Irgendeiner wartet immer Spiel mir das Lied von der Heimat

Ein Klassiker: Chris Rheas „Driving Home for Christmas“ (1986). Das Zuhause als „heiliger Boden“ – gerade an Weihnachten. Ein Song aus dem unerschöpflichen Topos der alten und ewig neuen Lieder von der Heimat. Hier eine kleine Auswahl aus dem Mainstream.

Übrigens – das sangen sie oft, und ich hörte es im Gasthaus „Zur Pfalz“ in meinem Heimatdorf. Damals, Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre, sie sangen es am runden Tisch (Stammtisch) vor der Theke mit dem Bierzapfhahn, sechs, sieben Männer im Alter zwischen 30 und 50, immer mal in anderer Zusammensetzung, aber besonders schön (also sehr schmalzig), wenn der mit der tremolierenden Tenorstimme dabei war, sein Gesicht sehe ich noch vor mir, den Namen habe ich vergessen. Sie tranken ihren Schoppen dazu (Wein oder Bier), ich mit ein, zwei anderen Kindern am Nebentisch, wenn unsere Väter nach Feierabend dabeisaßen und mitsangen, tranken ein Bluna, aßen Sticks, staunten Bauklötze und warteten darauf, zusammen heimzugehen; warteten gerne und dachten uns nichts dabei und die Liedtexte prägten sich uns ein, und ich erinnere mich auch daran, dass, wenn so ein Heimweh-Lied im Radio gespielt wurde, Mütter zuhörten und auch mal eine Träne verdrückten.

„Wo ich die Liebste fand, da liegt mein Heimatland“

Freddy Quinn hatte seine große Zeit zwischen 1955 und 1965, im Nachkriegsdeutschland und als es in den Familien noch sehr autoritär und patriarchalisch zuging und viele innerlich von Abschied und Einsamkeit, von Heimat und Fernweh bewegt waren, und die, die es sich leisten konnten, im Urlaub nach Italien reisten, die anderen mit weniger Geld davon sangen: „Wenn auf Capri die rote Sonne…“, der deutsche Nachkriegsschlager, Ausdruck proletarischer und bürgerlicher Sehnsucht nach der Ferne und Synonym einer romantischen Heimatvorstellung. Also die Männer am Stammtisch mit dem Feierabendbierchen, sie sangen Freddys Heimweh (1956 Platz 1 der deutschen Hitparade, 21 Wochen lang, Rekord bis heute): „kein Gruß, kein Herz, kein Kuss, kein Scherz. Alles liegt so weit, so weit. Dort wo die Blumen blühn, dort wo die Täler grün, dort war ich einmal zu Hause. Wo ich die Liebste fand, da liegt mein Heimatland. Wie lang bin ich noch allein?“

Waren sie nicht im Dorf mit den Bauerngärten beheimatet, verwurzelt seit Generationen, wartete nicht „die Liebste“ zuhause schon etwas ungeduldig mit dem Abendbrot…? Ironie dieser Geschichte, wir dann, volljährig und in den „revolutionären“ 68ern, frühen 70ern ganz andere Musik hörend und glaubend, wir saßen manchmal „Zur Pfalz“ am immer noch gleichen runden Tisch und sagen nächtens diese Lieder nach, nannten unser Repertoire spöttisch Heimat, Sehnsucht und Treue, während wir uns mit den Eltern „battleten“, über freie Liebe diskutierten und gerne nach Amsterdam mit dem Auto fuhren.

Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl

„Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl“, sang Herbert Grönemeyer 1999. Verse eher kryptischen Inhalts – nun gut, wer könnte Gefühle immer klar auf den Punkt (oder gar den Reim) bringen, aber irgendwie hat er ja recht, ein Gefühl von Heimat (wir Kinder und Jugendliche im Dorf) stellte sich ein, während ich diese Zeilen schrieb und mit vielen Augenblicken verband, in denen man sich in einer Gruppe von Freunden und Freundinnen wohl- und übers Dorf (mit den „Alten“) erhaben fühlte. Irgendwas bleibt und überdauert. Immer.

Machen wir einen Sprung in die Charts unserer Tage und nehmen wir Singer-Songwriter Axel Bosse (*1980), bei dem sich, Hallo Hometown, die Träume seiner Kindheit und Jugend einstellen. Wenn er an Heimat denkt: „Hallo Hometown. Ich bin wieder da, Hometown. So lange her und doch so nah. Und in jeder Ecke hängt noch ein Teenagertraum.“ Hometown bleibt die „Liebe seines Lebens“. Mit vertrauten Szenen („ein paar Tauben Pizzareste klau’n“). Und behüteten Situationen („meine Mutter am Klavier, wenn ich die Augen zumach’, dann sitz ich neben ihr“). Alles war gut. Oder jedenfalls ziemlich. Die Kränkungen – gab es sie nicht? – nicht der Rede wert. Und irgendwie stimmt es ja, meine erste Liebe mit 10 hieß Christa und wohnte am Ende der Dorf-Hauptstraße. Ich ziemlich weit oben. Natürlich war Axel schon als Jugendlicher ein Poet und schrieb für die Angebetete. Am Ort, auf dem Mama das Lieblingsgericht servierte. Auch Oberfläche elterlicher Macht: „solange du deine Füße unter meinen…“. „Kurz vorm Ende steht ein Haus, darin Licht am Küchentisch. Jeden Song, den ich schrieb, schrieb ich nur für dich. Die Zeit zieht an, es vergeht so viel. Doch hier steht: Herzlich Willkommen an unser’m alten Gartenzaun, wo ich dich endlich wieder seh’“ (Hometown). Heimat – ist sie da, wo alles beim Alten ist? Und man Kind bleiben oder wieder werden darf. Ernst Bloch fällt mir ein. „…in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.”

Opfer bringen – und immer wieder: erwartet werden

„Die Zeiten ändern sich, und wir…“. Oder auch nicht. Hans Albers, Schauspieler und Sänger, wurde schließlich 90 Jahre vor Bosse geboren und hatte seine große Zeit im Nationalsozialismus und nach dem Krieg. Auch er sehnt sich nach der Heimat als dem mit dem Erwachsenwerden verlorenen Glück: „Ach wär ich doch – ein Junge noch – wie einst.“ Die Ingredienzien dieser Geborgenheit: ein „blondes Mädel“, das „wartet auf mich“, und eine überschaubare Idylle, wo man sich fühlt als Nabel der Welt: „Ganz da hinten, wo der Leuchtturm steht, wo das weite Meer zu Ende geht, liegt ein kleiner Ort und dort ist mein zu Hause … Zwei alte Leute ganz still für sich leben da drinnen und warten auf mich.“ Heimat ist, wo der verlorene (Seemann-)Sohn in stets banger Hoffnung mit ausgebreiteten Armen erwartet wird. Das Land des erwachsenen Hans Albers war komplizierter, die Zeit unüberschaubarer und engste Beziehungen mitunter gefährlich. Zwar trennte er sich auf Drängen der Nazis von seiner jüdischen Lebensgefährtin offiziell, tatsächlich lebte er jedoch weiter mit ihr am Starnberger See zusammen. Heimat als Sehnsuchtsort mag ein Leben in Eindeutigkeit und Unbescholtenheit versprechen, in der Heimat als Wirklichkeit dominieren ambivalente Erfahrungen. Albers hielt sich die Nazis ziemlich vom Leib, in ihren Propagandafilmen aber mischte er mit (schildert Wikipedia den Spagat).

Die Heimat der Nazis wiederum hatte eindeutige, unmissverständliche Konturen. Als der Krieg 1939 begann, so schilderte es mir kürzlich der Saarbrücker Zeitzeuge Hans Dieter Osenberg (*1929), setzten sich bald die wenige Jahre Älteren seiner Schule mit dem Lied Heilig Vaterland in Gefahren von Rudolf Alexander Schröder (*1878) auf den Lippen in Marsch: „Bei den Sternen steht, was wir schwören, Der die Sterne lenkt, wird uns hören. Eh’ der Fremde dir deine Krone raubt, Deutschland, fallen wir, Haupt bei Haupt.“ Der Fremde, der die nazistische Norm nicht Erfüllende, wird ausgegrenzt und vorsorglich attackiert. In dieser Anschauung wird die Heimat zur Obsession und frisst als Moloch ihre Kinder.

Was wir zusammen aufbauen und miteinander teilen

Hört das niemals auf? Versuchen doch die Rassisten dieses alte Lied neu zu intonieren. Schwadronieren von einer Umvolkung und von einer Überfremdung Deutschlands und schwenken ihre Fahnen als „Patriotische Europäer“ gegen die Islamisierung des Abendlandes (PEGIDA). Ginge es nach ihnen, wären Menschen wie Adel (Salah Mahmoud Eid El-)Tawil (*1978) keine Deutschen – mit einem ägyptischen Vater und einer tunesischen Mutter. Ist er aber, und einer der zurzeit beliebtesten Pop-Musiker und Songwriter dazu. Weil seine Texte (Zuhause) Menschen Mut machen, ihr Licht nicht unter den Scheffel zu stellen: „Komm, wir bring’ die Welt zum Leuchten. Egal woher du kommst. Zu Hause ist da, wo deine Freunde sind (Feel my mighty blow) Hier ist die Liebe umsonst.“ Den menschlichen Unterschied machen nicht Hautfarbe, Religion oder Herkunft, sondern Glaube, Liebe, Hoffnung, die wir miteinander teilen: „Du bist genau wie ich und nicht allein Ich bin nah bei dir Gemeinsam schaffen wir Großes hier.“ Wer Heimat sagt, muss wachsam bleiben. Heimat ist immer im Werden. Ein Ziel. Bestenfalls.

Zu Hause ist da, wo deine Freunde sind.

Vielleicht auch etwas, das man nicht abschütteln kann, auch wenn man möchte. Oder paradox, wohin es einen hinzieht, obwohl man es dort nicht aushält, empfindet Sänger und Musikproduzent Max Giesinger (*1988). Heimat oder Zuhause ist ein inspirierendes, unerledigtes, schier unerschöpfliches Thema unter diesen Künstlern zwischen 30 und 40 Jahren und ihren Fangemeinden. Mag sein, dass es zuweilen biografisch bedingt ist, dass es sozusagen auf einer schmerzlichen Halbheit beruht – Max wuchs als Einzelkind bei seiner Mutter auf nach der Trennung der Eltern. „Wollt ich’s nicht immer so. Nie zu Hause sein… Ich reiß die Wurzeln aus, bevor sie tiefer gehen.“ Für ihn korrespondiert das Gefühl der Unzufriedenheit mit einer ständigen Suche nach einem nicht definierten Mehr: „Mein Kopf will immer nur weiter. Mein Herz sagt, dass ich Zuhause vermiss’. Wo auch immer das ist.“

Ein Schatz erster grundierender menschlicher Erfahrungen

Glücklich, wer es weiß. Für seinen um ein paar Jahre älteren Kollegen-Popsänger-Songwriter Johannes Oerding (*1981) hat Heimat ein unverkennbares Profil. Sie gleicht einem „Souvenir“, insofern trägt man sie auch immer mit sich herum, macht sie zum Gesprächs- und Tanzpartner, wenn man allein ist. Sie ist eben ein Stück von dir (oder auch umgekehrt), sie kann im Hintergrund walten oder sich unüberhörbar einschalten, wenn du die Bodenhaftung zu verlieren drohst („mal bist du laut, mal bist du leise“). Da Heimat ein Schatz erster grundierender menschlicher Erfahrungen ist, wird man sie schwerlich los. Im Guten wie im Schlechten. Heimat gibt zu denken. Man muss sie abarbeiten. Und erarbeiten. Ein Leben lang. Wen sehen wir vor uns, wenn wir an Heimat denken? Heimat ist da, wo man mich kennt – „und du weißt viel zu viel von mir“ –, kann (bei mir) auch ein Unbehagen auslösen, bei aller Euphorie: „Dein Gesicht, es spiegelt sich in Regenpfützen. Ey sogar grau kannst du tragen … Und was immer ich gerade such, ich find es hier.“

Abschließend: Vor gut 200 Jahren hörte man es auch anders. Und ich lernte es selbstverständlich schon in der Grundschule, Begleiter auf Wandertagen, die Freude, „lebewohl ade“ zu sagen, weil der heimatliche Radius allein zu enge Grenzen zieht. Drum: „Wohlauf in Gottes schöne Welt.“ Beim Wort genommen: Es gehört uns nichts. Wir sind Gäste – und selbst das eigene Land ist uns nur anvertraut. Wir könnten dazugehören – immer und überall einander Heimat gewähren.

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