Erlöse uns von dem Bösen! Das Böse als biblisch-theologischer Begriff

Heute kaum vorstellbar, aber zeitweise gab es einen Diskurs, ob es „Böses“ überhaupt gäbe. Doch nicht erst die Katastrophen des 20. Jahrhunderts oder die jüngste Konjunktur des Begriffs im Feuilleton lassen die Frage nach dem Bösen stellen. Was ist theologisch von den biblischen Quellen her zu sagen?

Die einfachste Antwort auf die Frage nach dem Bösen ist zugleich die wirkungsvollste. Sie besagt: Das Böse, das wir in dieser Welt sehen und erleben, ist nicht endgültig. Es gibt nach und neben dieser Welt noch eine andere.

Diese Antwort ist – kurzgefasst – dasselbe, was Judentum, Christentum, und ganz ähnlich viele Religionen sagen. Nicht selten ist daher erklärtes Ziel, allzu-weltlichen Zielen „abzusterben“, um sich höheren Gütern zuzuwenden. Innerweltlicher Erfolg, Reichtum, Ruhm wird eher als Hindernis (oder zumindest Gefahr) auf diesem Weg betrachtet. Das Ideal von Armut, sei es innere oder äußere, und von Einfachheit findet sich oft. In fernöstlichen Meditationen etwa sucht der Mensch falsche „Begehrlichkeiten“ bewusst abzustreifen. Wenn also ein böses Unglück, ein verhängnisvolles Ereignis oder eine schuldhafte Tat etwas von Reichtum, Ruhm etc. vernichtet, wäre das in dieser Logik nicht sogar positiv zu werten? Es mag Theorien in dieser Tendenz geben, doch sind dabei einige Fehlschlüsse abzuwehren.

Das Böse im biblischen Zeugnis

Frei von falschen Abhängigkeiten und Fixierungen zu werden, ist sicher gut. Es ermöglicht echte Sachlichkeit in allen Dingen. Macht in positivem Sinne „demütig“, d.h. realistisch, gegenüber Mitmensch und Natur. Befreit zu einer Ethik des Genug, die nicht konsumieren muss bis zum Erbrechen. Also: Selbstbescheidung ganz gemäß der heute angesagten Generationengerechtigkeit.

„Der Mensch ist nur ein Gast auf Erden.“ Er hat nichts in die Welt gebracht. Er wird bei seinem Tod aus ihr nur wenig mitnehmen. So heißt es im jüdischen Gebet, das auf den Friedhöfen gesprochen wird: „Der Mensch, ob er nun ein Jahr alt wird oder ob er tausend Jahre lebt, was ist sein Vorzug? Als ob er nicht gewesen, so wird er sein“. Oder bei jedem Sonnenaufgang im Schacharit-Gebet, „fürwahr, alle Helden sind wie nichts vor dir, die berühmten Männer, als ob sie nie gewesen, … , die Einsichtigen wie ohne Verstand, … und die Tage ihres Lebens nichtig vor dir, und der Vorzug des Menschen vor dem Vieh ist nichts“.

Es gibt Böses

Sammelt nichts auf Erden, lautet die Devise. Seid nicht irdisch gesinnt! Wo ein affirmativ bestehender Selbststand, welcher Art immer, „angehäuft“ wird, weckt das theologische Kritik. Statt „festem Haus“: Mach‘ ein „leichtes Zelt daraus“, denn wer sicher wohnt vergisst, dass er auf dem Weg noch ist, singt die wie so oft zu Kirchenliedweisheit geronnene Lebenserfahrung dazu. Oder am Lebensende als leichter Abschied von der Erde Tand in den Zeilen Heinrich von Laufenbergs im 15. Jahrhundert: Ich wollt, dass ich daheime wär und aller Welte Trost entbehr (EG 517). Der Welte Trost und Güter sind eben letztlich ganz entbehrlich, ja können zu falscher Sicherheit und Illusionen führen.

Denn, alles ist Geschenk: Hast du etwas, das du nicht empfangen hättest? Wenn das Böse dazu dient, diese Grundstruktur allen Seins bewusst zu machen, dann ist das jedenfalls zu begrüßen. In der Erfahrung von Bösem wird insoweit nichts anderes als die radikale und banale condition humaine (lat: conditio humana: die Grundbeschaffenheit der menschlichen Existenz) ansichtig, die immer gilt, wenn dem Lebewesen eine es erhaltende, schützende, bewahrende Kraft fehlt (EG 352). Schon die Schöpfungsgeschichte Gen 1 berichtet, wie sich Gottes schöpferischer Geist gegen bedrohliche Chaosmächte durchsetzt; durchsetzen muss, wenn anders Leben möglich sein und bleiben soll.

Das Böse ist weder zu leugnen noch zu verharmlosen.

An der Existenz von Bösem kann also kein Zweifel sein. Das Böse ist weder zu leugnen noch zu verharmlosen. In Diskussionen kann ja das Argument begegnen, ohne Böses sei die Welt nur langweilig und öde. Doch als Regel lässt sich aufstellen: Böses wird meist nur genau so lange als „faszinierend“ oder interessant beurteilt, bis man selbst vom Bösen betroffen ist… Was aber ist das Böse? Es ist das Schädliche, Unbrauchbare, Schlechte. Es ist das Zerstörerische. Das Verkehrte, Lebensfeindliche, Falsche.

Sieben Gegen-Sätze zum Bösen

Um zu wissen, dass es Böses gibt, genügt der tägliche Blick in die Zeitung. Auch die Bibel weiß viel von seiner Realität. Es gibt das „böse Auge“ (Mt 6,23), es gibt das „böse Herz“ (Gen 6,5), und es gibt die „böse“ Tat (Mk 7,21). Doch bleibt der Mensch dem Bösen nie ohne Hoffnung ausgeliefert. Sieben starke Sätze gegen das Böse lassen sich vom biblischen Zeugnis her formulieren.

1. Das Böse ist begrenzt.

Denn so sehr die Bibel vom Bösen weiß – so sehr kennt sie Gegenmittel. Eines davon war schon ausführlich Thema: Die Einsicht, dass die innerweltlichen Übel eben stets auf Innerweltliches begrenzt sind. Dies Böse ist gewissermaßen das „entschreckte“ Böse. Es hat einen letzten Schrecken verloren, weil es nur „weltlich“ bleibt.

2. Das Böse ist entmachtet und überwunden.

Das alles ist nicht sehr von dem verschieden, was als bekanntere philosophische Position (z.B. in Königsberger Variante) etwa so begegnet: Freiheit muss und soll es geben, selbst wenn man sie gerade nicht erfährt. Doch der Mensch mit seinem radikalen Hang zum Bösen (radikal: von der Wurzel her), ist es, der (sich) das verstellt. So muss es also eine Gottheit geben, die das gerechterweise korrigiert, und dazu eine göttliche Ewigkeit (zu postulieren), in der sich dieses zeigt.

Aus der Bibel ist zu sagen, dass sie die skeptische, realistische Sicht auf den Menschen durchaus teilt, doch ist der Mensch keineswegs „nur noch als radikal Böse“ zu bezeichnen. Sind doch die Übel von Gott her schon entmachtet und begrenzt (Ps 14; Ps 53; Gen 8,21 u.a.). Hier wiederholt sich die theologische Aussage im Blick auf das Böse, die von der Reich-Gottes-Rede her gilt. Wie Gottes Reich schon angebrochen ist, aber noch nicht in jeder Hinsicht sichtbar und vollendet, so ist das Böse bereits letztgültig überwunden. Doch ist der Mensch auf Erden noch auf dem Wege und das Böse und sein Machtbereich besteht noch fort, ist noch nicht am Ende. – Im Gesagten steckt auch die Einsicht, dass der Mensch sich nicht erlösen kann. Sowie: Dass er das gar nicht muss.

3. Erlöse uns vom Bösen!

Einer der stärksten Sätze gegen das Böse ist die Bitte: Vater unser, … erlöse uns vom Bösen! (Mt 6,13) Weil die besagte Spannung des schon jetzt – noch nicht besteht, bleibt diese Bitte das täglich Brot des Beters; sie bleibt aktuell, notwendig und richtig, solang der Mensch in via, d.h. auf dem Wege, ist.

4. Theologie der Auferstehung: Ostern besagt das Ende des Bösen.

Dass das Böse bereits überwunden ist, sagt Ostern aus. In einer Theologie der Auferstehung ist dies zu zeigen. Sie besagt, dass mit der Todesüberwindung von Gott her, die sich in der Auferstehung Jesu manifestiert, die Todesmacht gebrochen, folglich ohne Wirkung ist. Hat aber der Tod keine Wirkmacht mehr, dann ist auch, was vor dem Tode liegt, relativiert. Gott bringt alles wieder; Ich mache alles neu. In der Auferstehung findet auch von daher Versöhnung des Menschen mit Gott (und allen seinen Fragen) statt.

5. Das Böse ist überflüssig – Beispiel: der Verrat des Judas.

Wer einen Film zum Leben Jesu ansieht oder die Evangelien durchblättert, kann indessen feststellen: Der Verrat des Judas, der die Gefangennahme Jesu einleitet, ist eigentlich nicht nötig! Teilweise wird in der Literatur die Idee vertreten, ohne die Tat des Judas hätte der Weg Jesu nicht in den Tod, nicht an das Kreuz geführt. Nur weil Judas ihn verraten hat, so das Argument, konnte Jesus seinen Weg „vollenden“. Judas wird so in die Nähe einer positiv besetzten Heilsfigur gerückt. Ein Exponent von Bösem (Verrat) wird zum nützlichen, ja notwendigen „Exemplar“ göttlichen Vorhabens erklärt…

Nur stimmt das nicht. Denn die Vorstellung, dass der stadtbekannte Prediger, der gezielt nach Jerusalem gezogen war, dort wegen Judas gefangengesetzt wird, ist ja völlig abwegig. Was Judas einleitet, ist vielleicht die Durchführung, er gibt konkreten Anlass oder Gelegenheit. Doch auch ohne ihn hätte ja der Zugriff der Häscher ebenso erfolgen können: Ist er doch „jeden Tag“ vor Ort, und ist nicht auf der Flucht. Sondern für diese Auseinandersetzung, um sich (dem) zu stellen, geradewegs hierher gekommen.

Der Verrat des Judas: völlig unnötig!

Der Verrat des Judas ist also überflüssig und völlig unnötig. Und das hat sein Verrat denn mit allem Bösen auch gemein und ist darin exemplarisch. Das Böse ist in letzter Konsequenz stets das Überflüssige. Die Welt käme und kommt auch ohne es bestimmt ans Ziel!

6. Auch der Anwalt des Bösen („Belial“) ist (spätestens seit Ostern nur noch) ein Schatten seiner selbst.

Weil das Böse überflüssig ist und in letzter Hinsicht überwunden, ist auch sein Anwalt (hebr. שָׂטָן der Ankläger) aus theologischer Sicht nur noch ein Schatten. Nicht dass Böses nicht existierte, wie gesagt. Es übt Macht aus, führt ins Falsche, ins Abseits. Es ist das Ungreifbare. Dabei kann zeitweise durchaus unbestimmt sein und bleiben, ob es in personhafter Gestalt oder (fast variantenreicher) als anonymes „ES“ begegnet. Und doch: Weil sein Machtbereich, seine Welt, „von Ewigkeit her“ aufgebrochen ist, ist auch sein Anwalt oder Exponent in letzter Konsequenz „entschreckt“.

7. Mit der Feier jeden Sonntags wird das Böse in Urlaub geschickt.

Im Begehen des allwöchentlichen Sonntag wird dies gefeiert. Als Tag der Auferstehung wird die Woche bewusst ins Licht der in Aussicht stehenden Überwindung aller Übel gestellt. Am Sonntag kann und soll man allen Sorgen, und letztlich auch schon allem Bösen, Urlaub geben: Mach mal Ferien, das hat heut‘ nichts zu sagen, heut‘ ist was andres dran.

Meidet das Böse in jeder Gestalt… !

Liest man genau, dann hält die Bibel zum Umgang mit dem Bösen erstaunlich viele ganz konkrete Empfehlungen bereit. Hasst das Böse, haltet euch zu dem Guten. Meidet das Böse in jeder Gestalt. Überwindet das Böse mit Gutem (um nur einige zu nennen, vgl. Am 5,15; Röm 12,17; Spr 20,22). Mit dem Wort vom Kreuz (1. Kor 1,18-2,16) wird sogar eine theologische Leitlinie gegeben, wie mit dem umzugehen ist, was als zu einem definitiven Ende gekommenes Resultat des Bösen anzusehen ist. So kann sogar ein Gekreuzigter als Herr der Welt bezeichnet werden. Denn, heißt es, Gottes schöpferischer Geist erweist seine Kraft nicht in dem, was sich zu weltlicher Stärke aufplustert und aufbläht. Sondern gerade an dem, was gering ist, mithin von Bösem entstellt, nach weltlicher Logik oder Weisheit sogar Unsinn, nichtig, töricht, beschädigt, und ganz und gar unansehnlich ist.

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