Heimat: Ein deutsches Schlüsselwort Über ein unübersetzbares Wort, seine Geschichte und seine politische Verortung

Was haben Gartenzwerge mit Heimat zu tun? Warum wird „Heimat“ so oft mit völkischem Gedankengut in Verbindung gebracht? Haben Linke keine Heimat? Eine kulturwissenschaftliche Betrachtung über ein urdeutsches Wort.

Seit einigen Jahren vergeht kaum ein Monat ohne neue Bücher über ›Heimat‹, darunter philosophische Reflexionen, Kochbücher, psychologische Ratgeber und Graphic Memoirs. Und selbst beim Einkaufen entkommen wir der Heimat nicht: Supermarktketten und Lebensmittelhersteller vermarkten selbst Gin und Schokolade-Kokoschips mit Slogans und Markennamen wie ›Ein gutes Stück Heimat‹.

Vergleichsweise neu ist es, dass sich politische Parteien des gesamten Spektrums auf Heimat beziehen, nachdem über lange Zeit nur die radikale und extreme politische Rechte das Wort nutzte; man denke etwa an den ›Thüringer Heimatschutz‹ oder an die weitgehend bedeutungslose NPD, die sich schon lange als ›soziale Heimatpartei‹ bezeichnet. Dabei gibt es allerdings deutliche Nuancen: Linkspartei, Grüne und SPD definieren Heimat als Projekt oder konnotieren sie mit Vielfalt; CDU, CSU und FDP versprechen ›mehr Heimat‹ oder kombinieren Heimat mit Zukunft.

Verklärter Traum oder Albtraum?

Einer der Gründe dafür, dass Parteien und Marketingexperten die Heimat für sich entdeckt haben, ist sicherlich darin zu suchen, dass die überwältigende Mehrheit der Deutschen ausschließlich positive Assoziationen mit diesem Wort verbindet, wie mehrere große Umfragen der letzten Jahre zeigen. Doch für die politische Linke und für Akteure auf dem Feld der Kulturpolitik gilt ›Heimat‹ nach wie vor als Synonym für Rückständigkeit, Abschottung und Geschlossenheit, als negativer Gegenpol zu Weltoffenheit, Liberalismus und Kosmopolitismus. Der vermeintlichen Verklärung von Heimat auf der einen Seite begegnet die andere oft mit reflexartiger Abwehr und Diskreditierung. Aus dieser Polarisierung sowie der Tendenz zu plakativer Zuspitzung in manchen Medien entsteht so der Eindruck, Heimat müsse entweder ein ›German Dream‹ oder ein ›Albtraum‹ sein.

Viele halten zudem das deutsche Wort ›Heimat‹ für unübersetzbar, für ein deutsches ›Urwort‹, das ein ebenso deutsches Konzept bezeichnet. Von dieser Annahme ist es nicht weit zu der Vorstellung, ›Heimat‹ sei unauflöslich mit Nation, Nationalismus, Nationalsozialismus und völkischem Denken verknüpft und führe letzten Endes zu Angriffskrieg und Völkermord. Diese oft wiederholten Gedankenlinien führen zwar in die Irre. Doch eines stimmt: In der Tat ist Heimat ein deutsches Schlüsselwort, dessen Bedeutung sich allerdings aus seiner langen und facettenreichen Überlieferungs- und Diskursgeschichte ergibt. Denn das Wort ›Heimat‹ ist eine Art Seismograph: Ist vermehrt von der Heimat die Rede, so deutet dies meist darauf hin, dass ihr Bestand als fraglich oder prekär erscheint, denn seine Konjunkturen erlebt das Wort vor allem in Zeiten sozialer, wirtschaftlicher oder politischer Umbrüche. Und an diesen herrscht tatsächlich in der deutschen Geschichte kein Mangel.

Himmlische Heimat

Das Wort geht zurück auf das gotische ›haims‹ (Dorf) und das althochdeutsche ›heimōti‹/ ›heimote‹, das Wohnung, Heimstatt, Heimatland oder Vaterland bedeutete. Den Gegensatz dazu bildete das althochdeutsche ›elilenti‹, der Vorläufer des Wortes ›Elend‹ (Verbannung, Ausland oder Exil), das suggerierte, fern der Heimat ergehe es einem elend. Das Gegensatzpaar ›Heimat‹ und ›Elend‹ hatte zudem eine religiöse Komponente: ›Elend‹ war das Erdendasein als Ort der Verbannung für die Sünder, die (jenseitige) Heimat hingegen der Aufenthaltsort der Gläubigen. Als die irdische Heimat vieler Deutscher im Dreißigjährigen Krieg durch Krankheiten, Plünderungen und Brandschatzungen gefährdet war, wurde diese Denkfigur in der Literatur des Barock zum Trost: Das bekannte Lied Paul Gerhardts Ich bin ein Gast auf Erden setzt dem von Müh und Not geprägten Erdendasein die eigentliche Heimat im Himmel entgegen.

›Heimat‹ war schon früh ein mehrdeutiges Wort, das zwischen irdischer Ortsbindung und Abwendung von der irdischen Welt oszillierte.

›Heimat‹ war also schon früh ein mehrdeutiges Wort, das zwischen irdischer Ortsbindung einerseits und Abwendung von der irdischen Welt andererseits oszillierte und sowohl die Bindung an einen Ort als auch die Wendung ins Zukünftige oder Imaginäre bezeichnete. Dieses Schillern durchzieht die Verwendungsgeschichte des Wortes bis heute. Ein besonders augenfälliges Beispiel ist die deutsche Romantik, von der es immer wieder heißt, sie habe die spezifisch deutsche Idee von ›Heimat‹ als Zugehörigkeit und Zusammenhalt geprägt und verklärt. Dabei ist die Literatur der Romantik eher von der Faszination durch die Ferne geprägt: Das romantische Universum ist bevölkert von künstlerisch ambitionierten jungen Männern, die ihren Heimatort verlassen und in die weite Welt hinaus ziehen. Novalis’ Heinrich von Ofterdingen, Ludwig Tiecks Franz Sternbald und Eichendorffs Taugenichts brechen auf, um die ›blaue Blume‹, die Poesie, das Unendliche oder das Wunderbare zu suchen und um der Heimat und dem alltäglichen Einerlei zu entkommen. Die Romantiker lehnten zwar die modernen, aufklärerischen Prinzipien Rationalismus, Nützlichkeitsdenken und Effizienz ab, doch das romantische Gegenbild war keineswegs das einfache, begrenzte und ortsgebundene Leben der Bauern und Handwerker, sondern das immaterielle Reich der Fantasie und Kunst. Caspar David Friedrichs ikonischer ›Wanderer über dem Nebelmeer‹, mit dem Beiträge über Heimat oft illustriert werden, ist symptomatisch: Ein einsames Individuum – die säkulare Version des christlichen Pilgers – blickt von hoher Warte aus in die Ferne, in der die Silhouetten der Berge hinter den Wolken mit dem Himmel verschmelzen.

Heimatverlust

Erst in der Zeit des Vormärz und gegen Ende des 19. Jahrhunderts erscheint das Wort ›Heimat‹ auch in politischen Kontexten: Vor dem Hintergrund der massenhaften deutschen Auswanderung in die USA und der Revolution von 1848 fungierte Heimat als Modell für intakte Gemeinschaft und Demokratie. Diese Tendenz kam auch in der literarischen Gattung der Dorfgeschichte zum Ausdruck, der Urform der Heimatliteratur, die durch die ›Schwarzwälder Dorfgeschichten‹ des liberalen jüdischen Autors Berthold Auerbach zu Weltruhm gelangte. Während der Hochindustrialisierung wurde ›Heimat‹ zum Fahnenwort der Bildungsbürger, die dem einseitigen und verengten Fortschrittsdenken, das sich nunmehr vorrangig auf die naturwissenschaftliche, technische, industrielle und ökonomische Entwicklung bezog, kritisch gegenüberstanden und vertraute Kulturlandschaften und überkommene Traditionen bewahren wollten. Indem die tatsächliche Gestalt des Landes zunehmend von der Industriekultur und von Ingenieuren geprägt wurde, zogen sich die humanistisch Gebildeten mehr und mehr in den Bereich der geisteswissenschaftlich-literarischen Kultur zurück, die zunehmend als eine Art Kompensation für die negativen Erfahrungen und Verluste durch Modernisierung und Technisierung fungierte.

Obwohl die in Geschichte und Tradition verwurzelten Vorstellungen von Heimat mit der Realpolitik des Kolonialismus ebenso kollidierten wie mit der Politik des Nationalsozialismus, die auf ›totale Mobilmachung‹ und territoriale Expansion setzte, wurde ›Heimat‹ ab dem Ersten Weltkrieg immer wieder auch in staatlicher Propaganda eingesetzt, wie sich an Schriften der wilhelminischen Ära, aber auch an Propagandafilmen aus der Zeit des Nationalsozialismus zeigt. Die materielle Heimat rückte wieder in den Fokus, als nach dem Zweiten Weltkrieg die Heimat der Deutschen und vieler Europäer in Trümmern lag: In alltagspraktischer, politischer und sozialer Hinsicht stellte sich für die Geflüchteten und Vertriebenen, für die Aufnahmegesellschaften und für die Bewohner der zerstörten Städte die Frage, wie mit den verschiedenen Arten des massiven Heimatverlusts umzugehen sei. Auch die Kulturindustrie nahm sich des Themas an: Heimatfilme gab es zwar schon früher, doch aufgrund der Heimatfilmwelle der 1950er Jahre meinen viele, das Genre sei überhaupt erst 1950 entstanden. Diese Filme sind überdies für viele ein Synonym für ›Kitsch‹; Kitsch wiederum gilt als ebenso typisch deutsch wie ›Heimat‹. Vor allem in den 1960er Jahren wurde so der ›Heimatkitsch‹ als Ausdruck des deutschen Nationalcharakters und zugleich als Symptom einer gefährlichen ›Spießerideologie‹ verstanden.

Bedürfnisse nach Begrenzung anerkennen

An der Verbindung von Heimat und Kitsch zeigt sich aber auch, dass es bei der Debatte um Heimat nicht nur um politische Positionen, sondern auch um soziale Distinktion geht: Aus Sicht der gebildeten, polyglotten Eliten zeichnen sich die ›kleinen Leute‹, die Kleinbürger und Provinzler nicht nur durch ihre Affinität zu Gartenzwergen und Heimatkitsch aus, sondern auch durch den Grad ihrer Bindung an die Heimat. Dabei wird zuweilen übersehen, dass die Kräfte, die Mobilität, Öffnung, und Dynamik produzieren, immer auch Gegenreaktionen und Bedürfnisse nach Bindung, Geborgenheit, und Zugehörigkeit, kurz: nach Heimat hervorbringen. Wünschenswert wäre es daher, das dichotomische Denken zu überwinden, das nur das Entweder-Oder von Weltoffenheit oder Abschottung kennt. Konstruktiver wäre es, sich mit dem Bedürfnis nach Begrenzung, Bewahrung und Verwurzelung auseinanderzusetzen und anzuerkennen, dass Selbstbegrenzung und Ortsbindung legitime Formen des Weltbezugs darstellen.

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