Geheimnisvoll am lichten Tag Erfolg und Grenzen naturwissenschaftlicher Forschung

Dem gigantischen wissenschaftlichen Fortschritt der letzten Jahrhunderte verdanken die Naturwissenschaften ihre Autorität. Sie scheinen auf dem Weg zur Lösung der letzten Welträtsel.

Jährlich am 10. Dezember vergibt die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften die Nobelpreise für Physik und Chemie. Sie zeichnet damit Forscher*innen aus, die durch ihre Entdeckungen in einer diesen beiden Disziplinen der Menschheit besonderen Nutzen erwiesen haben (unter den jeweils über 200 Geehrten finden sich bisher allerdings nur drei bzw. fünf Frauen). Nicht immer ist die segensreiche Wirkung der bahnbrechenden Erkenntnisse dabei so offensichtlich wie beim ersten Träger des Physik-Nobelpreises, den 1901 Wilhelm Conrad Röntgen für die Entdeckung der Röntgen-Strahlen erhielt. Doch die Wissenschaftsjournalisten geben sich jährlich alle Mühe, die neuen Erkenntnisse so zu erklären, dass man ihre herausragende Bedeutung immerhin erahnen kann.

So groß die Aufmerksamkeit anlässlich der Preisvergabe ist, so wenig Notiz nimmt der wissenschaftliche Laie in der Regel sonst von dem, was hinter den Türen von Laboren und Forschungseinrichtungen täglich passiert – ausgenommen bei besonderen Reizthemen, wie z.B. Gentechnik, Tierversuchen oder embryonaler Forschung. Im Bewusstsein, dass man mit der Entwicklung des Fachwissens ohnehin nicht Schritt halten kann, beschränkt man sich darauf, die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung dann zur Kenntnis zu nehmen, wenn sie als praktische Verbesserungen im Alltag angekommen sind.

Ausdifferenzierung und Internationalisierung

Und es stimmt ja: Die naturwissenschaftlichen Disziplinen haben sich immer weiter ausdifferenziert, die Forschung wird immer spezieller, auch unter den Naturwissenschaftlern verstehen nur noch die Experten auf einem Teilgebiet die Publikationen ihrer Kollegen. Diese Spezialisierung ist aber gerade einer der Gründe für den ungebrochenen Erfolg der Naturwissenschaften und für die gigantische Wissensexplosion, die sie uns in den vergangenen Jahrzehnten beschert haben. Diese lässt sich messen an der stetig wachsenden Zahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen und Publikationsorgane. Die Kehrseite ist, dass sich der wissenschaftliche Fortschritt eher in vielen kleinen Einzelschritten vollzieht als in wenigen bahnbrechenden Umwälzungen, von denen dann jedermann Notiz nehmen müsste.

Die zweite durchschlagende Tendenz ist die Internationalisierung der Forschung im Zuge eines globalen Austauschs und der länderübergreifenden Kooperation. Spezialisierte Forscherteams arbeiten an unterschiedlichen Orten der Welt, teils in Konkurrenz zueinander, aber immer im Wissen umeinander, um wissenschaftliche Probleme zu lösen. Die Digitalisierung der Kommunikation hat auch hier zu einer enormen Beschleunigung und „Befeuerung“ geführt.

Vertrauen in die Autorität der Wissenschaften

In einem latenten Spannungsverhältnis zur eher spärlichen Anteilnahme des breiten Publikums am mühsamen und kleinteiligen naturwissenschaftlichen Fortschritt scheint das große, Vertrauen zu stehen, das den Naturwissenschaften im Allgemeinen entgegengebracht wird. Kaum etwas taugt besser als Beleg für ein Argument in der Debatte als eine naturwissenschaftliche Studie. Und auch wenn diese sich gelegentlich widersprechen oder in ihrer Einschätzung nicht einig sind, folgt die Meinung doch in der Regel dem Mainstream der wissenschaftlichen Forschung (sofern nicht übermächtige Lobby-Interessen oder unüberwindliche Vorurteile entgegenstehen).

Die Autorität der Wissenschaft beruht dabei im Wesentlichen auf ihrer unabhängigen Überprüfbarkeit. Zwar wäre es naiv anzunehmen, dass naturwissenschaftliche Forschung nicht auch interessegeleitet und deshalb immer unabhängig und „objektiv“ wäre. Schon allein in der Finanzierung der Forschung, die zu großen Teilen nicht durch die öffentliche Hand, sondern durch Drittmittelgeber erfolgt, bilden sich die externen Interessen ab. Doch zu den internen Kontrollmechanismen wissenschaftlicher Forschung gehört eben die Überprüfung durch Dritte, was immer wieder auch zur Aufdeckung von gefälschten oder „geschönten“ Forschungsergebnissen führt.

Gleichwohl stellt sich die Frage, ob die weitgehend „blinde Gefolgschaft“ die die Naturwissenschaften in der Breite genießen, sich nicht eher positiven Auswirkungen ihrer Anwendung verdankt: Die Fortschritte z.B. in Medizin und Technik, von denen wir alle täglich profitieren, gehen ja vielfach auf naturwissenschaftliche Forschung zurück, und ein Großteil der Bequemlichkeit unseres Alltags wie unseres wirtschaftlichen Wohlstandes wären ohne sie nicht denkbar. Angesichts der grandiosen Verdienste der Naturwissenschaften gehört also schon eine gewisse Portion Mut dazu, ihre ungebrochene Autorität hier und da in Frage zu stellen. Ironischerweise sind sich Wissenschaftler*innen selbst der Grenzen ihrer Tätigkeit und Erkenntnisse oft viel mehr bewusst als diejenigen, die ihre Ergebnisse zur Kenntnis nehmen oder verbreiten.

Die Lösung der Welträtsel

Am meisten Aufmerksamkeit unter den naturwissenschaftlichen Fächern genießt, wie es scheint, die Astrophysik. Die Faszination von „schwarzen Löchern“ und „dunkler Materie“ ist ungebrochen, und nach wie vor wirkt die große, ungelöste Frage nach dem Ursprung des Universums wie eine große, allgemeine Triebfeder des Interesses. Vermutlich nicht zufällig entzünden sich gerade an diesem Thema auch immer wieder Diskussionen um das Verhältnis von naturwissenschaftlicher Erkenntnis und christlicher Tradition. Ein Kommunikationsproblem scheint es dabei auf beiden Seiten zu geben: So schwer es den Naturwissenschaftlern fällt, ihre neuen Erkenntnisse für Laien nachvollziehbar zu machen, so schwer tut sich die Theologie damit zu erklären, wie sich z.B. die Schöpfungserzählungen der Bibel zu naturwissenschaftlichen Weltentstehungserklärungsversuchen verhalten.

Vielleicht mag man sich darauf einigen, dass der Ursprung des Universums noch ungeklärt ist und dass Christen eben Gott an der Stelle dieses ungeklärten Ursprungs sehen. Auf der einen Seite steht dabei ein fast grenzenloses Vertrauen in die wachsende naturwissenschaftliche Erkenntnis, die durch die Lösung dieses letzten Welträtsels irgendwann auch  die Hypothese „Gott“ überflüssig machen wird. Auf der anderen Seite herrscht hingegen die Überzeugung, wie sie der Philosoph Ludwig Wittgenstein 1918 in Absatz 6.52  seines Tractatus logico-philosophicus formuliert hat – dass nämlich „selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind“. Denn auch mit der Lösung aller naturwissenschaftlichen Rätsel harren die entscheidenden Fragen nach dem Ursprung und der Bestimmung des Menschen, nach dem „Sinn“ der Welt und des Lebens immer noch einer Antwort. Zur Lösung unserer „Welträtsel“ brauchen wir folglich nicht nur die Formeln der Naturwissenschaften, sondern auch die Sprache des Glaubens und der Poesie, denn – mit Worten Goethes aus dem Faust: „Geheimnisvoll am lichten Tag / Lässt sich Natur des Schleiers nicht berauben, / Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag, / Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.“ (Faust I, V. 672-675).

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