Ein holpriger Weg zur Demokratie Überlegungen zum Protestantismus des 20. Jahrhunderts

Vom obrigkeitlich geprägten Kaiserreich über die Zerreißproben von Weimar und Kirchenkampf bis zur Demokratie-Denkschrift zeichnet Benedikt Brunner den langen, konfliktreichen Weg des deutschen Protestantismus zur Demokratie nach – und zeigt, warum dieses Verhältnis bis heute nicht selbstverständlich ist.

Blickt man auf Verlautbarungen von kirchenleitenden Persönlichkeiten aus den letzten Jahren, so wird deutlich, dass man sich klar gegen die Feinde der Demokratie zu positionieren versucht. Immer wieder nahmen die Kirchen Positionen ein, die sich gegen „rechte“ Positionen wandten, wenn auch in unterschiedlicher Schärfe und Klarheit. Auf der sechsten Tagung der 13. EKD-Synode in Dresden im November 2025 entschied man sich, das folgende Jahr unter das Motto „Gemeinsam weiter. Kirche als Werkstatt für Demokratiebildung und intergenerationelles Lernen“ zu stellen. Wo die Kirche also steht in diesen Dingen, daran besteht kein Zweifel, auch wenn gleichzeitig die AfD heftig mit konservativ-christlichen Influencern flirtet und nicht jeder vor den Versuchungen von „rechts“ gefeit scheint. Wie weit die in Deutschland ebenfalls zunehmende Polarisierung sich auf dem religiösen Feld auswirken wird, ist noch offen.

Das war nicht immer so. Es war ein holpriger und wechselvoller Weg des deutschen Protestantismus zur Demokratie, der erst 1985 mit der Demokratie-Denkschrift zu einem gewissen historischen Abschluss gekommen ist. 1985, im dritten Regierungsjahr von Helmut Kohl, setzte die EKD ein Zeichen, sie stellte sich ganz hinter die freiheitliche Demokratie in Deutschland und sah den Staat des Grundgesetzes als Angebot und Aufgabe für das eigene Handeln an. Zu diesem Zeitpunkt hatte man schon vierzig Jahre von der grundsätzlich entgegenkommenden und wertschätzenden Religionspolitik dieses demokratischen Staates profitiert. Warum diese lange Leitung?

Obrigkeitsstaat und protestantische Selbstverständlichkeit

Geht man auf historische Erkundungssuche, warum das Verhältnis zwischen Protestantismus und Demokratie lange Zeit in hohem Maße antagonistisch gewesen ist, führt dies einen zurück bis in das 1871 von Bismarck ins Werk gesetzte Deutsche Kaiserreich unter preußisch-kleindeutschen Vorzeichen. Man hat gelegentlich vom Heiligen protestantischen Reich deutscher Nation gesprochen, um das konfessionelle Übergewicht des Protestantismus zu unterstreichen. Die evangelischen Landeskirchen hatten es sich unter ihrem Summus Episkopus, dem preußischen König, eingerichtet und fühlten sich in höchstem Maße geschützt und privilegiert. Dass man dabei kulturpolitisch auch in einer Abhängigkeit stand zur Obrigkeit, fiel dabei für die meisten nicht sonderlich ins Gewicht.

Schock der Revolution und ambivalente Demokratisierung

Umso traumatischer waren die Reaktionen auf die deutsche Revolution von 1918. Mit ihr endete die Fürstenherrschaft in Deutschland und damit auch die spezifische Konstellation des landesherrlichen Kirchenregiments, das die Kirchen so eng an die herrschenden Fürstenhäuser gebunden hatte.

Mit der Revolution und der sozialdemokratisch-sozialistischen Revolutionsregierung, die sich in diesem Zusammenhang bildete, war klar, dass die Trennung von Kirche und Staat kommen würde. Nur das Ausmaß und die Implikationen für die Kirchen blieb zunächst unklar. Es waren also einerseits große institutionelle Anpassungen vonnöten, ohne dass bis zur Verabschiedung der Weimarer Reichsverfassung klar gewesen wäre, welchen Status die Kirchen im neuen Staatswesen erhalten würden. Andererseits machte die Situation auch eine geistige Umorientierung erforderlich, was freilich nicht nur Protestant:innen schwerfiel, sondern insgesamt gerade den Bevölkerungsteilen des Deutschen Reiches, die sich in ihm gut eingerichtet hatten. Vor dem Hintergrund der Kräfteverhältnisse der Landeskirchen während des Kaiserreiches überrascht es nicht, dass mit Kriegsende zunächst ein großer Strom an vor allem konservativen Stimmen von sich hören ließ, der die Revolution und ihre tatsächlichen sowie ihre kolportierten Folgen massiv kritisierte. Der ehemalige Oberhofprediger Wilhelms II., Ernst von Dryander, fand scharfe Worte im Hinblick auf die Revolution. Nicht aber ohne in seiner Beschreibung des „Zusammenbruchs“, wie er es nannte, Elemente der Dolchstoßlegende zu kolportieren und Prinz Max von Baden in ein ungünstiges Licht zu stellen.

Die EKD sieht den Staat des Grundgesetzes als Angebot und Aufgabe für das eigene Handeln an.

Der letztlich erfolglose Versuch des USPD-Kultusministers Adolph Hoffmann, eine radikale Trennung durchzuführen, die die Kirchen auf den Status von Vereinen zurückgeworfen hätte, richtete insofern großen Schaden an, als für viele führende Stimmen in den Kirchen der neue Staat damit zu einem erklärten Feindbild wurde und sie die Nähe zur demokratiekritischen Deutschnationalen Volkspartei suchten. Ernst Troeltsch, Martin Rade und Friedrich Naumann, die sich in unterschiedlicher Weise für die Weimarer Republik einsetzten, blieben Einzelfälle. Der frühe Tod von Troeltsch und Naumann sorgte zudem dafür, dass dieser liberale Strang der Demokratiebejahung viel von seiner intellektuellen und praktisch-politischen Schlagkraft verlor.

Es gehört zur Ironie des Schicksals, dass die Landeskirchen sich zugleich, ganz dem Zeitgeist angepasst, neue Verfassungen gaben, die demokratischer waren als alles, was es zuvor gegeben hatte. Hier setzten sich einerseits die Konflikte zwischen Konservativen und Liberalen fort, andererseits gelangte man zu durchaus pragmatischen Kompromissen, die die kirchlichen Parlamente auf eine relativ breite Basis stellten. Ob die kirchlichen „Demokratien“ ebenfalls ohne Demokraten geblieben sind, oder aber wichtige Institutionen für demokratische Lernerfahrungen waren, harrt noch weiterer Forschung.

Nach Abschluss dieser Prozesse der Verfassungsgebung schien sich der Protestantismus in den „guten Jahren“ der Weimarer Republik Mitte der 1920er Jahre komfortabel eingerichtet zu haben und die neuen Freiheiten schätzen zu lernen. „Habemus ecclesiam“, rief etwa der nicht unbedingt als Vollblutdemokrat bekannte Generalsuperintendent der Neumark, Otto Dibelius, in seinem ungeheuer erfolgreichen Buch Das Jahrhundert der Kirche, aus. Da man sich institutionell also mit den neuen Rahmenbedingungen nolens volens arrangiert hatte, stritt man innerkirchlich zum Teil heftig darüber, welche Schlussfolgerungen man daraus ziehen wollte. Die Debatten zwischen der Verabschiedung der kirchlichen Verfassungen und der Machtübernahme der Nationalsozialisten mit ihren kirchenpolitischen Implikationen zeigen das Bild einer großen binnenprotestantischen Zerrissenheit darüber, wie das Wesen der (Volks-)Kirche, bzw. vor allem ihre Funktionen zu bestimmen seien. Gegen den „kirchlichen Triumphalismus“ à la Dibelius wehrte sich vor allem Karl Barth, der darin das Symptom eines rein veräußerlichten Christentums sah, das an seinem eigenen theologischen Kern vorbeigehe.

Sind die kirchlichen „Demokratien“ ohne Demokraten geblieben?

Zwischen Barth und Dibelius bestand auch eine politische Differenz. Dibelius stand der DNVP nahe, während Barth sich als Sozialdemokrat zu erkennen gab. Es bleibt trotzdem fraglich, ob die Dialektische Theologie selbst mit ihren spezifischen Zuspitzungen nicht auch etwas zur inneren Entfremdung von der „Welt“, die die Weimarer Republik und ihre Gesellschaft war, beigetragen hat.

Kirchenkampf und begrenzter Widerstand im Nationalsozialismus

Der Aufstieg des Nationalsozialismus und seines kirchlichen Arms, die „Deutschen Christen“, brachte Dibelius und Barth unverhofft ins selbe Lager. Allerdings darf man die „Bekennende Kirche“ bei all ihren Verdiensten nicht als basisdemokratische Bastion gegen den nationalsozialistischen Staat missverstehen. Auch für ungetaufte Juden setzte man sich in ihren Kreisen selten ein. Während die „Deutschen Christen“ mit großer Brutalität die Kirche nach nationalsozialistischen Prämissen umzugestalten versuchten, erfolgte von Seiten der BK vor allem der Widerstand gegen diese unzulässige Einflussnahme des Staates in den innersten Bereich der Kirche. Mit aller Schärfe wurde den Protestant:innen aber vor Augen geführt, was es bedeutet, in einer rassistischen, menschenfeindlichen Diktatur zu leben, die doch mit dem Anspruch angetreten war, an die Stelle der moralisch schwachen, verweichlichten Republik zu treten.

Lernprozesse im Schatten zweier Diktaturen

Sind im Nationalsozialismus jetzt alle im Anblick der Diktatur zu Demokraten geworden? Das sicherlich nicht. Unbelehrbare prominente Figuren wie Emanuel Hirsch, der von seinen Positionen nie Abstand genommen hat, zeigen deutlich, wie schwer die Transition für viele war. Letztlich spülte die Faktizität des Gegebenen die Protestantinnen und Protestanten in demokratisches Fahrwasser. Der auch ökonomische Erfolg der Bundesrepublik und nicht zuletzt auch die privilegierte Lage der Kirchen im Staat des Grundgesetzes führten in unterschiedlicher Geschwindigkeit zu einer Annäherung und Versöhnung mit der Demokratie. Die Tatsache, dass man im Osten Deutschlands noch vierzig weitere Jahre unter einer kirchenfeindlichen Diktatur lebte, hat komplizierte Implikationen für das dortige Demokratieverständnis nach sich gezogen.

Die Geschichte ist keine Lehrmeisterin des Lebens, nicht weil sie es nicht sein könnte und wollte, sondern weil ihr Appell meist ungehört verklingt. Wollten wir aber etwas aus der Geschichte des Verhältnisses zwischen Protestantismus und Demokratie lernen, dann wäre es wohl die Tatsache, dass beide unseren Einsatz brauchen, um eine Zukunft zu behalten.

Zum Weiterlesen

Schreiben Sie einen Kommentar