Johannes Huber: Der holistische Mensch Wir sind mehr als die Summe unserer Organe

edition a, 2017, 335 S., 24,90 EUR (E-Book 19,95 EUR)

Es gibt Sachbücher, die lesen sich so spannend wie ein guter Kriminalroman. Auch wenn das Aufgebot an Details, die sich aneinanderreihen und vom Autor in drei längeren Kapiteln angeordnet sind, durchaus der Lesenden Aufmerksamkeit und Konzentration erfordert. Sie fügen sich nach und nach zur holistischen Gesamtschau der Natur und des Lebens.

Belohnt werden wir, ob medizinisch, theologisch und philosophisch mehr oder weniger bewandert, durch immer wieder neue „Ahas“, die uns die Lektüre entlockt. Wir werden bekannt gemacht mit dem grandiosen Zusammenspiel natürlicher, genetischer, epigenetischer, sozialer und kultureller Vorgänge, die das menschliche Leben entstehen, reifen und entwickeln lassen und dafür sorgen, dass es sich fortpflanzt – und dabei mit Lust und Liebe zu Werke geht. So gelingt es Johannes Huber – (katholischer) Theologe, Gynäkologe und Außerordentlicher Professor an der Universität Wien und auch mit anderen Publikationen dem Dialog zwischen Naturwissenschaft und Philosophie verpflichtet – seine Lesern davon zu überzeugen, dass der Mensch als Kind der Evolution sein Dasein keinem Zufallsgenerator verdankt, sondern einem holistischen Prinzip, das hinter allem steht.

Die (unbelebte) Natur und das (natürliche und soziale) Leben, das Sonnensystem und der menschliche Körper, die biochemischen, neuronalen und hormonellen Vorgänge in unserem Inneren und die Art und Weise, wie wir miteinander verkehren (auch und gerade sexuell), einander schätzen oder schaden, sind auf wunderbare Weise miteinander verschränkt und vernetzt und von langer Hand vorbereitet. Holismus, das neue wissenschaftliche Paradigma, hat das mechanistische Weltmodell des 18. und 19. Jahrhunderts der lediglich äußerlich ineinandergreifenden Zahnräder (des Uhrwerks) abgelöst. Es liegt der modernen Physik – wie Huber im mittleren Kapitel auf entsprechende Autoritäten verweisend darlegt – ebenso zugrunde wie der Medizin; hier kann er auf eigene Forschung und Erfahrung zurückgreifen.

Physikalische, biologische und kulturelle Daseinsformen haben der holistischen Theorie zufolge die Tendenz, sich zu höher integrierten Einheiten zusammenzuschließen. In dieser ganzheitlichen Betrachtung der Dinge ist dann sozusagen nichts mehr fehl am Platz: die Viren zum Beispiel sind nicht länger nur die ewigen Krankheitserreger – sondern Ursache dafür, dass sich vor 150 Millionen Jahren eine Plazenta auszubilden begann, nachdem es Viren gelang, das Immunsystem einer kleinen Eizelle zu überwinden und sich zu einem Mutterkuchen auszuwachsen. Damit war der Vorgang des Brütens ins weibliche Innere verlegt und das Säugetier entstanden – „ein Quantensprung in der Reproduktion“ (S. 61).

Huber räumt aber auch kritisch ein, dass der „Tunnelblick“ in der Medizin zwar „von gestern“ (S. 227) aber noch nicht überwunden ist. Die medizinische Spezialisierung und eine mit dieser Systematik verflochtene profitorientierte Pharmaindustrie vollziehen die fundamentale Vernetzung der Organe des menschlichen Körpers therapeutisch oft nicht im notwendigen Maße nach. Am Beispiel der Transplantation eines Frauenherzens in einen Männerkörper zeigt Huber die intensive Interaktion des Herzens mit dem Rest des Körpers, wodurch das Frauenherz ein männliches Chromosom bekommen hat.

Kritisch setzt sich der Gynäkologe auch mit gewissen Übertreibungen der Gender-Forschung auseinander, die ein einziges „soziales Geschlecht“ auf den Schild hebt. Mann und Frau sind jedoch „eine Idee der Natur. Die hat eine Verfassung, und in der steht nichts davon, dass ein Geschlecht dem anderen überlegen wäre, aber gleich sind sie definitiv nicht“ (S. 144).

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