Nicht nur im Konflikt liegende Staaten, sondern auch streitende gesellschaftliche Gruppen können schleichend in einen „Kriegszustand“ geraten. Aktuell droht auch in Deutschland eine solche Eskalationsspirale. Wie kann christliches Reden und Handeln zur Gegenkraft werden?
Einiges deutet darauf hin, dass die öffentliche Kommunikation insbesondere in den Sozialen Medien zunehmend einer Eskalationsspirale aus Positionierungszwang und Polarisierungsdynamik folgt: Ob zu Israel und Palästina, zur „Brandmauer“ oder auch nur zur gendergerechten Sprache – es scheint kaum noch möglich zu sein, nicht sofort in der einen oder anderen Sache gegenüber den Mitbürgern Stellung zu beziehen – und dies zunehmend schärfer und unversöhnlicher. Der Druck zur persönlichen Positionierung geht dabei Hand in Hand mit einer wachsenden gesellschaftlichen Polarisierung, bei der eine Verständigung zwischen konträren Haltungen kaum noch möglich ist.
Der schleichende Weg in den Krieg
Nach Worten des frühneuzeitlichen politischen Philosophen Thomas Hobbes ist Krieg „der Wille, einen Streit mit Gewalt auszutragen, der durch Worte oder Taten deutlich kundgetan wird[.] Die übrige Zeit wird Frieden genannt“. Hobbes‘ Erwähnung der „Worte“ deutet eine Eskalation an, die von der Fakten schaffenden Macht der Sprache befeuert wird. In Worten den Willen zu erklären, einen Streit notfalls mit Gewalt auszufechten, setzt die Sprecher wechselseitig unter Zugzwang. Auf diese Weise können miteinander streitende Parteien auch innerhalb einer Gesellschaft in einen „Kriegszustand“ geraten, ohne dies so zu beabsichtigen. Klärungsbedürftig ist in diesem Zusammenhang, wann schon nicht mehr Friede, aber noch nicht Krieg ist, wie wir erkennen, dass uns der Friede entgleitet und was wir dagegen tun können.
Innerer und äußerer Friede
Die Bedrohung, von der hier die Rede ist, gilt dem sogenannten „inneren Frieden“ – im Unterschied zum Außenverhältnis zwischen mehreren Staaten. Nach dem klassischen, vertragstheoretisch fundierten Friedensbegriff wird dieser innere Friede durch eine institutionelle Ordnung garantiert. Dieses Verständnis birgt die Gefahr, die vorinstitutionellen Bedingungen für den Bestand dieser Ordnung aus dem Blick zu verlieren. Im Neuen Testament speisen sich daraus Vorbehalte der Christen gegenüber der pax und securitas als Gaben römischer Herrschaft, die von der persönlichen Friedfertigkeit der Menschen absehen. Und auch Augustinus legte in seiner Friedenslehre Wert auf die Einsicht, dass ein Zustand oder eine Zeit als Frieden missverstanden werden können, die ihn im eigentlichen Sinne pervertieren. Der Grund dafür sei bei den Menschen zu suchen, die diesen Zustand durch ihre Einstellungen und Verhaltensweisen (bei Augustinus: die Selbstliebe im Unterschied zur Gottesliebe) befördern und aufrechterhalten.
Verteidigung des „inneren Friedens“
Ironischerweise folgt auch die aktuelle kriegstreiberische Eskalationsspirale einem Streben nach „innerem Frieden“. Denn wer in der aggressiven Behauptung der jeweils eigenen Identität, der eigenen Überzeugungen und Ansprüche, die vereindeutigende Selbstvergewisserung sucht, kämpft damit auch für seinen persönlichen „Seelenfrieden“. Die Werte der eigenen Gruppe oder Kultur werden dazu offensiv gegen ein Außen behauptet, das den hart erkämpften und schwer zu verteidigenden inneren Frieden mit sich selbst und seinesgleichen angeblich gefährdet. Dazu werden strikte Gegensätze konstruiert und weltanschauliche Bekenntnisse zu angeblich „letzten“ Werten abgegeben – auch um den Preis der Abwertung der Anderen und Fremden. Auf der Strecke bleibt dabei das sich Hineinversetzen in die Gefühls- und Vorstellungswelten von Anderen und die Integration unterschiedlicher Perspektiven auf die Welt, die außerhalb des eigenen Tellerrands liegen.
Welche Möglichkeiten hat eine demokratische Gesellschaft in dieser Situation, sich wieder zu befrieden, also die unheilvolle Entwicklung zu entschleunigen, aufzuhalten, wohlmöglich umzuwenden? Und welchen Beitrag dazu können wichtige gesellschaftliche Akteure wie z.B. die Kirchen leisten?
Das tragende Ethos der Demokratie
Nach einem berühmten Diktum des Staatsrechtlers Ernst-Wolfgang Böckenförde lebt die Demokratie „von Voraussetzungen, die sie selbst nicht garantieren kann“. Er denkt da an ein „einigendes Band“ des populus, das jeder rechtlichen Bestimmung vorausliege. Zu dem „tragenden Ethos“, wie er auch schreibt, könnten die Kirchen auch dann noch beitragen, wenn die Religion als „Ferment der staatlichen Ordnung“ ausfalle. Sie könnten dann vielleicht keine staatstragende Rolle mehr spielen, aber doch immer noch eine für die Demokratie förderliche Rolle ausfüllen (vgl. dazu die Beiträge von Benedikt Brunner sowie Thorid Schmelter und Karl-Georg Ohse in evangelische aspekte 1/2026).
Das tragende Ethos der Demokratie ist in Gefahr.
Der Sozialphilosoph Cornelius Castoriadis radikalisierte Böckenfördes Befund: Die Demokratie sei „das einzige System“, schreibt er, „das sich offen der Möglichkeit seiner Selbstzerstörung stellt und diese riskiert“. Angesichts der Eskalationsspirale aus Positionierungszwang und Polarisierungsdynamik erlebt die demokratische Lebensform nicht nur gesamtgesellschaftlich, sondern auch innerhalb der Kirchen eine Zerreißprobe. Denn auch Glaubensgemeinschaften sind gegen die zentrifugale Politisierung nach dem simplifizierenden Schema von rechts und links nicht gefeit. Diesem Thema widmet sich aktuell eine Studie des Vereins futur2 (www.pik-studie.de), der Anfang Dezember 2026 zudem einen Strategiekongress zu Fragmentierung und Polarisierung in der Kirche durchführt (www.strategiekongress.org).
Die positive Friedenskonzeption des biblischen Shalom
Wohlmöglich ist nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für die Kirche in der Gesellschaft das „Zivilisierungsprojekt“ (Dieter Senghaas) einer Kultur des Friedens gefordert, durch die Menschen einander in Verhältnisse einsetzen, die ihnen den inneren Frieden erhalten. Nicht zuletzt ist der Grund des inneren Unfriedens mangelnder Gemeinsinn für Formen, in denen Streit befriedet geführt werden kann. Was aber erhält inneren Frieden, wenn er uns zu entgleiten droht?
Der Traditionslinie der negativen Friedenskonzeption, die Frieden im Gegensatz zum Krieg bestimmt, reicht von der pax romana über die neuzeitlichen Vertragstheorien bis zu modernen vertragstheoretischen Konzeptionen. Im Christentum steht ihr eine andere positive Friedenskonzeption gegenüber. Sie hat ihre Wurzeln in dem lebensweltnahen shalom des Alten Testaments und hat, so der Alttestamentler Claus Westermann, auf dem Wege ihrer „spezifisch theologische[n] Prägung“ in der exilisch-nachexilischen Zeit über die eirene im Neuen Testament im Christentum fortgewirkt.
Gegenentwurf im christlichen Friedensgruß
Der Kern des alttestamentlichen Friedensbegriffs verdichtet sich im Friedensgruß, der von Westermann als eine Lebensfunktion der Gemeinschaft bezeichnet worden ist. Für sie hatte der Tübinger Systematiker Eberhard Jüngel eine sprechakttheoretische Erläuterung parat: Die wechselseitige Verschränkung von Individual- und Gemeinwohl, die mit shalom bezeichnet wird, ist auf die stete Aktualisierung durch die performative Kraft symbolischer Verständigung angewiesen, in der die Menschen einander den Frieden wechselseitig mitteilen.
Im christlichen Friedensgruß ereignet sich, wovon in ihm die Rede ist.
„Der Friedensgruß“, so Jüngel, „macht […] vom Frieden selber Gebrauch. Und der Friede ist seinerseits von der Art, daß er sich mitteilen und sich ereignen will. […] Der Friede ist sozusagen ein Bereich, in den der Gegrüßte aufgenommen wird und in dem er geborgen ist. […] Man kann sich auf das Gesagte verlassen und dem Redenden vertrauen, weil sich durch den Friedensgruß ereignet, wovon in ihm die Rede ist.“ Mit dem Gruß wird daher ein gemeinsames Wir aktualisiert, das den Interessensunterschieden und Überzeugungsdifferenzen, die in einen Streit miteinander geraten können, rahmend vorausliegt, den Ausgang der Streitigkeiten aber nicht inhaltlich vorwegnimmt.
Friede auch als Sache des Takts und der Gesten
Der innere Friede wäre demnach also nicht zuletzt eine Sache der Form, und damit auch des Taktes, und damit auch der Stimmigkeit der Gesten, mit denen wir einander taktvoll begegnen. Wohlmöglich ist er also eine Sache vor allem der Äußerlichkeit, nämlich der Fähigkeit, einander die Teilhabe an einem Wir zu kommunizieren, das im Zuge dieser Kommunikation stets erneuert werden muss. Demokratie basiert nicht zuletzt auf der Einsicht, vor allem inhaltlichen Dissens an einer gemeinsamen öffentlichen Lebensform teilzuhaben, dafür noch im Dissens Verantwortung übernehmen zu müssen und von der Übernahme der Verantwortung trotz des Dissenses grundsätzlich zu profitieren. Ob wir diese Einsicht besitzen oder nicht, beweisen wir einander nicht durch wortreiche Bekenntnisse, sondern durch die richtigen Gesten. Dafür Gemeinsinn zu entwickeln, dürfte (siehe oben) ein in der Tat dringliches Selbstzivilisierungsprojekt sein, in und außerhalb der Kirche.
