Kritischer Blick statt Habachtstellung Ein Zellbiologe über Reibungspunkte zwischen Forschung und Glaube

Wie beurteilt ein Naturwissenschaftler den Wert seiner Forschungserkenntnisse? Und welche Reibungspunkte gibt es im Forschungsprozess, wenn er sich zugleich als Christ versteht? Wir haben uns einen Gesprächspartner aus der Evangelischen Akademikerschaft gesucht.

Lars, kannst du einem naturwissenschaftlichen Laien deine Aufgaben und Tätigkeiten als Naturwissenschaftler kurz erklären?

Wegner: Ich bin promovierter Biologe und habe auf verschiedenen Gebieten gearbeitet: Ein Thema war und ist die Aufnahme und Verteilung von Wasser und Nährstoffen in Kulturpflanzen wie Gerste und Mais. Es geht darum, wie diese Stoffe koordiniert durch die Membranen, die jede Zelle wie eine Haut abschirmen, hindurchtreten können, und wie sie dann durch ein System von mikroskopischen Röhren im Organismus verteilt werden. Die Zellmembranen kann man auch durch das Anlegen elektrischer Felder kontrolliert durchlässig machen und so Stoffe einschleusen, die normalerweise nicht eindringen können. Darüber habe ich auch geforscht. Ein weiteres Arbeitsgebiet ist die Entwicklung von Sensoren, die Phosphate erkennen können. In allen Fällen spielte der Einsatz elektrochemischer Messtechniken in der Biologie eine Rolle. Wer mehr wissen will, kann meine Seite auf Researchgate besuchen: www.researchgate.net/profile/Lars_Wegner.

Was naturwissenschaftlich „nachgewiesen“ ist, wird allgemein für gültig gehalten. Ist ein solches Vertrauen in die Naturwissenschaften aus deiner Sicht berechtigt?

Wegner: Ein kritischer Blick auf die Naturwissenschaften, die Methoden, Theorien und Ergebnisse ist durchaus berechtigt und angebracht – Kritik ist ja ein wesentlicher Teil des Erkenntnisprozesses in den Wissenschaften. Allerdings nicht so, dass ich nur das gelten lasse, was meine Vorstellungen und mein Weltbild bestätigt, und die unbequemen Ergebnisse dann durch „alternative Fakten“ ersetze. Aber seit Jürgen Habermas vor mehr als 50 Jahren sein bahnbrechendes Werk Erkenntnis und Interesse veröffentlichte, ist uns ja bewusst, dass Wissenschaft generell immer auch interessengeleitet ist; das betrifft sowohl die Auswahl der Forschungsgegenstände (und der Themen, die man lieber ausspart) als auch die Bewertung der Ergebnisse. Einerseits ist da das Interesse an wirtschaftlicher Verwertung (man denke nur an die Entwicklung neuer Medikamente), andererseits aber auch das persönliche Interesse des Forschers, sich seinen Platz im Wissenschaftsbetrieb durch möglichst viele wissenschaftliche Publikationen in angesehenen Zeitschriften zu sichern.

Leider kommt es da auch immer mal wieder vor, dass die publizierten Ergebnisse selbst manipuliert sind. Inzwischen gibt es Strukturen, z.B. bei der aus Bundesmitteln finanzierten Deutschen Forschungsgemeinschaft, die solche Fälle aufdecken und die Verantwortlichen sanktionieren sollen. Aber selbst wenn kein Betrug im Spiel ist, kann die Auswahl und Bewertung von Forschungsergebnissen so kontrovers sein, dass auch für den Informierten keine gesicherten Schlussfolgerungen mehr möglich sind. Ein Beispiel: Ich habe eine Zeit lang die Forschung zur medizinischen Wirkung schwacher elektromagnetischer Wechselfelder (z.B. Handystrahlung) verfolgt, aber die Faktenlage war so verworren und von unterschiedlichen, natürlich auch kommerziellen Interessen überlagert, dass mir eine Bewertung nicht mehr möglich erschien – ich hab’s dann aufgegeben.

In den meisten Fällen gibt es aber einen Grundkonsens unter den Experten – das „Lehrbuchwissen“, eine solide Basis, auf die sich meist alle einigen können. Den kritischen Blick darauf sollte man sich trotzdem bewahren, wobei die Kenntnis der Mechanismen des Wissenschaftsbetriebes natürlich hilfreich ist. Und den Glauben lässt man in den Naturwissenschaften sowieso besser außen vor…

Naturwissenschaftliche Forschung ist heute hoch spezialisiert, sodass sich oft nur noch Experten untereinander verstehen. Haben die Naturwissenschaften ein ähnliches Vermittlungsproblem, wie es sonst oft der Theologie nachgesagt wird?

Wegner: Ein Kommunikationsproblem gibt es auf jeden Fall – das beginnt schon bei der Fachsprache, die bei der Vermittlung der Erkenntnisse über den Expertenkreis hinaus eine schwierige Hürde darstellt. Jede Übersetzung in die Alltagssprache ist zwangsläufig mit einem Verlust an Information verbunden. Viele Ergebnisse lassen sich in den Naturwissenschaften nur mathematisch angemessen ausdrücken – da ist das Kommunikationsproblem offensichtlich noch viel grundsätzlicher.

Trotzdem müssen die Resultate wissenschaftlicher Forschung auch immer wieder für die interessierte Öffentlichkeit aufbereitet werden – da hat der Wissenschaftsbetrieb durchaus eine Bringschuld in einer demokratischen Gesellschaft. Und wir haben ja heute da ganz andere Möglichkeiten als vor 30 Jahren. Ich bin z.B. immer wieder beeindruckt von der Qualität der Beiträge zu naturwissenschaftlichen Themen in Wikipedia. Auch die Verständlichkeit hat sich in den letzten Jahren verbessert! Und die Qualitätsmedien (z.B. der Deutschlandfunk in seiner Sendung „Forschung aktuell“, täglich um 16:35) geben sich redliche Mühe, den Stand der Erkenntnis verständlich und oft auch unterhaltsam unters Volk zu bringen.

Hast du als Naturwissenschaftler den Anspruch, dass deine Forschungsergebnisse über den kleinen Kreis der Forschergemeinde hinaus Wirkung zeigen sollen? Wenn ja, in welcher Weise?

Wegner: Das ist mir durchaus ein Anliegen. Einerseits hofft man natürlich immer, dass der eigene Mosaikstein einen (vielleicht entscheidenden) Beitrag zu einem größeren Bild leistet: Züchtung von Pflanzen, die Bodenversalzung und Wassermangel besser vertragen, oder verbesserte biotechnologische Verfahren. Wenn die eigenen Arbeiten das erste Mal in einem einschlägigen Lehrbuch erwähnt werden, ist das natürlich auch ein besonderer Moment. Ein anderer Aspekt ist die technische Umsetzung in ein kommerzielles Produkt: Da habe ich mich auch versucht, das erwies sich aber als ein äußerst steiniger Weg…

Spielen Glaube und Religion bei deiner naturwissenschaftlichen Arbeit eine Rolle? Gibt es Konflikte oder überhaupt Berührungspunkte?

Wegner: Der Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft wird ja heutzutage eher systematisch heruntergespielt. Religion ist Privatsache, rein subjektiv, betrifft die eigene Lebenswelt. Wissenschaft dagegen vermittelt objektive Fakten. Es gilt ein methodischer Atheismus – Gott bleibt außen vor. Aber die Reibungsflächen gibt es eben doch. Wenn ich als Christ von Schöpfung spreche, dann steht das im Widerspruch zu einem Evolutionsbegriff, der nur Zufall und Selektion als Entwicklungsprinzipien gelten lassen will. Sendungsbewusste Atheisten wie Richard Dawkins thematisieren solche Widersprüche heute noch, von Seiten der akademischen Theologie kommt da nach meinem Eindruck aber wenig. Da will man nicht als Fortschrittsverächter gelten und geht bei jeder naturwissenschaftlich begründeten Lehrmeinung, so dünn sie auch belegt sein mag, gleich in Habacht-Stellung. Bei der Diskussion um den „Freien Willen“ und die Existenz einer immateriellen Seele ist mir das besonders aufgefallen, durchaus auch in Beiträgen in den evangelischen aspekten zu diesem Thema.

Ich finde, wir sollten solche Widersprüche annehmen und zulassen. Sie halten das Denken offen für grundsächliche Alternativen. Geschlossene Systeme, die die Welt widerspruchsfrei erklären, machen mich immer misstrauisch. Interessanterweise gibt es auch unter Biologen immer mehr Unbehagen, nicht an der Evolutionslehre, aber an einem Neo-Darwinismus auf rein materialistischer Grundlage. Meist wird das noch hinter vorgehaltener Hand geäußert. Aber das würde hier zu weit führen und wäre ja vielleicht mal ein eigenes aspekte-Thema!

Das Interview führte Bertram Salzmann.

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