie Triggerpunkte. Kumkar zeigt, dass Polarisierung kein einheitliches Phänomen bezeichnet: Weder lässt sich eindeutig eine allgemeine Radikalisierung von Einstellungen nachweisen noch eine klare Zweiteilung der Gesellschaft. Vielmehr handelt es sich um ein komplexes Zusammenspiel von Wahrnehmungen, Zuschreibungen und Kommunikationsmustern.

Zum anderen polarisiert Polarisierung als Deutung unserer gesellschaftlichen Verhältnisse selbst: Sie prägt politische Kommunikation und ermöglicht Komplexitätsreduktion. Zugleich fungiert sie als Tabu. Polarisieren und spalten, das tun nur die anderen. Man selbst ist viel eher am Vermitteln, am Aufklären, am Lösen der polarisierten Diskurse. Der Großteil der Menschen nimmt sich selbst gerade nicht als Polarisierungstreiber wahr. „Meine Position ist im Grunde die Mitte“ – nur die anderen sind alle radikalisiert und vertreten krude Meinungen. Eine bemerkenswerte Paradoxie, die sich auch sozialwissenschaftlich-empirisch verschiedenfach nachweisen lässt.

Die besondere Sprengkraft der Polarisierung entsteht nicht allein durch unterschiedliche Positionen, sondern durch die Erwartungshaltung, dass bei bestimmten Themen (z.B. beim Ukrainekrieg oder dem Umgang mit der AfD) doch wohl ein Einverständnis in der Sache geteilt werden müsste. Wo diese Erwartung enttäuscht wird, schlagen Differenz und Dissens in Unverständnis um. Die Diagnose der Polarisierung polarisiert – diejenigen, die sich auf der Seite der Vernunft, der Mitte oder der Verantwortung sehen, und diejenigen, denen genau dieses Einverständnis und damit ihre eigene Meinung abgesprochen wird.

Polarisierung als hermeneutisches Problem

Damit wird deutlich: Polarisierung betrifft nicht nur Inhalte, sondern die Möglichkeiten des Verstehens und der Kommunikation selbst. Gesprächsabbrüche, radikales Missverstehen und die Weigerung, dem Gegenüber überhaupt noch kommunikative Rationalität zuzubilligen, markieren eine Situation, in der selbstverständliche hermeneutische Grundannahmen ins Wanken geraten. Genau hier liegt die Erkenntnisaufgabe einer Hermeneutik der Polarisierung: nicht um Polarisierung zu bewerten oder zu therapieren, sondern um begriffliche Distanz zu schaffen und die kommunikativen Muster zu klären, durch die Polarisierung als Deutungsfigur wirksam wird.

Denn die Hermeneutik – als Reflexion auf die Bedingungen der Möglichkeit von Verstehen und damit nicht nur der Auslegung von Texten, sondern der Kommunikation und Sprache überhaupt – verstand sich lange als dezidiert polarisierungskompetent. Unterschiedliche Perspektiven wahrzunehmen, Gegensätze zu vermitteln, Horizonte zu verschmelzen – darin sah sie ihre Stärke. Dabei war die Hermeneutik sowohl als theologische Hermeneutik wie auch als philosophische Disziplin geprägt von mehreren grundlegenden Einsichten: Philosophisch wie theologisch ging man von der Unhintergehbarkeit des Verstehens aus. Kommunikation, so die leitende Überzeugung, setzt ein basales Einverständnis voraus und zielt – zumindest regulativ – auf Konsens. Sprache galt als Medium der Versöhnung, Verständigung als Antwort auf soziale Spaltung.

Einverständnis als Brandbeschleuniger

Unter den Bedingungen gegenwärtiger Polarisierung erweisen sich diese Annahmen jedoch als ambivalent. Zum einen bringt die Erfahrung verweigerter Verständigung den vorausgesetzten hermeneutischen Grundoptimismus ernsthaft ins Wanken. Noch so sehr auf das Verstehen zu wetten, hilft nicht weiter, wenn das eigentliche Problem nicht primär im Streit um das bessere Argument liegt, sondern der Wille zum Verstehen selbst nicht mehr leitend ist. Nichtverstehen und Nichtverstehenwollen prägen vielmehr die Kommunikationsbedingungen.

Zum anderen – und grundsätzlicher – zeigt sich, dass gerade der Anspruch auf Einverständnis polarisierend wirken kann. Die Corona-Pandemie hat dies in besonderer Schärfe sichtbar gemacht. Je selbstverständlicher ein bestimmtes Einverständnis gesetzt wurde – etwa Vertrauen in wissenschaftliche Expertise oder staatliche Maßnahmen –, desto schärfer fiel die Abgrenzung gegenüber denen aus, die dieses Einverständnis nicht teilten. Umgekehrt galt Entsprechendes dort, wo Skepsis oder Freiheitsansprüche als selbstverständlich vorausgesetzt wurden. Das jeweils behauptete Einverständnis fungierte als normativer Maßstab – und damit als Brandbeschleuniger. Die alte Hermeneutik, die auf ein Einverständnis und das universale Verstehen wettet, macht zugleich eine normative Aussage, die selbst in der Folge polarisierend wirkt.

Wer im Gespräch so spricht, dass er im Grunde nur Common Sense bediene und das sage, was jeder vernünftige, einsichtige Mensch ohnehin sagen würde, formuliert einen enormen Geltungs- und Wahrheitsanspruch und schiebt die Verantwortung für die Spaltung dem anderen zu. Die behauptete Angst vor der Spaltung wird zur politischen Allzweckwaffe: Wer es schafft, die Verantwortung für die Spaltung seinem Gegner zuzuschieben, hat die Debatte schon fast gewonnen.

Das Einverständnis strukturiert so den Diskurs in Zugehörige und Abweichende, in Verständige und Unverständige. Verständigung wird darum gerade nicht erleichtert, sondern erschwert und in ohnehin schon polarisierten Diskursen geradezu verunmöglicht. Die Normativität des Einverständnisses ist gerade darum ein eigenes Problem, weil in einer polarisierten Kommunikationssituation gerade kein Einverständnis vorauszusetzen ist.

Drei Wege für die Hermeneutik

Angesichts dieser Situation stellt sich nicht nur die Frage, wie mit der Polarisierung umzugehen ist. Zugespitzter lautet die Frage: Wie ist eine auf Kommunikation ausgerichtete Hermeneutik zu konzipieren, dass sie nicht das Problem der Polarisierung selbst noch radikalisiert? Drei Reaktionsweisen lassen sich unterscheiden, die sich auch im kirchlichen und gesellschaftlichen Diskurs wiederfinden

Ein erster Weg hält am klassischen Anspruch fest. Angesichts einer scheinbar immer polarisierteren Gesellschaft gilt es, umso deutlicher auf ein gesellschaftlich und politisch vorauszusetzendes Einverständnis als normative Mitte zu setzen – auf gemeinsame Werte, demokratische Grundüberzeugungen oder kirchliche Konsensformeln. Polarisierung gilt hier als Abweichung, der mit verstärkter Verständigungsarbeit zu begegnen sei. Praktisch zeigt sich dieser Ansatz in (auch theologischen) Appellen an Vernunft, Dialogbereitschaft und Verantwortung. Dies riskiert jedoch, Differenz vorschnell zu pathologisieren. Wer nicht zum Konsens findet, gilt als dialogunfähig oder böswillig.

Ein zweiter Weg kommt angesichts der Überforderung der Hermeneutik – und ihrer sogar schädlichen Verstärkung von Polarisierung – zu dem Ergebnis, dass die Hermeneutik als Projekt einer Bearbeitung der Polarisierung gescheitert ist. Polarisierung gelte es demgegenüber primär als Macht-, Affekt- oder Diskursphänomen zu analysieren, das mit Verständigungsappellen nicht zu bearbeiten sei. Aus der Not würde so eine Tugend gemacht: Angesichts des Scheiterns von Verstehen und Verständigung richtet sich der Blick auf Dimensionen des Diskurses – Affekte, Gefühle, Machtstrukturen. Auf Verstehen weiterhin zu wetten, gilt als illusionär. Zugleich droht hier eine kommunikative Resignation: Die Frage nach Verständigung wird aufgegeben, weil sie als unmöglich erscheint.

Eine dritte Option besteht darin, die Hermeneutik nicht gänzlich preiszugeben, aber ihre Ansprüche und Voraussetzungen ernsthaft zu befragen. Angesichts der Wirklichkeit polarisierter Kommunikationsräume und Diskurse ist die normative Voraussetzung eines Einverständnisses als gesellschaftlicher Konsens preiszugeben. Schlicht formuliert: Wie und unter welchen Bedingungen ist es überhaupt noch möglich, dass man miteinander spricht – was muss vorausgesetzt werden, dass gesellschaftlich überhaupt noch ein Interesse an Austausch und Diskurs besteht?

Verständigung ohne Einverständnis

Verständigung wird hier nicht mehr als Konsens oder auf Konsens hin bestimmt, sondern als konfliktive beziehungsweise konfliktfähige Praxis verstanden. Sie rechnet mit Differenz, mit Nicht-Verstehen, mit widerstreitenden Voraussetzungen. Verständigung bedeutet nicht, sich einig zu werden, sondern angesichts eines radikalen Dissenses überhaupt kommunikativ im Austausch zu sein oder zu bleiben. Verständigung ist hermeneutisch prekär, instabil und riskant und kann nicht normativ erzwungen oder behauptet werden.

Das Leitmotiv dieser Hermeneutik lautet: Verständigung ohne Einverständnis. Eine Hermeneutik der Polarisierung verzichtet damit auf die Illusion, gesellschaftliche oder kirchliche Konflikte auflösen zu können. Sie hält jedoch an der Einsicht fest, dass Verständigung nicht dort beginnt, wo Einverständnis herrscht, sondern dort, wo Differenz und Dissens (mitunter leidvoll) erfahren werden – ohne sie moralisch zu überhöhen, für obsolet zu erklären oder kommunikativ zu therapieren. Gerade darin läge die hermeneutische Aufgabe – in besonderem Maße auch für die Theologie. Zugespitzt formuliert: Wo Kirche und Theologie weiterhin auf Einverständnis als Voraussetzung setzen, partizipieren sie selbst an der Polarisierung, die sie zu überwinden suchen.

In der Druckausgabe erschien der Beitrag in einer gekürzten Fassung.

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