Frauen in Naturwissenschaft und Technik Netzwerke und Mentoringprogramme unterstützen Naturwissenschaftlerinnen

Galt „Arzt“ lange Zeit als Männerberuf, so ist heute niemand mehr überrascht, auf Zahnärztinnen, Allgemeinmedizinerinnen oder Anästhesistinnen zu treffen. Es gibt zahlreiche gute Ansätze, diesen Wandel auch auf die anderen naturwissenschaftlichen Fächer zu übertragen.

Frauen interessieren sich seit langem für naturwissenschaftliche Studiengänge. Vor allem in der Biologie und der Chemie sind annähernd gleich viele oder mehr Frauen als Studierende eingeschrieben. Eine Ausnahme bildet die Physik, in der nach wie vor weitaus mehr Männer als Frauen studieren.

Fit für Zukunftsfelder in Forschung und Entwicklung

Auch in den sogenannten Bindestrich-Studiengängen, in denen naturwissenschaftliche Expertise und technisches Know-how verbunden werden, studieren mehr Frauen als in den übrigen Studienfächern aus der ingenieurwissenschaftlichen Fächergruppe. So gab es beispielsweise in der Biochemie und im Studiengang Umweltschutz im Wintersemester 2017/2018 mehr Studentinnen als Studenten. Auch in der Bioinformatik ist fast die Hälfte der Studierenden weiblich. Und noch im Bereich Chemieingenieurwesen/Chemietechnik stellen Frauen mehr als ein Drittel der Studierenden.

Studienanfänger/innen im Wintersemester 2017/18 in ausgewählten Studienfächern

Studienfach männlich weiblich insgesamt % weibl.
Biochemie 568 888 1456 60%
Bioinformatik 246 224 470 47%
Chemie-Ingenieurwesen/Chemietechnik 1006 598 1604 37%
Umweltschutz 221 276 497 56%
Umwelttechnik (einschließlich Recycling) 828 523 1351 39%
Verfahrenstechnik 995 710 1705 42%

Statistisches Bundesamt (Destatis), 2019 | Stand: 19.06.2019 / 12:49:06

Die Zahlen machen deutlich, dass eine Verknüpfung von naturwissenschaftlichen mit ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen dem Wunsch vieler junger Frauen entspricht, ein Studium zu absolvieren, bei dem sie von Beginn an wissen, was sie später damit anfangen können. Gleichzeitig haben sie dadurch die Möglichkeit, an den zentralen Zukunftsfeldern wie Klima, Umwelt und Mobilität mitzuwirken und ihre Kompetenzen hier aktiv einzubringen.

Nachholbedarf bei den Ingenieurwissenschaften

Anders sieht es jedoch noch in den stärker technisch ausgerichteten Fächern wie Umwelt- oder Verfahrenstechnik sowie in den klassischen ingenieurwissenschaftlichen Fächern aus. Hier liegt der Anteil von Frauen bei nur 25 % (Informatik) bzw. 23 % (Maschinenbau) und 16 % (Elektrotechnik). In diesen Studiengängen wird jedoch ein Großteil der Absolventinnen und Absolventen aus den so genannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) ausgebildet. Außerdem wird besonders der Einfluss der Elektrotechnik und der Informatik auf andere Disziplinen weiter stark zunehmen, sodass es von besonderer Bedeutung ist, dass junge Frauen auch in diesen Studiengängen einen angemessenen Anteil an den Studierenden einnehmen.

Stereotype beeinflussen die Berufswahl

Großen Einfluss darauf, welche Rollen Mädchen und Jungen, Frauen und Männern in einer Gesellschaft zuerkannt werden, haben kulturell geprägte Normen und Werte. Damit werden bestimmte Eigenschaften (z.B. Mädchen sind sprachbegabter, Jungen sind nicht so sozial veranlagt) als charakteristisch und quasi naturgegeben erklärt, obwohl sie durch kulturell beeinflusste Denkweisen sozial konstruiert sind. Studien, in denen die unterschiedliche Einbindung von Frauen in technische Berufe untersucht wurde, machen dies besonders deutlich. Hier zeigt sich, dass der Frauenanteil in MINT-Berufen in verschiedenen Kulturkreisen extrem stark variiert – je nachdem, welche Charakteristika die jeweilige Gesellschaft diesen Berufen zuschreibt und mit welchen Personengruppen diese verknüpft werden (vgl. Frieze, Carol; Quesenberry, Jeria: Kicking Butt in Computer Science. Women in Computing at Carnegie Mellon University, Indianapolis, 2015).

Das Beispiel des Medizinstudiums zeigt jedoch, dass Stereotype durchaus veränderbar sind: Galt dieses Studium jahrhundertelang als absolute Männerdomäne, sind heute zwei Drittel der Studienanfängerinnen und -anfänger in der Medizin Frauen. Wo früher die „Frau Doktor“ nur die Ehefrau eines Arztes war, ist sie heute selbst als praktizierende Ärztin tätig. Entsprechend wundert sich heute niemand mehr über Zahnärztinnen, Allgemeinmedizinerinnen oder Anästhesistinnen, und kaum ein Vater oder eine Mutter würde der eigenen Tochter von der Wahl eines entsprechenden Studiengangs abraten.

Wie können mehr Frauen für naturwissenschaftlich-technische Berufe gewonnen werden?

Um Kindern und Jugendlichen die ganze Bandbreite der Berufsmöglichkeiten aufzuzeigen, bedarf es verschiedener Angebote entlang der gesamten Bildungskette. Dafür ist eine gezielte und dauerhafte Integration dieser Ansätze in die bestehenden Systeme schulischer und außerschulischer Bildung erforderlich. Mädchen und Jungen müssen im Rahmen dieser Maßnahmen die Gelegenheit erhalten, sich in verschiedenen Berufen auszuprobieren um ihre Stärken und Potenziale für unterschiedliche Berufsfelder zu entdecken. Dabei geht es nicht darum, junge Menschen in Berufe zu drängen, die nicht ihren Interessen und Neigungen entsprechen, sondern ihr Berufswahlspektrum zu erweitern.

Ziel ist es nicht, Menschen in bestimmte Berufe zu drängen, sondern ihr Auswahlspektrum zu erweitern.

Ein Beispiel für ein niedrigschwelliges Angebot zur Berufsorientierung ist der „Girls’Day – Mädchen-Zukunftstag“. An diesem jährlich am letzten Donnerstag im April stattfindenden Tag öffnen Unternehmen, Betriebe, Behörden und Forschungseinrichtungen ihre Türen und bieten Mädchen ab der fünften Klasse Einblick in die Berufsfelder von Technik, Mathematik, Handwerk, Ingenieur- und Naturwissenschaften. Beim Girls’Day im Jahr 2019 standen von rund 10.100 Angeboten 760 Angebote im Bereich Naturwissenschaften und Forschung zur Verfügung, das entspricht einem Anteil von 8 Prozent. In der Kategorie EDV/IT/Robotik/Programmierung und Informatik wurden 1.267 Veranstaltungen angeboten (13 Prozent). Darüber hinaus gibt es über das ganze Jahr hinweg bundesweit zahlreiche weitere Möglichkeiten für Jugendliche, MINT in der Praxis kennenzulernen.

Großer Beliebtheit erfreuen sich mittlerweile die zahlreichen Frühlings-, Sommer- und Herbsthochschulen, die in den entsprechenden Ferien bundesweit an zahlreichen Hochschulen angeboten werden. Die Teilnehmerinnen (und oftmals auch Teilnehmer) verbringen bis zu eine Woche auf dem Campus und arbeiten gemeinsam an einer ingenieurwissenschaftlichen oder naturwissenschaftlichen Fragestellung. Auch mehr und mehr Schulen arbeiten mittlerweile mit Hochschulen und Unternehmen zusammen, um kontinuierliche und dauerhafte Angebote für die MINT-Berufsorientierung an den Schulen zu etablieren. Diese guten Praxisbeispiele müssen jedoch noch mehr in die Fläche getragen werden.

Netzwerken als Erfolgsfaktor in Studium und Beruf

Viele Hochschulen bieten mittlerweile Möglichkeiten für Studentinnen, sich beispielsweise im Rahmen von Mentoring-Programmen ein eigenes Netzwerk aufzubauen und Kontakt zu weiblichen Vorbildern zu knüpfen, die bereits erfolgreich ein MINT-Fach studieren oder in einem MINT-Arbeitsfeld tätig sind. Diese Angebote gilt es auszubauen und strukturell an den Hochschulen einzubinden. Studentinnen sollten die Möglichkeit nutzen, als Mentee oder auch als Mentorin an derlei Maßnahmen teilzunehmen. Wer kein Angebot an der eigenen Hochschule findet, sollte übergreifende Vernetzungsangebote wahrnehmen, beispielsweise das MINT-Karrierenetzwerk Femtec oder die meet.ME-Karriereauftaktveranstaltung des Nationalen Pakts für Frauen in MINT-Berufen „Komm, mach MINT.“

Auch im Berufsleben sind es vor allem Netzwerke und Beziehungen, die der Karriereentwicklung förderlich sind – bei Frauen und Männern. Unternehmensberaterin Andrea Och geht davon aus, dass Leistung nur zehn Prozent des beruflichen Erfolgs ausmacht, Selbstvermarktung 30 Prozent und Netzwerke und Beziehungen 60 Prozent. Gerade in den MINT-Sparten, in denen Frauen auf allen Ebenen noch deutlich unterrepräsentiert sind, sollten Berufseinsteigerinnen nicht auf diese gegenseitige Unterstützung verzichten.

Zahlreiche übergreifende Netzwerke wie beispielsweise das Netzwerk fib (Frauen im Ingenieurberuf im Verein Deutscher Ingenieure e. V.), der dib (Deutscher Ingenieurinnenbund) oder der Ausschuss Elektroingenieurinnen im VDE (Verband der Elektrotechnik, Elektronik, Informationstechnik e.V.) bieten sich ebenfalls an, um den Austausch mit anderen MINT-Frauen zu pflegen, sich zu vernetzen und gegenseitig bei der beruflichen Karriereentwicklung zu unterstützen.

Unternehmen unterstützen

Auch die Karriereentwicklungsmöglichkeiten haben sich in vielen Betrieben für MINT-Frauen entscheidend verbessert. Dies liegt einerseits an den vorab genannten Maßnahmen, die es Frauen erleichtern, Karriere und Kind zu verbinden, andererseits aber auch an Qualifizierungs- und Unterstützungsangeboten. Zu nennen sind beispielsweise Führungskräfteseminare, aber auch Mentoringprogramme, bei denen den weiblichen Mentees eine Mentorin aus dem gehobenen Management zur Seite gestellt wird. Dadurch erhalten die Teilnehmerinnen die Möglichkeit, sich zum Thema Führungserfahrungen auszutauschen und ein eigenes Netzwerk aufzubauen.

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