Sorgfältig, verständlich und vielfältig? Zum Islambild in deutschen Medien

Die öffentliche Berichterstattung über den Islam ist auf politische Großereignissen mit Negativcharakter fixiert (z.B. IS-Terror). Entsprechend dürftig sind die Kenntnisse über den islamischen Kulturkreis in der Bevölkerung. Werden die deutschen Massenmedien ihrer Verantwortung gerecht?

Zwischen 3,8 und 4,3 Muslime leben nach einer Hochrechnung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in der Bundesrepublik. Interessant: bei einer repräsentativen Umfrage konnten nur zehn Prozent der hierzulande Lebenden diese Zahl richtig einschätzen, die anderen wähnten deutlich mehr Muslime in Deutschland.

Die Frage stellt sich, was diese Überschätzung verursacht und ob sie möglicherweise etwas zu tun hat mit der medialen Wahrnehmung „des“ Islam. Selbstverständlich gibt es „den“ Islam nicht. In seiner fundamentalistisch-aggressiven Spielart bestimmt er (besonders seit 2001: „Nine eleven“) aber immer öfter die Schlagzeilen in den europäischen Medien. Untersuchungen des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer und anderer fördern Vorbehalte und Angst deutscher Bürger gegenüber dem Islam zutage.

Die Verantwortung der Medien

Diese Einstellungen, so analysiert Fabian Wahl in seinem Buch Der Islam in den Medien (Marburg, 2011), „beruhen in erster Linie nicht auf einem direkten Kontakt“ mit Muslimen, sondern würden „durch die massenmediale Berichterstattung nachhaltig geprägt.“ Daraus folge eine große Verantwortung der Medien, Dialoge zu stiften und zur „Wahrung des Gesellschaftsfriedens“ beizutragen. Immerhin ist der Islam mit geschätzten 1,2 Milliarden Glaubensanhängern die zweitgrößte Religionsgemeinschaft der Welt.

Am Beispiel des Streits um die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten am 30. September 2005, der späteren Nachdrucke in anderen Zeitungen und der sich daraus ergebenden gewalttätigen Ausschreitungen in islamisch geprägten Ländern untersucht Wahl die mediale Darstellung des Islam. Er wählt dazu drei Zeitungen aus: die Süddeutsche Zeitung als überregionale (Qualitäts-)Zeitung, den Bonner Generalanzeiger als Typus der Regionalzeitung und die BILD-Zeitung als auflagenstarkes Boulevard-Blatt. Dabei entwickelt er Kriterien journalistischer Qualität. Diese leitet er aus dem Berufsethos von Journalisten, gesetzlichen Vorgaben und Anforderungen der Qualitätsforschung ab und misst daran die Berichterstattung der genannten Tageszeitungen.

Wahl zitiert beispielsweise die Media Declaration der UNESCO, die von Journalist(inn)en u.a. fordert: „Give expressions to the claims of oppressed peoples in the world“. Oder er nennt die Charta des Deutschen Journalisten-Verbandes zur „Initiative Qualität im Journalismus“, aus der sich Qualitäts-Kriterien wie „Sorgfalt und Achtung der Menschenwürde“ oder „Faktentreue“ und „Vielfalt“ ableiten. Weitere Prüfsteine journalistischer Qualität wie „Unparteilichkeit“, „Verständlichkeit“ und „Transparenz“ (der Quellen und der handelnden Akteure für die berichteten bzw. kommentierten Ereignisse) zieht Wahl für seine Untersuchung außerdem in Betracht.

Die Qualität der Islam-Berichterstattung

Wer nun beträchtliche Unterschiede hinsichtlich der Qualität der Berichterstattung in den drei Zeitungen erwartet hätte, ist nach der Lektüre dieses speziellen empirischen Teils des Buches einigermaßen ernüchtert: „Die Qualität der Islamberichterstattung der untersuchten Zeitungen (ist) in einigen Punkten sehr ähnlich.“ Nachweislich biete die SZ das meiste Hintergrundwissen („Verständlichkeit“) an, bereite das Thema am interessantesten mittels unterschiedlicher journalistischer Formen wie Nachricht, Kommentar, Reportage („Vielfalt“) auf und trenne am schärfsten Nachricht und Meinung.

Wer eine Einschätzung vom Autor zu der Frage erwartet hätte, ob nun die untersuchten Zeitungen etwa ein verzerrtes oder angemessenes Bild des Islam erzeugt hätten, erhält keine direkte Antwort. „Sprachakteure, die sich gegen den Karikaturenabdruck aussprachen (wurden) in allen Zeitungen bevorzugt“, bei der BILD seien die Befürworter und Gegner „bezüglich des Sprechraums“ sogar gleich gewesen. Einen Mangel bescheinigt Wahl den drei Zeitungen bezüglich der zu Wort kommenden Akteure. Die Aussagen kämen überwiegend aus dem politischen Bereich, hingegen würden Stimmen aus dem „religiösen und organisierten privaten“ Spektrum „nur in seltenen Fällen zitiert.“ Erstaunlich mit Blick auf dieses doch zutiefst religiös grundierte Thema der Mohammed-Karikaturen.

Ergebnisse der Rassismus- und Stereotypenforschung

Aufschlussreich(er) sind die Ergebnisse der Rassismus- und Stereotypenforschung zum Islambild der Medien, die Wahl in einem Überblick bietet und dabei auch die jahrhundertealten, wohl noch heute nachwirkenden Ressentiments zwischen Abendland und Morgenland nicht zu erwähnen vergisst. Vorstellungen einer „exotischen, geheimnis- und prunkvollen Märchenwelt“ gingen mit einer verbreiteten „Missachtung“ der islamischen Kultur in Europa einher. Das gespannte Verhältnis sei durch den Nahost-Konflikt und die Golf-Kriege zusätzlich belastet worden. Der Islamberichterstattung mangle es an Kontinuität und sie orientiere sich „hauptsächlich an Großereignissen“. Dem korrespondiert ein „tendenziell niedriger Kenntnisstand über die Länder des islamischen Kulturkreises“ in der deutschen Bevölkerung. Die Berichterstattung über muslimische Bürger in Deutschland, über das Normale und Unspektakuläre, werde stark vernachlässigt.

Negativismus und Reduktionismus

Der von Samuel Huntington vorausgesagte, angeblich unvermeidliche „Kampf der Kulturen“, zwischen der westlichen Zivilisation und dem islamischen Kulturraum, bilde ein in vielen journalistischen Köpfen wirkendes antagonistisches Raster der Bewertung konkreter Konflikte. Da „Negativismus“ und „Konfliktgehalt“ von Themen ohnehin und allgemein die Nachrichtenauswahl steuern („bad news are good news“), gebe es einen „starken Negativtrend“ (Terrorismus, religiöse Intoleranz) bei der Islamberichterstattung. Im speziellen Streit um die Mohammed-Karikaturen hätten sich die einen für die Pressefreiheit stark gemacht, die anderen die Blasphemie verurteilt. Mohammed mit einer Bombe darzustellen, sei der „Musterfall eines extrem reduktionistischen, zur Eskalation ›hetzenden‹ Feindbildes“. Die frühere Darstellung muslimischer Frauen als „exotische, geheimnisvolle Haremsdamen“ wurde abgelöst vom Bild „kopftuchtragender Musliminnen als ›Symbol der Unterdrückung‹“.

Dass es jedoch auch anders zu lesen ist, zeigte der Leitartikel von Christian Bommarius in der Frankfurter Rundschau vom 10. Juni 2015 zum Kopftuchverbot in verschiedenen Landesgesetzen, die das Bundesverfassungsreicht als zu pauschal korrigiert hat. Der Journalist sieht das Kopftuch im Zusammenhang der Frage, wie viel fremde Religiosität die Gesellschaft vertrage und meint: „Die Behauptung, das Tragen des Kopftuchs sei ausnahmslos Ausdruck einer bestimmten Botschaft – Unterdrückung der Frau, islamistischer Fundamentalismus etc. –, sagt nichts über die Betrachteten, aber sie verrät viel über die Betrachter. … Wenn die Deutungshoheit über eine Äußerung allein beim Empfänger liegt, dann wird der Absender de facto zum Schweigen gebracht…, entmündigt.“

Fabian Wahl: Der Islam in den Medien. Journalistische Qualität im Streit um die Mohammed-Karikaturen. Tectum Verlag Marburg, 2011.

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