Eine ehrliche Architektur schafft Vertrauen Über modernes Bauen und Demokratie

Wie hängt Architektur mit Demokratie, Offenheit, Transparenz und Vertrauen zusammen? Darüber haben wir mit dem Stuttgarter Architekturhistoriker Professor Klaus Jan Philipp anlässlich des 100-jährigen Bauhaus-Jubiläums gesprochen.

Welche Bedeutung hat das Bauhaus für die moderne Architektur?

Philipp: Grundsätzlich ist die Bedeutung sehr hoch. Immer stärker kommt heutzutage die Architektur des Bauhauses in den Blick, obwohl während des Bestehens der Schule gar nicht so viele Gebäude entstanden sind. Nur etwa fünfzig Absolventen in der Architektur sind aus dem Bauhaus hervorgegangen. Die größere Bedeutung hat das Bauhaus selbst im Produktdesign und Handwerk. Die Errungenschaften des Bauhauses für die moderne Architektur haben ihre Wirkung auf indirekte Weise in Deutschland entfaltet. Nach 1945 kamen sie über die USA nach Europa zurück.

Was sind die typischen Merkmale modernen Bauens?

Philipp: Das Kubische, das sich besonders im Flachdachhaus ausdrückt. Bis heute wird der vom Bauhaus initiierte reduzierte Baustil gepflegt. Es ist interessant, dass diese moderne Bauweise in europäischen Ländern wie Ungarn und Rumänien bis zum Ausbruch des Krieges gepflegt wurde. Diese eigenständige Tradition wird erst jetzt wieder bewusst wahrgenommen.

Warum wird modernes Bauen mit Demokratie und Freiheit gleichgesetzt?

Philipp: In Deutschland ist das Bauhauskonzept in der Nachkriegszeit aus den USA übernommen worden. Es repräsentierte so die westliche demokratische Architektur. Außerdem wurde in den Zielen des Bauhauses von ihrem Gründer Walter Gropius eine ganzheitliche Idee vertreten. Er entwarf ein Idealbild der mittelalterlichen Bauhütte, in der alle Gewerke gemeinsam an einem Bau arbeiten.

Schafft dieses Konzept auch Vertrauen bei den Bürgern?

Philipp: Ja, das kann man in gewisser Weise sagen, weil es eine ehrliche Architektur ist, bei der alle Funktionen gezeigt werden und nicht hinter pompösen Fassaden verschwinden. Das drückt sich auch in einer Material-Ehrlichkeit aus. Man muss nichts mehr verkleiden. Stahlstützen oder Betonwände werden nicht mehr verdeckt. Dadurch wird auch signalisiert, dass dieses Material trägt. Und die offene Bauweise ist durchlässig für Licht, Luft und Sonne.

Vermittelt diese Architektur auch ein Gefühl von Sicherheit?

Philipp: Sicherlich in dem Sinne, dass sie sich nur in einer offenen, demokratischen Gesellschaft entfalten kann. Zum Beispiel gibt es im Innenbereich keine Hierarchisierung der Räume mehr. Früher ordnete sich alles um den großen Salon herum an. Jetzt sind die Grundrisse offen, die Räume gehen ineinander über und alles könnte auch in einen großen Raum zusammenfließen. Das schlägt sich auch in der Stadtplanung wieder, wenn die Straßen der Topografie folgen. Auch hier werden hierarchiefreie Räume geschaffen.

Entstehen so angstfreie Räume?

Philipp: Es entsteht in Deutschland eine Architektur, die in starkem Kontrast zur Nazizeit steht, in der große Achsen und steinerne Architektur mit wuchtigen Blöcken geschaffen wurden. Es setzte eine Gegenbewegung zu dieser Massivität ein. Es entstanden Glas – und Rasterfassaden, offene Erdgeschosse, transparente Architektur.

Das Martialische verschwand also?

Philipp: Große Achsen sollten auf jeden Fall vermieden werden. Von den Nazis wurden sie für ihre Aufmärsche gebraucht. Ein schönes Beispiel für die neue Haltung ist die Fußgängerzone in der Stuttgarter Königstraße. Die Bäume wurden immer versetzt zur Achse gepflanzt, damit nie wieder Truppen aufmarschieren können. Diese würden immer gegen einen Baum laufen.

Es galt also immer, Achsen zu vermeiden, wenn es sich nicht um den Straßenverkehr handelte?

Im Herzen Stuttgarts wurde alles getan, um die Achsen zu entwerten. So führt auch keine Achse zum Landtag. Der Bereich um den Eckensee wurde so angelegt, dass man nie direkt auf den Landtag zugeht. Der Stuttgarter Architekt Günter Behnisch galt als Baumeister der Demokratie, dessen Ziel Bauen ohne jede Status- und Machtsymbolik war.

Das Interview führte Rainer Lang.


100 Jahre Bauhaus

Architektur spiegelt kulturelle Trends und gewisse Gefühlslagen wider. Das ist auch beim Staatlichen Bauhaus so. Es hat vor 100 Jahren die Grundlagen der Moderne gelegt. Die Zusammenführung von Kunst und Handwerk war damals völlig neu. Das 1919 von Walter Gropius in Weimar als Kunstschule gegründete Staatliche Bauhaus gilt als die einflussreichste Schule von Architektur, Kunst und Design im 20. Jahrhundert. Mehr zum Bauhaus-Jubiläum: www.bauhaus100.de.

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