Kontrolle ist besser Vertrauen im Finanzwesen

„In God We Trust“ steht auf dem Dollar-Schein. Aber auch Atheisten vertrauen in die US-amerikanische Währung. Mehr noch, das ganze Finanzsystem baut auf Vertrauen und würde ohne dieses zusammenbrechen.

Zwar meinen viele Menschen, dass der Wert der Geldscheine, die die Notenbank ausgibt, durch entsprechende Goldbestände gedeckt sei, die im Keller der Notenbank liegen. Doch diese kommen nur auf einen geringen Anteil des Gegenwerts der umlaufenden Banknoten. Letztlich basiert die Tatsache, dass wir bedruckten Zetteln aus Papier einen so hohen Wert zuschreiben, auf dem Vertrauen, dass die Zentralbanken für Geldstabilität sorgen, sodass wir den Gegenwert an Gütern und Dienstleistungen ungefähr auch morgen noch erhalten, wenn wir heute einen Geldschein in Händen halten.

Vertrauen in die Geldschöpfung haben wir aber nicht nur bei den Zentralbanken, sondern auch bei den Geschäftsbanken. Obwohl wir wissen, dass keine Bank sämtliche Einlagen zurückzahlen könnte, wenn alle Kunden ihr Geld gleichzeitig einforderten, zahlen wir munter auf Sparbücher ein und halten Geld auf Girokonten. Hier hilft zwar die Einlagensicherung, die Einlagen bis zu einer Summe von mindestens 100.000 Euro durch den Einlagensicherungsfonds gesetzlich absichert. Doch die Finanzkrise hat gezeigt, wie brüchig dieses Vertrauen ist, wenn es von zu vielen systematisch ausgenutzt wird.

Das Geschäft mit dem Vertrauen

Unverantwortliche Kreditvergabe an Menschen, die die Kredite nie zurückzahlen konnten, abenteuerliche Finanzprodukte, die diese Schuldenberge versteckten, unseriöse Finanzberater, die den Menschen wackelige Produkte für die Altersvorsorge empfahlen, Mondpreise für Immobilien. Alle machten ihre Geschäfte und vertrauten in vielen Fällen darauf, dass letztlich der Staat bzw. die Notenbanken einspringen würden – der Absturz war vorprogrammiert und manifestierte sich in einem enormen Vertrauensverlust. Selbst Transaktionen, die vorher als reine Routinegeschäfte galten, konnten nicht mehr durchgeführt werden: Geldmarktfonds verloren das Vertrauen der Anleger. Banken liehen sich untereinander kein Geld mehr, da sie selbst keinen Durchblick mehr hatten, welche Risiken bei dem möglichen Geschäftspartner liegen. Sie vertrauten sich nicht mehr gegenseitig. Menschen standen Schlange vor Bankautomaten, Banken brachen zusammen oder wurden mit Milliarden gerettet. Die Große Koalition sah sich sogar genötigt, nachdem immer mehr Menschen ihr Geld zu Hause horteten, das Versprechen abzugeben, dass die Einlagen bei den Banken sicher seien.

Die fatalen Folgen der Finanzkrise

Allein in Deutschland entstand bei der Bankenrettung bisher ein unmittelbarer Schaden von über 68 Milliarden für die SteuerzahlerInnen. Die konjunkturellen Folgen, die sich auch an vielen traurigen Einzelschicksalen festmachen lassen und ein Vielfaches der direkten Kosten bedeuten, sind da noch gar nicht mitgezählt. Aber es ist nicht nur die ökonomische Wirkung dieses Vertrauensverlustes entscheidend. Viele Tausende in den USA, Spanien, Irland oder Ungarn, die ihre Häuser und Wohnungen aufgeben mussten und sämtliches Kapital, das sie mal hatten, verloren, standen vor einem Scherbenhaufen, der weit mehr betraf als nur ihren Geldbeutel.

Das Vertrauen in Fairness und Stabilität der Wirtschaftsordnung hat massiv gelitten.

Viele Anleger verloren nicht nur Geld, sondern unter anderem auch das Vertrauen in ihre Bank oder Sparkasse, von der sie sich jahrelang hatten beraten lassen. Andere mussten feststellen, dass der befreundete Finanzberater aus dem Sportverein sie in die Irre geführt hatte. Manche wurden anschließend von windigen Anwälten abgegriffen, die sich als Verbraucherschützer ausgaben. Sie stellten fest, dass die Rechtsschutzversicherung genau in dem Fall, in dem sie sie nach Jahren der Beitragszahlung mal brauchten, auf eine Regelung in den Versicherungsbedingungen verweisen konnte, wonach Kapitalanlagefragen ausgeschlossen sind. Da ging mehr verloren als das Vertrauen in die Stabilität von Banken. Viele in den westlichen Industriestaaten verloren auch das Vertrauen in die Fairness und Stabilität der Wirtschaftsordnung, in Institutionen, die vormals für Seriosität standen.

Der Vertrauensverlust geht weiter

Nach dem Höhepunkt der Krise war viel von einem Kulturwandel die Rede. Gehaltsexzesse, übertriebene Spekulation, schlechte Anlageberatung – all das sollte der Vergangenheit angehören und so das verlorene Vertrauen zurückgewonnen werden. Und ja, bei einigen Banken gab es tatsächlich Verbesserungen. Die Realität ist aber auch: Das Vertrauen wurde nach 2008 erneut von vielen Akteuren der Finanzbranche massiv erschüttert und zwar nicht nur einmal sondern mehrmals.

Die kriminellen Steuergestaltungen Cum/Ex, durch die uns Steuerzahlern Milliarden gestohlen wurden, gingen 2009–2011 schwungvoll weiter. Es ist zu vermuten, dass ähnliche Geschäfte noch heute angeboten werden. Die Manipulationen an wichtigen Preisen oder Indices, etwa am Libor, die ebenfalls zu Milliardenschäden führten, setzten sich auch nach 2008 fort. Anlagebetrugsfälle am Kapitalmarkt schädigten auch nach 2008 weiter jeweils Zehntausende von Anlegerinnen und Anlegern. Wichtige Datenleaks wie Paradise Papers oder Panama Papers oder Geldwäsche-Skandale wie bei der dänischen Danske-Bank machten deutlich, wie groß die Verstrickung des Finanzsektors in die organisierte Kriminalität und Steuerhinterziehung weltweit und auch hierzulande ist.

Der massive Vertrauensverlust durch den unseligen Vertrieb von Lehman-Zertifikaten führte nicht zu einem Umdenken im Vertrieb. Noch immer wird das oft durch persönliche Bekanntschaften, zum Teil durch Freundschaften geprägte Vertrauen in den Anlageverkäufer regelmäßig missbraucht, vor allem da es durch Provisionen falsche Anreize im Vertrieb gibt. Immens komplexe und teure Produkte sind an der Tagesordnung. Vor allem aber ist das Verhältnis zwischen (privaten und öffentlichen) Schulden einerseits und realer Wirtschaftsleistung andererseits heute nicht kleiner als vor 2008. Es ist deshalb nicht unwahrscheinlich, dass ein erneuter Einbruch bevorsteht.

Ein echter Kulturwandel braucht eine grundlegende Transformation

Ein echter Kulturwandel, eine Finanzwende hin zu einem stabilen und nachhaltig wirtschaftenden Finanzsektor steht also aus. Kein Wunder, dass so das Vertrauen nicht wiederkehrt. Aus Sicht der Bürgerbewegung Finanzwende wird es nur dann wieder Stabilität und Vertrauen geben, wenn klare Regeln und eine effektive Rechtsdurchsetzung dafür sorgen, dass problematische Geschäfte nicht stattfinden können, weil Finanzdienstleister und ihre Manager wirklich für die Schäden haften müssen, die sie verursachen, und die Probleme nicht auf andere, etwa den Steuerzahler oder den Kunden, abwälzen können.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Für die Finanzbranche gilt das allemal. Einige arbeiten dort mit gutem Willen, aber sie können angesichts der systemischen Vertrauenskrise das Blatt nicht wenden. Das kann nur eine grundlegende Transformation des Finanzsektors. Dafür wollen wir aus der Zivilgesellschaft mit der Bürgerbewegung Finanzwende sorgen.

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