Mit dem Projekt „Kirche stärkt Demokratie“ begegnet die evangelische Kirche in Mecklenburg-Vorpommern seit 2010 dem zunehmenden Rechtsextremismus in ihren Gemeinden, wie auch demokratieskeptischen Tendenzen in der kirchlichen Mitarbeiterschaft.
Die evangelischen Kirchen und ihre Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern werden seit 1989/90 mit vielen, auch für sie neuen und ungewohnten gesellschaftlichen Fragen konfrontiert. Auch wenn Christ:innen treibende Kräfte der „Friedlichen Revolution“ waren, sind weder alle Mitglieder und Mitarbeitenden überzeugte Demokrat:innen geworden, noch haben sich automatisch kirchliche Strukturen für mehr Partizipation und mehr Mitbestimmung geöffnet. Nach dem Abklingen der Einheitseuphorie wurde schnell spürbar, dass die neue Ordnung mehr Veränderungen mit sich bringt, als vielen Menschen lieb und verkraftbar war. Massenarbeitslosigkeit, der Exodus vieler, meist gut ausgebildeter (weiblicher) Menschen, das Zusammenbrechen sozialer Bezüge und Bezugspunkte trafen auf Orientierungs- und Hoffnungslosigkeit. Die sog. „Baseballschlägerjahre“ offenbarten ein Maß an Gewalt und Rassismus, dass in den Pogromen von Rostock-Lichtenhagen 1992 seinen brutalsten Ausdruck fand. Rechtsextreme Kameradschaften dominierten die Jugendkultur und versuchten, sich in „national befreiten Zonen“ auszuleben und alles ihnen „Artfremde“ wegzuschlagen.
15 Jahre „Kirche stärkt Demokratie“
Eine Antwort auf die rechtsextreme „Landnahme“ war das Projekt „Kirche stärkt Demokratie“ (kirche-demokratie.de). 2010 beantragte das Landesjugendpfarramt der ehemaligen mecklenburgischen Landeskirche im neuen Bundesprogramm „Zusammenhalt durch Teilhabe“ Mittel, um die Menschenrechts- und Demokratiearbeit der Landeskirche voranzubringen. Seit 2014 sind die Ausbildung von haupt- und ehrenamtlichen Multiplikator:innen sowie die Beratung von Kirchengemeinden und -leitungen Schwerpunkte des Projekts „Kirche stärkt Demokratie“. Gemeinsam mit externen Partnern wurden über 500 Menschen qualifiziert und begleitet. Sie leisten nicht nur für Kirchengemeinden wertvolle Arbeit, organisieren Kulturangebote, stoßen politische Diskussionen an oder engagieren sich für diskriminierte Menschen, sondern repräsentieren kirchliche Stimmen in gesellschaftlichen Bündnissen und Diskursen. Im Mittelpunkt der Projektarbeit steht die Frage, wie sich die Kirche in Mecklenburg und Pommern zu gesellschaftlichen Fragen positioniert und wie Kirchengemeinden das Leben in Dörfern und Städten mitgestalten können.
Hohe Beratungs- und Fortbildungsnachfrage aus den Gemeinden
Die Auseinandersetzungen über den Umgang mit der Pandemie und die zunehmende Polarisierung gesellschaftlicher Debatten seit 2020 haben zu einer hohen Beratungs- und Fortbildungsnachfrage aus den Gemeinden geführt. Denn Kirchengemeinden leben nicht im unpolitischen Raum. Mit unterschiedlichen Dialogformaten und begleitenden Qualifizierungen, 2023 und 2024 zur Dialogmethode „Council“, unterstützt das Projekt Versuche, Dialogräume zu öffnen und zu gestalten. Ob im „Nikolaiquartett“ Rostock, in der Erzählkirche in Sietow, auch über Zoom oder in der Begleitung des „Bündnisses für Zusammenhalt“ in Neubrandenburg: Kirche positioniert sich und wird als unverzichtbarer Ort des Nachdenkens und des Gespräches auch von vielen Nichtchrist:innen ernstgenommen.
Abgrenzung zu rechtsextremen Instrumentalisierungen des Corona-Protestes
Mit dem Aufkommen der sogenannten Corona-Spaziergänge und den Diskussionen um eine Impflicht hatte sich das gesellschaftliche Klima weiter aufgeladen. Leider war auch unter einigen kirchlichen Mitarbeiter:innen nicht nur eine impfkritische, sondern auch eine demokratieskeptische Haltung zu verzeichnen, die sich z.T. in verschwörerischen Annahmen verstieg. Der Umgang mit diesen Verschwörungserzählungen und die Abgrenzung zu rechtsextremen Instrumentalisierungen des Protestes waren und bleiben deshalb wichtige Themen des Projektes.
Dialog über persönliche Ängste und Perspektiven
Mit der Aufforderung „Ich hör dann mal zu!“ wagte „Kirche stärkt Demokratie“ im Frühjahr 2020 via Zoom für vier Abende ein Experiment. Vor den Bildschirmen versammelten sich Befürworter:innen und Skeptiker:innen der Coronapolitik. Mit strikten Gesprächsregeln gelang es, Menschen mit unterschiedlichsten Erfahrungen und Deutungen in den Dialog über ihre persönlichen Ängste und Perspektiven zu bringen. Anders als in dem von uns begleiteten Format „Nikolaiquartett“ in Rostock standen hier weniger der wissenschaftliche Blick auf Sinn bzw. Unsinn der Maßnahmen als vielmehr deren Auswirkungen für das persönliche und gesellschaftliche Miteinander im Fokus. Für uns und alle Teilnehmer:innen war es eine spannende Erfahrung, bewertungslos zuhören zu dürfen oder zu müssen.
Eine Erfahrung, die wir auch in unserer Fortbildungsreihe „An Konflikten wachsen“ an drei Wochenenden machten. Kirchenvorstände und MitarbeiterInnen einer diakonischen Einrichtung arbeiteten an Themen und Konflikten, die sie in ihren Gemeinden oder bei ihrer Arbeit erleben. Mit der Council-Methode haben wir einen Weg vermittelt, der allen Beteiligten Raum gibt, eigene Sichtweisen zu formulieren, zu reflektieren und diese durch andere gespiegelt zu bekommen – ein Vorgehen, das auch in Kirchengemeinderatssitzungen zu konstruktiven Auseinandersetzungen und Problemlösungen beitragen kann.
Die Council-Methode
Beim Council geht es darum, voneinander zu hören und dadurch zu einem besseren Verständnis füreinander zu kommen. Die Teilnehmenden sitzen dabei im Kreis, sodass man ein Gegenüber hat und eine gemeinsame Mitte teilt. Es gibt Vereinbarungen darüber, wie wir von uns erzählen und hören. Dabei bleibt alles Gesagt und Gehörte „im Raum“.
Förderung der Streit- und Gesprächskultur in den Gemeinden
Council ist zwar keine Konfliktinterventionsmethode, kann aber den „Druck aus dem Kessel nehmen“ und einer stärkeren Eskalation vorbeugen. Council fördert das gegenseitige Verständnis, weil Menschen die Möglichkeit bekommen, ihre Geschichten zu teilen. Ihre Sorgen, Anliegen und Wünsche werden gehört. Da es ganz verschiedene Formen von Council gibt, können z.B. auch geistliche Themen und biblische Texte besprochen werden. Diese Art und Weise des Zusammenseins bietet die Chance, Räume des Austausches und des Verstehens zu öffnen und religiöse, wie auch gesellschaftliche Diskurse dialogisch und konstruktiv zu fördern.
Wir sind nicht alleine
„Kirche stärkt Demokratie“ ist Gott sei Dank nicht das einzige Projekt, dass sich für Demokratie und gegen „autoritäre Versuchungen“ in der Kirche engagiert. Viele Gemeinden positionieren sich seit Jahren gegen Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit. 2011 haben sich viele dieser couragierten Personen und Initiativen zur ökumenischen Bundesarbeitsgemeinschaft „Kirche und Rechtsextremismus“ (BAGKR) zusammengeschlossen und haben wichtige Impulse für die beiden großen Kirchen gesetzt. Nicht zuletzt der BAGKR ist es zu verdanken, dass die EKD 2022 die umfangreiche Studie „Zwischen Nächstenliebe und Abgrenzung“ zur politischen Kultur im deutschen Protestantismus herausgegeben hat.
Im Bereich der Nordkirche gibt es seit 15 Jahren das Forum „Kirche und Rechtsextremismus im Norden“, das Menschen ermutigt, für Demokratie und Menschenfreundlichkeit einzustehen. Seit 2023 gibt es zudem einen Kooperationsverbund kirchlicher Projekte, die im Bundesprogramm „Zusammenhalt durch Teilhabe“ arbeiten und insbesondere in den diakonischen Einrichtungen aktiv sind. Auch „Kirche stärkt Demokratie“ ist Teil dieser Netzwerke und profitiert von den Erfahrungen und Expertisen anderer Projekte.
Aktuell arbeitet das kleine Team von „Kirche stärkt Demokratie“ an Formaten, die Spannungen und Konflikte kreativ bearbeiten und die Streit- und Gesprächskultur in den Gemeinden weiterentwickeln. Gerade im Jahr der Landtagswahl ist das ein aktiver Beitrag der Kirchengemeinden, um das gesellschaftliche Miteinander in Mecklenburg-Vorpommern zu entspannen.

