Theologie kontrovers Warum wir eine für die Religion offene Theologie brauchen

Ein theologischer Streit in der Öffentlichkeit, eine Auseinandersetzung um die Freiheit der Theologie als Wissenschaft, wie vor 50 Jahren, initiiert von der „Bekenntnisbewegung“: Ist dergleichen heute noch vorstellbar? Die spontane Antwort dürfte vermutlich lauten: Nein…

Doch sie stimmt nicht. Sie stimmt nicht wegen des islamistischen Terrors und nicht wegen eines christlichen Fundamentalismus. Doch dazu später. Zunächst: Binnentheologische Auseinandersetzungen interessieren in der Öffentlichkeit in der Tat nicht. Aber sobald es um Religion und Ethik, Religion und Kultur geht, um die Frage letztlich, wie wir eigentlich leben wollen, sind wir mitten in höchst lebhaften theologischen Diskursen. Offen ist nur, ob die akademische Theologie diese Themen genügend in den Blick nimmt. Doch das steht auf einem anderen Blatt. Hier will ich darauf hinweisen, dass eine Theologie, die von existentiellen Lebensfragen ausgeht, wie sie gerade in der modernen, ebenso säkularen wie religiös pluralen Gesellschaft aufbrechen, auf großes öffentliches Interesse stößt – vielleicht gerade weil sie zumeist ohne akademisch-institutionelle und auch ohne kirchliche Rückendeckung vorgetragen wird.

Trotz zahlreicher theologischer Fakultäten in Deutschland hat der unbefangene Beobachter wohl zwangsläufig den Eindruck, dass evangelische – wie auch katholische – Theologie in der Öffentlichkeit keine sichtbare Rolle mehr spielt, verglichen noch mit den 1970er und 80er Jahren, als Bücher von Theologen in Bahnhofsbuchhandlungen zu Tausenden verkauft wurden. Man denke an die populären Bücher etwa von Heinz Zahrnt, Dorothee Sölle oder Hans Küng. Heute gibt es zudem kaum noch theologische Buchhandlungen. Wie ist das zu erklären?

Was dem Leben Sinn verleiht – wonach die Theologie zu wenig fragt

Ich denke, es hat viel zu tun damit, dass die akademische Theologie den Kontakt zu den religiösen Sinnfragen der Menschen verloren hat. Damals, in der Dortmunder Westfalenhalle, ging es ja auch nur scheinbar um die binnentheologische Berechtigung zur historischen Kritik der Heiligen Schrift. In Wahrheit ging es um die Sicherung biblischer, und damit unumstößlicher, Fundamente in der Verteidigung einer überkommenden patriarchalen Ordnung – am Horizont zog ja bereits die linksrevolutionäre Studentenbewegung herauf. Die historische Kritik wird von den Evangelikalen bekanntlich bis heute abgelehnt. Nur, öffentliche Debatten löst sie schon längst nicht mehr aus, obwohl sie genauso energisch wie zu Bultmanns Zeiten von der wissenschaftlichen Theologie betrieben wird.

Dass die Evangelikalen sich an Bultmann gerieben hatten, hatte eben auch nicht nur mit seiner historischen Bibelkritik zu tun. Bultmann zielte mit seiner historisch-kritischen Bibelauslegung vielmehr auf eine dem vernünftigen Verstehen des Menschen sich erschließende, lebenssinnstiftende Interpretation der Bibel. Es ging ihm um einen aus dem Glauben kommenden Freiheitsgewinn, um die aus dem christlichen Glauben kommende Lebenskraft, wozu für ihn auch die Verträglichkeit mit einer Lebenserleichterungen schaffenden Wissenschaft gehörte. Er wollte zeigen, dass und wie die biblische Heilsbotschaft dem, der ihr vertraut, einen ungeheuren „Mut zum Sein“ verschafft (wie das ein anderer, ebenfalls die Freiheit des Glaubens und der Wissenschaft suchender Theologe, Paul Tillich, damals ausgedrückt hat).

Die Evangelikalen haben das sehr gut verstanden. Sie wollten keinen Glauben, der zum lebendigen Wurzelgrund menschlicher Freiheit wird. Sie wollen diesen Glauben auch heute nicht. Deshalb sind sie gegen die historische Kritik. Deshalb verteidigen sie das wortwörtliche Verständnis bestimmter (freilich sorgfältig im eigenen Interesse ausgesuchter) Bibelstellen. Auf diese Weise kämpfen sie für ein doktrinäres Christentum, gegen die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, gegen die modernen Freiheits- und Menschrechte, jetzt auch gegen die Religionsfreiheit und die Einbürgerung des Islam in Deutschland.

Religion, so gefährlich wie lebensdienlich, verlangt nach aufklärender Theologie

Heute gibt es kaum noch theologische Buchhandlungen, das ist richtig. Aber dafür werden die Esoterik-Abteilungen in den Kulturkaufhäusern immer größer. Milliardenumsätze werden mit einer zunehmend auch die Sinn-, Spiritualitäts-, Meditations- und Religionsthemen traktierenden Lebensberatungsliteratur gemacht. Und da überall findet Theologie statt, zudem in den Talkshows des Fernsehens, in den sozialen Medien des Internet. Die Kirchen haben kein Monopol für Religion mehr. Im Gegenteil, sowenig das höchst lebendige religiöse und spirituelle Interesse der Menschen von der akademischen Theologie Notiz nimmt, geht es auch an den Kirchen und deren Kommunikationsangeboten oder gar Rechtgläubigkeitsforderungen vorbei.

Theologie findet heute in Talkshows und sozialen Medien des Internet statt.

Tatsächlich jedoch schreit die weltpolitische Situation geradezu nach Theologie, nach einer für die Religion in den Religionen offenen, einer die Religion in ihrer Gefährlichkeit wie in ihrer Lebensdienlichkeit verstehenden Theologie, einer Theologie, die zwischen schlechter und guter Religion zu unterscheiden und mit vernünftigen Argumenten für Letztere zu werben erlaubt. Die Macht des Heiligen, die Menschen in den Bann zu schlagen, sie zu faszinieren vermag, die zu den größten Untaten wie zu den bewundernswertesten Wohltaten zu befähigen in der Lage, steht heute allen ganz deutlich vor Augen. Diese Macht des Heiligen, wie sie sich in den verschiedenen Religionen und weit über religiöse Zugehörigkeiten hinaus, bis hinein in die Werbung und den Cyber-Space Geltung verschafft, verlangt nach der kritischen Diskussion durch die Theologie. Eine Theologie, die die ungeheure gesellschaftliche Ambivalenz der Religion bearbeitet, die ihre Gefährlichkeit erklärt wie auch den Lebensgewinn, den sie bedeuten kann, zum Leuchten bringt, kann auf gespannte öffentliche Aufmerksamkeit rechnen.

Durch den islamistischen Terror und einen kaum weniger hasserfüllten, gegen die Islamisierung Deutschlands antretenden christlichen Fundamentalismus ist die Religion in geradezu gespenstischem Ausmaß in die öffentlichen Debatten, die Feuilletons der Zeitungen, die Brennpunkte des Fernsehens und die  Blogs des Internet eingekehrt. Was aber schon bei der „Bekenntnisbewegung KEIN ANDERES EVANGELIUM“ in den 1960er Jahren der Fall war, finden wir hier wieder. Wir sehen, wie stark sich die Religion mit politischen Zielen verbindet und in die Emotionen eingeht, die es zu deren Verfolgung braucht. Die Religion generiert jene affektive Besetzung gesellschaftlicher Veränderungskräfte, die Menschen zu mobilisieren vermag, indem sie sie mit der unerschütterlichen Gewissheit ausstattet, im göttlichen Auftrag zu handeln.

In der Religion geht es ums Ganze – das macht sie anfällig für Missbrauch

Das ist zugleich aber doch nur das eine, das gefährliche Gesicht der Religion, jenes, vor dem wir erschrecken. Auch ihm gilt es ins Auge zu blicken. Es hilft nicht zu sagen, das sei keine Religion, sondern da würde sie nur für politische Zwecke missbraucht. Für Absolutheitsansprüche kann die Religion nur missbraucht werden, weil es ihr tatsächlich immer ums Ganze geht, um den Sinn unseres Daseins in dieser Welt. Die Frage ist dann allerdings, woran dieser Sinn festgemacht bzw. womit er identifiziert wird. Gerade weil es in der Religion ums Ganze geht, braucht sie so dringend auch das Gespräch, die Reflexion, die Aufklärung über sich, die Kritik, das Nachdenken, letztlich also Theologie, als kritische Reflexion auf die gelebte Religion, auf das, woran Menschen glauben, woran sie ihr Herz hängen, was ihnen unbedingt wichtig ist. Es ist nicht egal, woran Menschen glauben, sondern das bedarf einer kritischen Prüfung und damit auch der Verständigung über die Kriterien für schlechte und gute Religion.

Die Religion hat eine gute Lobby: Bei Literaten und Philosophen

Ist es von Bedeutung, dass es eher Philosophen, Soziologen, Journalisten, Literaten sind, die diese Theologie produzieren? Ich denke nicht. Deshalb seien hier noch einige Beispiele von Beiträgen zu einer öffentlichen Theologie genannt, allesamt nicht von professionellen Theologen, aber vielleicht gerade deshalb dazu angetan, die akademische Theologie zu motivieren sich ebenfalls in den heute so spannenden Religionsdiskurs einzumischen. In diesem Sinne will ich einigen von denen, die von außerhalb der Theologie, wie auch von außerhalb der Kirche, für die Theologie werben, indem sie gute Gründe für eine lebensdienliche Religion finden, hier eine Stimme geben:

Ronald Dworkin: Religion ohne Gott

Der amerikanische Rechtsphilosoph Ronald Dworkin hat 2014 ein auch in Deutschland viel beachtetes Buch zur Verteidigung der Religion mit dem provokanten Titel Religion ohne Gott (Berlin 2014) veröffentlicht. Dort unternahm er den Versuch, sogar die Atheisten von der Lebensdienlichkeit der Religion zu überzeugen. Religiös zu sein, heißt nach Dworkin, eine bestimmte Einstellung der Welt und dem eigenen Leben gegenüber einzunehmen. Die Religion gibt dem Ganzen des Universums einen Sinn und führt zu einer Haltung der Ehrfurcht dem Leben gegenüber. Sie verlangt aber nicht, dass wir uns über die letztlich doch nie objektiv zu entscheidende Frage streiten, ob es einen Gott gibt. Ein religiöser Mensch achtet den unendlichen Wert allen Lebens und vertraut darauf, dass es seinen Sinn in sich selbst trägt. Wer religiös ist, fasst Vertrauen in eine vorgegebene, göttliche Ordnung der Welt und in einen unbedingten, unverlierbaren Sinn unseres endlichen, begrenzten Daseins.

Bruno Latour: Religion und religiöse Rede

Auch der bekannte französische Sozialphilosoph und bekennende Atheist Bruno Latour singt das Lob der Religion (Jubilieren. Über religiöse Rede, Berlin 2011). Ihm geht es um die Religion als Sinn-Ressource, die es zu schützen bzw. wieder frei zu legen gilt, unabhängig vom Streit darüber, ob Gott existiert oder nicht. In seinem Buch über die „Religiöse Rede“ führt er emphatisch Klage darüber, dass der Gesellschaft und dem einzelnen Menschen etwas Lebensnotwendiges fehle, wenn die Kirche sich nicht mehr auf eine die Menschen ansprechende religiöse Rede verstehe. An der religiösen Rede hängt die Wahrheit der Religion. Und die Wahrheit der Religion ist, dass sie uns den Sinn für den Sinn unseres Daseins in dieser Welt eingibt. Sie lässt uns den Schmerz empfinden über das, was fehlt, sie stärkt ebenso die Hoffnung aufs Gelingen. Würde sich die Kirche darum bemühen, „gut über die Gegenwart zu reden“, dann wäre sie heute nötiger denn je.

Jan Roß: Religion und Humanität

Auch der ZEIT-Journalist Jan Roß hat ein Buch veröffentlicht, in dem es ihm darum geht, zu erklären, warum die Religion heute so dringlich gebraucht wird (Die Verteidigung des Menschen. Warum Gott gebraucht wird. Hamburg 2012). Denn nur sie wahrt die Grenze gegen das Unverfügbare. Nur sie macht es auch, dass wir nicht dem Wahn verfallen, alles sei berechenbar und machbar, schließlich auch der Mensch, bis hinein in seine biogenetische Ausstattung. Es geht ihm mit seinem Buch über die Religion um den Nachweis dessen, dass Gott in der modernen Kultur nötig ist, zur „Verteidigung des Menschen“. Nur mit Religion ist ein ebenso realistischer wie universaler Humanismus möglich.

Martin Walser: Religion und Rechtfertigung

Mit einer ähnlichen Stoßrichtung hat Martin Walser jüngst einen theologischen Traktat Über Rechtfertigung  (Hamburg 2012) geschrieben. Er beginnt mit dem Satz: „Gerechtfertigt zu sein, das war einmal das Wichtigste.“ Denn, von Gott gerechtfertigt zu sein, das hieß, vorbehaltlos, in seiner ganzen Existenz gerechtfertigt zu sein. Die Rechtfertigung durch den bedingungslos rechtfertigenden Gott befreit von der Existenzangst und begründet eine ins Unendliche gehende Lebensgewissheit. Das Rechtfertigungsbedürfnis ist immer noch da. Walser sieht jedoch, dass die religiöse Dimension der Rechtfertigungserfahrung verloren gegangen ist. Um für sie wieder die Augen zu öffnen, braucht es nach Walser heute Theologie. Er selbst hat diese Theologie vor allem in Karl Barth Römerbrief von 1918/19 gefunden, aber auch in den Schriften Nietzsches. An sie schließt er, diese Theologie ausführend, in seinen Romanen heute an.

Die gelebte Religion braucht die Aufklärung über sich selbst

An diesen Beispielen kann man zumindest so viel sehen: Eine Theologie, die die existentielle Situation des Menschen in der modernen Wissens- und Leistungsgesellschaft aufnimmt, muss um ihre öffentliche Resonanz keineswegs besorgt sein. Die Religion gehört ins Leben. Und die Ambivalenz ihrer Symbole nötigt zum kritischen Diskurs und verlangt die Anstrengung religiöser Bildung. Zu all dem kann dann die Theologie, von wem auch immer sie betrieben wird, viel beitragen. Denn sie kann zeigen, wie die Religion zum Gelingen des Lebens hilft und wo sie in der Gefahr steht, zur gefährlichen Ideologie zu werden. Die gelebte Religion braucht die Aufklärung über sich. Sie hat heute angesichts eines um sich greifenden religiösen Fundamentalismus und Fanatismus einerseits, eines aggressiven Säkularismus andererseits, die Verteidigung ihres humanen Wertes ebenso bitter nötig. Sollte sich auch die akademische Theologie der Verteidigung der Religion und des Nachweises ihrer Lebensdienlichkeit in Zukunft stärker wieder annehmen, wird sie ebenfalls wieder eine stärkere öffentliche Resonanz gewinnen.

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