Das Interesse junger Menschen an Politik ist aktuell so hoch wie lange nicht. Umso wichtiger erscheint es, Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, ihr Lebensumfeld aktiv mitzugestalten – z.B. an der Schule.
Empirische und qualitative Studien zeigen übereinstimmend, dass demokratische Kompetenzen bei Kindern und Jugendlichen gezielt gefördert werden müssen. Zentrale Fähigkeiten wie Partizipation, politische Selbstwirksamkeit und der konstruktive Umgang mit Meinungsvielfalt hängen stark von realen Beteiligungs- und Entscheidungsmöglichkeiten im Schulalltag ab.
So gaben in einer bundesweiten Befragung (Keller, Vogt & Neumann 2021) nur 38 % der Jugendlichen an, regelmäßig an schulischen Entscheidungen beteiligt zu sein; zugleich zeigte sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen Mitbestimmungserfahrungen und politischer Selbstwirksamkeit. Verbindliche Beteiligungsstrukturen, transparente Entscheidungsprozesse und eine konsistente Haltung der Lehrkräfte erweisen sich dabei als zentrale Wirkfaktoren (Brandt 2022). Zudem nennt die Delphi-Studie „Zukunftskompetenzen 2035“ (Lange et al. 2023) schulische Beteiligungserfahrungen als zentralen Indikator langfristiger demokratischer Handlungsfähigkeit.
Soweit die theoretische Einleitung, doch wie ist die Realität? Angesichts dessen, dass bis hierhin der komplette Text von einer KI geschrieben wurde und die bislang zitierten Studien ausschließlich fiktiv sind, ist die Frage nicht nur, wie die Demokratiebildung in Schulen umgesetzt wird, sondern auch, welche Prozesse Demokratien gefährden und welche Antworten, welche Fähigkeiten Schulen den Erwachsenen von morgen mitgeben können. Welche Kompetenzen brauchen mündige Bürger in der Welt von morgen, in der künstliche Intelligenz beständig mächtiger, realitätsnaher, realitätsbildender wird?
Demokratiebildung als gelebte Praxis: Ein Blick an die Körschtalschule
Ein konkreter Blick in die Praxis zeigt, wie Demokratiebildung als schulisches Gesamtkonzept Gestalt annehmen kann. Die Körschtalschule, eine Gemeinschaftsschule am Rande Stuttgarts, steht in besonderer Weise für Vielfalt. Während der älteste Gebäudeteil aus dem Jahr 1936 stammt und der Reichsadler, ein Relikt aus der NS-Zeit, noch heute über dem Schuleingang sichtbar ist, versteht sich die Schulgemeinschaft ausdrücklich als Gegenentwurf zu autoritären Bildungslogiken: als Ort des gemeinsamen Lernens, der Heterogenität und der Mitgestaltung.
In ihrem Erfahrungsbericht „Schülerpartizipation auf allen Ebenen“ (s. Literaturhinweis am Ende des Artikels) beschreibt die Schulleiterin der Körschtalschule, Stefanie Lenuzza, Partizipation ausdrücklich als Haltungsfrage. Beteiligung sei nicht auf einzelne Gremien oder Projekte zu reduzieren, sondern müsse „von allen am Schulleben Beteiligten, vor allem den Erwachsenen, vorgelebt werden“. Partizipation lasse sich nicht delegieren oder verordnen, sondern entstehe dort, wo Verantwortung tatsächlich geteilt wird.
Partizipation als Haltungsfrage: in Unterricht, Schulkultur und Organisation
Diese Haltung prägt die Körschtalschule auf allen Ebenen: Unterricht, Schulkultur und Organisation. Lenuzza formuliert dabei einen zentralen Anspruch: Schüler*innen sollen „bei der Gestaltung ihres schulischen Lebensraumes ebenso Verantwortung übernehmen wie für ihr tägliches Handeln“ und die Schule als „kritische, mündige Menschen bereichern, um sie später gestärkt zu verlassen“.
Wissen, Können, Haltung, Erfahrung, Struktur, Reflexion
Demokratiebildung ist ein komplexer Bildungsauftrag, der sich nicht auf ein einzelnes Fach begrenzen lässt. Vielmehr ist sie fächerübergreifend und zugleich in jedem Fach konkret. In der Praxis lässt sich Demokratiebildung als Zusammenspiel mehrerer Dimensionen beschreiben:
| Dimension | Leitfrage |
| Wissen | Was ist Demokratie? |
| Kompetenzen | Wie handle ich demokratisch? |
| Haltungen | Warum ist Demokratie wertvoll? |
| Erfahrungen | Wo erlebe ich Demokratie konkret? |
| Schulkultur | Wie demokratisch ist unsere Schule? |
| Reflexion | Wo liegen Grenzen und Spannungen? |
| Zukunftsbezug | Wie bleibt Demokratie handlungsfähig? |
Die Wissens-Dimension findet im Unterricht statt. Die Dimension „Reflexion“ wird im Klassenrat eingeübt, „Kompetenzen“ erlernen die Schüler*innen bei allen partizipativen Gestaltungsmöglichkeiten an der Schule wie beispielsweise der SMV. Über „Haltung“ und „Schulkultur“ lesen Sie ebenso in diesem Artikel. Für den Zukunftsbezug erarbeiten wir an der Schule mit Our Future Projekte. Dabei suchen sich die Kinder eines der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der WHO aus und gestalten dazu ein Projekt. Besonders wirksam ist aber die Erfahrungsdimension: Demokratie muss erfahrbar sein. Genau hier setzt die Körschtalschule konsequent an.
Demokratie im Schulalltag erleben und einüben
Auf Klassenebene ist Beteiligung strukturell verankert. Regelmäßige Klassenlehrerstunden schaffen Raum für Morgenkreis, Wochenplanung und Klassenrat. Demokratie wird hier nicht abstrakt verhandelt, sondern konkret praktiziert: Probleme werden benannt, Perspektiven ausgetauscht, Lösungen gemeinsam entwickelt. Kinder und Jugendliche lernen, ihre subjektiven Wahrnehmungen als solche zu kennzeichnen, Ich-Botschaften zu formulieren und Emotionen differenziert auszudrücken. Empathie wird so zur demokratischen Schlüsselkompetenz.
Die Lernkultur der Gemeinschaftsschule unterstützt diesen Ansatz. Über Lerntagebücher, individuelle Lernzeiten und frei wählbare Lernorte übernehmen Schülerinnen und Schüler Verantwortung für ihren Lernprozess. Der sogenannte Lernbüropass macht Partizipation graduell erfahrbar: Mehr Verlässlichkeit und Selbststeuerung führen zu mehr Freiheit. Auch im fächerübergreifenden Lernband können Lernende Schwerpunkte entsprechend ihrer Interessen setzen – ein struktureller Beitrag zur Selbstwirksamkeit.
Reale Entscheidungsräume eröffnen
Im Ganztagsbetrieb wird Partizipation konsequent weitergeführt. Der Mensarat etwa bringt Schülerinnen und Schüler, Eltern, pädagogisches Personal, Schulträger und Caterer an einen Tisch. Hier werden Essenspläne diskutiert, Feedback ausgewertet und sogar gestalterische Ideen für die Mensa entwickelt. Lenuzza betont, dass solche Gremien Beteiligung nicht simulieren, sondern reale Entscheidungsräume eröffnen.
Auch die Schüler*innenmitverwaltung (SMV) ist fest in die Schulentwicklung eingebunden. Regelmäßige Schülervollversammlungen, projektbezogene Workshops und ein institutionalisierter Jour fixe mit der Schulleitung sorgen dafür, dass Mitbestimmung nicht symbolisch bleibt. Ob Schulkleidung, Toilettenkonzepte, Bibliothek oder das Programm „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ – Schüler*innen gestalten ihre Schule sichtbar mit.
Demokratiekompetenz als Wahrheits- und Urteilskompetenz
Ein zentrales Moment demokratischer Bildung liegt heute in der Fähigkeit, Informationen kritisch zu prüfen. In einer Zeit, in der Texte, Bilder und Narrative zunehmend emotional aufgeladen sind, gehört zur Demokratiebildung auch die Einsicht: Nur weil etwas geschrieben ist, muss es nicht wahr sein – und selbst Wahres kann ein Ausschnitt eines komplexen Zusammenhangs sein. Fake News zu erkennen, das fängt bei der simplen Leitfrage an: Ist der gerade gelesene Text in sich plausibel? Recherche, Faktencheck und die kritische Beurteilung von Quellen tun ein übriges. Und manchmal klingt es auch alles einfach zu schön und schlüssig, wie in der KI-geschriebenen Einleitung und ist vielleicht sogar inhaltlich richtig. Da hilft dann wirklich nur noch das Recherchieren der angegebenen Quellen.
Demokratiebildung als Schulentwicklungsprozess
Demokratiebildung zeigt sich an der Körschtalschule nicht in einzelnen Projekten oder Unterrichtsstunden, sondern in der konsistenten Verbindung von Struktur, Haltung und Praxis. Klassenrat, Lernkultur, SMV, Workshops und Austauschformate sind Ausdruck eines pädagogischen Selbstverständnisses, das Demokratie als lern- und gestaltbar begreift.
Schulleiterin Lenuzza bringt es auf den Punkt: „Partizipation ist zunächst eine Haltungsfrage von allen am Schulleben Beteiligten, vor allem der Erwachsenen.“ Schule, so wird deutlich, ist immer auch ein politischer Erfahrungsraum. Wo Macht geteilt, Verantwortung übertragen und Ambivalenzen ausgehalten werden, entsteht Demokratiebildung nicht als Zusatz, sondern als gelebte Realität.
Damit leisten Schulen wie die Körschtalschule mehr als politische Bildung: Sie stärken die demokratische Resilienz zukünftiger Gesellschaften.
Zum Weiterlesen
Stefanie Lenuzza, Schülerpartizipation auf allen Ebenen, in: Schule leiten, Jahrgang 2022, Ausgabe 28, S. 22-25, Friedrich-Verlag Hannover. Online: elibrary.utb.de/doi/abs/10.5555/sl-28-2022_06
