Das Böse wohnt gleich nebenan Vielleicht fasziniert es uns gerade deshalb so sehr…

Eine der meistgelesenen Krimi-Autorinnen Deutschlands muss wissen, was es ist, das Böse. In über dreißig Romanen hat Petra Hammesfahr ihm ein menschliches Gesicht gegeben.

Wie definiert man böse? Gibt es das Böse überhaupt? Man sollte annehmen, dass eine Krimiautorin es weiß, schließlich schreibt sie darüber. Und wenn man sich die Verbrechen in den gängigen Kriminalromanen näher anschaut, sind die meisten Täter und Täterinnen sehr böse, skrupellose Verbrecher, zumeist Mörder. In der heutigen Zeit einen Krimi ohne Mord zu schreiben, lohnt die Mühe nicht. Einer meiner Romane wurde von einem renommierten Verlag abgelehnt mit der Begründung, ein totes Kind würde für einen Krimi nicht genug hergeben. Das Opfer war fünf Jahre alt. Ich habe mich gefragt, ob im Verlag niemand arbeitet, der Kinder hat, für den es eine Horrorvorstellung wäre, ein Kind zu verlieren.

Das Böse als Biedermann

Nun schreibe ich aber keine gängigen Kriminalromane, sondern Psychothriller, in denen der Schwerpunkt auf der Psyche der Protagonisten liegt und nicht auf Abartigkeiten. Den irren, sadistischen Psychopathen, der serienweise hübsche junge Frauen quält und in ihre Einzelteile zerlegt, dem es Spaß macht, die Polizei an der Nase herumzuführen, sucht man in meinen Romanen vergebens. Wie ein Lektor es vor Jahren ausdrückte, beschreibe ich so real wie möglich „die kleine Katastrophe nebenan“, etwas, das sich jederzeit in Ihrer unmittelbaren Nachbarschaft abspielen könnte.

Natürlich gibt es aber auch in meinen Büchern Mordopfer, manchmal sogar mehrere. Im Roman Das letzte Opfer ist der Serienmörder ein Biedermann mit Frau und Kind, der jedes zweite Jahr am 14. September tötet und nur gefasst wird, weil er eine alte Frau beleidigt, der es nicht passt, dass er verbotswidrig auf einem Waldweg parkt. Der stille Herr Genardy ist ein netter älterer Herr, der sich blendend darauf versteht, seine Mitmenschen zu manipulieren. Ein Pädophiler, der nur tötet, wenn ein Kind alt genug ist, um für ihn zur Gefahr zu werden. In Die Chefin tötet eine Frau ihren Mann, einen krankhaften Spieler, der mal wieder die kompletten Lohngelder verzockt hat, sodass sie die Arbeiter nicht bezahlen kann. Es sei denn, sie schafft es, sein Auto zu verkaufen. Einen Lamborghini Diabolo im Wert von knapp 300.000 EUR. Das lohnt sich. Und ich halte jede Wette, 200 Seiten lang drücken Sie der Chefin die Daumen, dass sie mit dem als Suizid getarnten Mord durchkommt. Der Roman hat 284 Seiten.

Viel Phantasie mit einem wahren Kern

Ich werde oft gefragt, wie ich auf meine Ideen komme. Wenn ich es wüsste, würde ich mir die Methode patentieren lassen. Die Ideen kommen zu mir, so einfach ist das. Es fing früh an. Schon mit vier Jahren sorgte ich mit der Geschichte vom Dienstmädchen Lotte für reichlich Ärger in der Nachbarschaft und kassierte statt Honorar eine Tracht Prügel. Lotte arbeitete im Geschäftshaushalt gegenüber und unterhielt sich eines Tages mit meiner Großmutter. Worum es ging, verstand ich nicht. Oma und Lotte standen bei der Haustür, ich etliche Meter entfernt in der Diele. Aber ich sah, dass Lotte weinte. Möglicherweise hatte sie Liebeskummer oder vielleicht ungeschickt mit teurem Porzellan hantiert, etwas zerbrochen und nun Angst, weil sie nicht wusste, wie sie es beichten sollte.

Ich erzählte tags darauf im Lebensmittelladen nebenan, dass Lotte von ihrer Arbeitgeberin oft gehauen und ohne Essen in den dunklen Keller gesperrt wurde. Dass sie dort unten große Angst hatte, weil es Mäuse und Spinnen gab. Die Geschichte machte schnell die Runde und wurde geglaubt. Es hieß allgemein: „Sowas saugt das Kind sich doch nicht aus den Fingern.“

Das nicht, es gab durchaus einen wahren Kern, ich hatte nur Tatsachen verdreht, Örtlichkeiten und Protagonisten ausgetauscht und so etwas Neues kreiert. Mindestens dreimal die Woche wurde ich mit einem halbvollen Teller in den Schuppen geschickt, weil ich nicht aufessen wollte. Dann beobachtete ich Käfer und andere kleine Lebewesen, fror manchmal ein bisschen, es war dämmrig und zugig im Schuppen. Irgendwann kam dann mein Onkel und erbarmte sich, kippte den Rest von meinem Teller in den Mülleimer und häufte etwas Asche darüber, damit es nicht auffiel, ging zurück ins Haus und verkündete: „Ich glaube, das Kind hat aufgegessen.“

Lauter bitterböse Geschichten

Wie die Geschichte von Lotte ihren Ursprung nahm, weiß ich noch genau, weil im Familienkreis noch Jahre später über den Ärger gesprochen wurde, den ich damit verursacht hatte. Bei anderen Geschichten erinnere ich mich nicht, woher die Ideen kamen. Während der Schulzeit drehte ich in den Pausen mit einer Freundin Runde um Runde über den Pausenhof, erzählte einen Roman nach dem anderen und behauptete: „Das habe ich gestern gelesen.“ Dabei war mir das Lesen längst verboten worden. Der Wechsel aufs Gymnasium wurde mir verwehrt, weil ich schon genug Flausen im Kopf hatte. Eine Ausbildung in einem Büro kam ebenfalls nicht infrage, weil zu befürchten stand, dass ich statt Geschäftsbriefen bitterböse Geschichten schreiben würde. Das habe ich allen Verboten und Widrigkeiten zum Trotz dann auch getan und tu es immer noch. Aber bis zur ersten Veröffentlichung war es ein langer und sehr steiniger Weg. Nicht umsonst heißt es in meiner Vita: „Über die ersten 24 Lebensjahre gibt die Autorin keine Auskunft, daraus bezieht sie den Stoff für die Thriller.“

Ich hatte diese 24 Jahre in einem Roman zusammengefasst, von dem ein Lektor meinte: „Das ist so unglaubwürdig. Das passiert nicht einem einzigen Menschen. Aus dem Stoff können Sie zwanzig Romane machen.“ Nun sind es 37. Nicht in allen, aber in einigen ist ein kleines oder größeres Stück meiner eigenen Geschichte verarbeitet und so verändert, dass die Mitwirkenden, sofern sie noch leben, sich nicht wiedererkennen. Neu im Handel ist Stille Befreiung, in dem das Böse in der Maske eines liebevollen und fürsorglichen Mannes daherkommt. Ebenso böse ist die etwas einfältig wirkende alte Frau, die auf dem Friedhof zu ihrem Mann sagt: „Tja, jetzt bist du ganz allein.“ Sie stehen am Grab seines jüngeren Bruders, umringt von drei gemeinsamen Töchtern. Wie kann der Mann da alleine sein?

Das Böse setzt Boshaftigkeit, Gemeinheit und Niedertracht voraus.

Das Böse hat viele Gesichter und setzt Boshaftigkeit voraus, Gemeinheit, Niedertracht, den Willen und die Absicht, einen anderen Menschen mit Worten oder Taten zu verletzen. Wobei Worte oft einen größeren Schaden anrichten als Taten.

Wie wird man ein Unmensch?

Vor Jahren wurde ich vom Leiter der Landesklinik Düren eingeladen, mich mit eigenen Augen zu überzeugen, dass man dort mit Patienten nicht so umgeht, wie ich es im Roman Der Puppengräber beschrieben hatte. Mein Besuch endete mit dem Geständnis des Leiters, dass man einen tobenden Zwei-Meter-Mann, der auch von mehreren Pflegern nicht gebändigt werden kann, selbstverständlich medikamentös ruhigstellen und ans Bett fixieren muss. Nichts anderes hatte ich im Roman beschrieben. Aber das nur am Rande. Ich erwähne die Landesklinik aus einem anderen Grund. Dort sind auch Straftäter untergebracht, die wegen einer psychischen Störung oder Erkrankung vom Gericht für schuldunfähig befunden und nicht zu einer Haftstrafe verurteilt, sondern in den sogenannten Maßregelvollzug überstellt werden. Dahinter steht die Absicht, die Ursache psychischer Störungen zu ergründen und wenn möglich zu beseitigen, Erkrankungen zu heilen, die Betroffenen zurück in die Gesellschaft zu entlassen.

Als Mörder wird man nicht geboren.

Bei der Führung durch die verschiedenen Abteilungen kam ich mit einem sympathischen, gebildeten Mann ins Gespräch, den ich für einen Arzt hielt. Wir haben uns eine halbe Stunde lang gut unterhalten. Im Anschluss erfuhr ich, dass dieser Mann seine Mutter getötet hatte und ohne Bedenken vonseiten des behandelnden Arztes jederzeit auf freien Fuß gesetzt werden könnte. Er hatte sein Problem aus der Welt geschafft und stellte für niemanden sonst eine Gefahr dar. Was seine Mutter ihm angetan, in welcher Weise sie ihn verletzt hatte, weiß ich nicht. Meines Erachtens war er ein klassisches Beispiel dafür, dass Mörder nicht geboren werden, Mörder werden gemacht, von ihrem Umfeld geprägt. Wer unter unmenschlichen Bedingungen aufwächst, läuft Gefahr, ein Unmensch zu werden.

In Düren war auch so ein Unmensch untergebracht worden, ein Mehrfachmörder, den der Arzt als nicht therapierbar und abgrundtief böse bezeichnete. Nachdem ihm der Ausbruch gelungen war, hatte er weitere Menschen getötet und wurde nach seiner erneuten Festnahme zu lebenslanger Haft verurteilt.

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