Als Fremder unter Fremden in der Fremde Saša Stanišićs Roman "Herkunft"

Saša Stanišić : Herkunft.

In seinem mit dem Deutschen Buchpreis 2019 prämierten Roman „Herkunft“ schildert der bosnisch-stämmige Schriftsteller Saša Stanišić seine Erfahrungen als Flüchtling in Deutschland. Herkunft ist für ihn ein „Konstrukt“, das einem übergestülpt wird, Heimat hingegen entsteht im vertrauensvollen Beisammensein.

Den Migranten oder die Migrantin (wie unterschiedlich können allein weibliche oder männliche Erfahrungen wiegen) gibt es so wenig wie Tiger im deutschen Wald. Auch wenn Migranten oft in großen Gruppen (Staats-)Grenzen überschreiten, so sind es Individuen. Sie haben eine individuelle Biographie, sie erzählen aus ihrer Kindheit andere Geschichten, verschieden wirkten ihre Familien auf sie ein –, ganz zu schweigen davon, dass sozusagen Welten zwischen ihren Herkunftsländern liegen können und sie deswegen verschiedene Sprachen sprechen. Im wörtlichen und im übertragenen, kulturellen Sinn. Der in Hamburg lebende Schriftsteller Saša Stanišić aus Bosnien und Herzegowina floh Anfang der 1990er Jahre mit seiner Mutter aus dem Inferno der Balkankriege und fand als 15-Jähriger 1992 im Emmertsgrund, einem Gewerbegebiet in der Nähe von Heidelberg, eine erste Behausung. In seinem Roman Herkunft (Luchterhand, 2019, 365 S.) schreibt er über seine ersten Empfindungen, dass er auf einmal „als Fremder unter Fremden in der Fremde“ lebte (S. 125), mit Bosniern und Türken, Griechen und Italienern, Russlanddeutschen, Polendeutschen, Afrikanern und „Deutschlands Deutschen“ – „die Supermarktkette sprach sieben Sprachen“ (S. 127).

Herkunft als soziale Kategorie

Herkunft ist wohl weniger eine geographische als eine soziale Kategorie. In der Fremde sind keinesfalls die aus dem gleichen Land Geflohenen die Nächsten, deren Nähe man sucht und in deren Gesellschaft sich so etwas wie heimatliche Vertrautheit einstellen würde. Stanišić gibt das unumwunden und mit selbstkritischem Bewusstsein zu. Auschlaggebender sind das Milieu, die genossene Bildung und der daraus fließende kulturelle Stil, die Gepflogenheiten der Alltagsgestaltung und der Erwartungen an das Leben. „Zu Jugos aus für mich unbequemen Milieus wollte ich keinen Kontakt. Nicht im Emmertsgrund und auch nicht im schulischen Kontext.“ Zum Lernen habe er deutsche Mitschüler bevorzugt, das mit jenen Unbequemen geteilte Flüchtlingsschicksal nicht als Appell zur Solidarität mit ihnen empfunden: „Ich nahm die sozialen Unterschiede wahr … und hielt mich für etwas Besseres. Es ist schäbig, wie opportunistisch ich mein Vertrauen verteilte, um im selben Atemzug die Ungleichbehandlung zu verurteilen, der wir als Geflüchtete unterschiedslos in Deutschland ausgesetzt waren“ (S. 202).

Vertrautheit in der verlässlichen Gruppe

Es ist nicht die ethnisch reine, aber schon die verlässliche Gruppe, die der Einzelne gerade in der Fremde braucht, um sie sich vertraut zu machen und in ihr aufzuleben, nachdem die Flucht zunächst einmal das Überleben gesichert hat. Zumal die auf den Familiennamen Stanišić Hörenden über die ganze Welt verteilt wurden, als Jugoslawien zerfiel. Heimat ist Beisammensein. Ihr Verlust Zerstreuung. Eine Erfahrung, von der viele Migrantenfamilien ein trauriges Lied singen können.

Herkunft ist Zugehörigkeit, zu der man nichts beigesteuert hat.

Angesichts dessen ist Herkunft eher ein Anhängsel einer Person, nichts was ihr wesentlich wäre: „Herkunft sind die süß-bitteren Zufälle, die uns hierhin, dorthin getragen haben. Sie ist Zugehörigkeit, zu der man nichts beigesteuert  hat. Die unbekannte Familie in der sauren Erde von Oskoruša (Dorf in den bosnischen Bergen, Heimat von Sašas Urgroßeltern, HP), das unbekannte Kind dort in Montpellier (Wohnort seines Cousins, HP)“ (S.67). Die andere Art von Gemeinschaft entsteht dadurch, dass man „aus der Zeit und dem Ort etwas gemacht“ (hat), auch wenn es oft bloß Unsinn war“ (S. 221). Die gemeinsame Inanspruchnahme des Rechts auf jugendlichen Leicht-Sinn, das Aushalten der Eigen-Arten der Verschiedenen in der Gruppe, das Erkennen und Wertschätzen einer besonderen Fertigkeit oder Talents eines jeden und der wechselseitige Respekt vor dem, was man mitgemacht und daher mitgebracht hat (und oft das Schweigen darüber!), bevor man im kurpfälzischen Emmertsgrund landete, dies gab den Zusammengewürfelten Hoffnung auf Zukunft: Wojtek, Piero, Rike, Kadriye , Emil, deren Eltern aus Schlesien, Apulien, aus der DDR, der Türkei, aus Danzig gekommen waren, schließlich „Dedo aus dem Albtraum einer Minenfalle“ (S. 221).

Die Scham als ständiger Begleiter

Der neugewonnene Lebensmut, den das Glück von äußerer Sicherheit unter den fremden Lebensumständen beflügelt, hat einen Klotz am Bein. Sein Name ist Scham. Stanišić beschreibt die Lähmung, die ihn ergriff, weil er in Möbeln lebte, die vom Sperrmüll kamen, weil der Raum, den man sich teilen musste, so eng bemessen war, dass er sich nicht traute, Gäste einzuladen, in deren Zuhause er sich zuweilen wohlfühlen und so etwas wie deutsch-bürgerliche Normalität genießen durfte. Weil das Geschirr, von dem man aß, nicht zusammenpasste, weil er nicht besaß, womit Schulfreunde wie selbstverständlich spielten und sich die Zeit vertrieben. Scham stellte sich auch ein, als er nach einigen Jahren in seinen Geburtsort Višegrad zurückkam und ehemalige Schulkameraden traf, „die hier ausgeharrt hatten, während ich in Heidelberg in einem Freibad Kanu fuhr in der Nacht“ und „fast jeder davon sprach, wie schlecht es ging, und ich dachte: Mir geht es gut“ (S. 265).

Zerbrochene Biographien

Wie zerbrochen dagegen die Biographie seiner Eltern durch die Flucht nach Deutschland ist, dessen ist sich bewusst. Und wenn es der Familie vor Augen stand, machten Mutter (sie lehrte Politologie in einem Višegrader Gymnasium) und Vater (er arbeitete als studierter Betriebswirt) dennoch kein Aufhebens davon, sondern blieben Hüter der Träume und Talente ihres Sohnes. Er schuftete sich als Bauarbeiter den Rücken krumm, sie musste sich in einer Großwäscherei verdingen, denn „Mutter war erst für mich da, dann für andere, dann für sich selbst“ (S. 121). Mutter eben, und darin wohl vielen Migrantenmüttern ähnlich, die „jetzt mit dem Vermieter darüber streiten (muss), ob wir Tomaten im Garten anpflanzen dürfen“ (S. 184) – diskriminierend, frustrierend und vor allem unsäglich banal. Die Deutschen wollen, dass man an sich an die Regeln hält, „und mit jeder Regel, an die man uns erinnerte, erinnerte man uns auch daran: Ihr seid fremd hier“ (S. 155).

Das Wir-und-Die-Denken

Dieses Wir-und-Die-Denken ist der größte Feind des Lebens, der Anfang vom Ende aller menschlichen Verbundenheit. Darüber nachgedacht und enthüllt als jederzeit aktivierbarer Rückfall auf eine Primitivstufe des Menschseins im Gefühl der Krise oder Unübersichtlichkeit hat das der bedeutende deutsche Kulturphilosoph, noch bevor in Deutschland die Nazis richtig loslegten, Ernst Cassirer (1945 als deutscher Emigrant in New York gestorben). Ihm zugrunde liegt die starre Logik des Totems: Der eigene Stamm wird als streng unterschiedene Gruppe verstanden, wie die strenge Trennung nach Gruppen als das elementare Bauprinzip des Universum gilt. Ordnung herrscht, wenn alles an seinem Platz ist. Dort und nur dort hat es seinen Wert (oder auch Un-Wert) in dieser Denkform absoluter Aus- und Eingrenzung. Bezogen auf seine zerfallende Heimat Jugoslawien analysiert Stanišić die geistige Situation der 80er und 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts: „Das Wir wird so genutzt, dass es Die ausschließt, die nicht dazugehören: ›Wir lassen uns von denen nicht mehr – undsoweiter‹.“ Seine Mutter war Muslima, sein Vater bosnischer Serbe, auseinanderbringen konnte sie die auf einmal mörderisch auftretende „Herkunftsfolklore“ nicht, die sich wahlweise rassistisch, religiös oder moralisch überlegen gebar.

Einladung ins gemeinsame Menschsein

Und dann aber auch der inkludierende Geist, die Einladung ins gemeinsame Menschsein in Deutschland, verkörpert von einem Zahnarzt, der ausgerechnet den Namen Dr. Heimat trägt. Er grüßte den 15-Jährigen Saša, als dieser am Gartenzaun vorbeiging, nicht nur ein Mal, und irgendwann sprach er ihn auf seine Zähne an. „Eine Krankenversicherung hatte ich nicht …, er hat unser aller Karies behandelt: bosnischen Karies, somalischen Karies … Einer ideellen Heimat geht es um den Karies und nicht darum, welche Sprache der Mund wie gut spricht“ (S. 176). Und wenig später hatte Dr. Heimat Angelscheine für den Neckar besorgt und den Jungen und dessen Großvater Muhamad zum Angeln eingeladen, und sie standen nebeneinander am Fluss, und „wir alle drei (hatten) ein paar Stunden lang vor nichts auf der Welt Angst“ (S. 177). Sich in einem angstfreien Leben wiederzufinden, lässt ein Heimat-Gefühl aufkommen. Was macht es da am Ende für einen Unterschied, ob man am Neckar oder an der (bosnischen) Drina steht und wer von wo herkam? Solche Erfahrungen mögen dazu beigetragen haben, dass Stanišić Herkunft für ein „Konstrukt“ hält, „eine Art Kostüm, das man tragen soll, nachdem es einem übergestülpt worden ist. Als solches ein Fluch! Oder, mit etwas Glück, ein Vermögen, das keinem Talent sich verdankt, aber Vorteile und Privilegien schafft“ (S. 33).

Angstfreies Leben lässt ein Gefühl von Heimat aufkommen.

Erinnerung als Heimat

Heimat ist für den geflüchteten Jungen und jetzt 41-Jährigen deutschsprachigen Schriftsteller nicht zuletzt Erinnerung. Aufbewahrt in Geschichten mit der geliebten Großmutter Kristina, der Vater-Mutter aus Oskoruša, die dort mit ihrem Mann Petro glückliche Jahre verbracht haben muss und mit ihm zusammen irgendwann danach in Višegrad gelebt hat. Wenn es ihn immer wieder dahin zurückzog, dann nicht zuletzt ihretwegen. Über sie erzählt er in seinem Buch Geschichten, erfährt aus ihrem Mund etwas aus dem Leben seiner Vorfahren, bis ihr Orientierungsvermögen immer mehr von ihrer Demenz zernagt wird und sie schließlich nach einem kürzeren Aufenthalt in einem Altenheim stirbt. Kristina, die zu ihrem Mann nach Oskoruša nach der Heirat gezogen war, spricht in einer Unterhaltung mit einem anderen alten Dorfbewohner einmal aus, wie man in der Fremde heimisch wird: „›Ihr habt es mir nicht schwer gemacht. Das Dorf nicht, nicht die Schwiegereltern,‹ sagte Großmutter. … Es jemandem nicht schwer zu machen, genau darum sollte es doch überhaupt und immer gehen“ (S. 48). Gut möglich, dass in dieser Hoffnung sich der Wunsch aller Flüchtlinge und Migranten bündelt.

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