Konvertiten: Botschafter eines friedlichen Islam

Warum konvertieren junge Menschen in Deutschland zum Islam? Laura Dickmann gibt Antworten anhand von qualitativ-empirischen Befragungen aus dem Jahr 2012. Sie schreibt ihre Doktorarbeit an der Universität zu Köln zu jungen muslimischen Frauen in Deutschland.

Angst versus Attraktivität

Seit dem 11. September 2001 besteht ein gesteigertes Interesse am Islam in der nicht-muslimischen Bevölkerung, wobei die mediale Berichterstattung sich meist auf „Konfliktthemen und Bilder eines Kulturkampfes“ (Hafez & Richter 2007) konzentriert (vgl. den Beitrag von Hermann Preßler). Die Demoskopie zeigt, dass ein Großteil der deutschen Bürger Angst vor dem Islam hat, da sie ihn durch die mediale Berichterstattung hauptsächlich mit Gewalt und Terrorismus in Verbindung bringt.

Dennoch entscheiden sich zunehmend junge Menschen, die nicht muslimisch aufgewachsen sind, ihr Leben nach den Lehren des Islam zu gestalten. Es ist schwierig festzustellen, wie viele Konvertiten und Konvertitinnen in der Bundesrepublik leben. Muslime werden nicht als Mitglieder einer Moscheegemeinde registriert. Muslim ist, wer an Allah und den Propheten Mohammed glaubt; so ist dies allein eine Sache zwischen Gott und dem oder der Gläubigen.

Doch was veranlasst insbesondere junge Menschen dazu, sich zu dieser oft als rückschrittlich geltenden Religion zu bekennen und sich ihren scheinbar sehr strengen Regeln zu beugen?

Sehnsucht nach Sinn und Zugehörigkeit

Unabhängigkeit gehört heute in Deutschland zu den Leitwerten, genauso wie die freie Entfaltung der Persönlichkeit und die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Die vermehrten Wahlmöglichkeiten und die gestiegene Eigenverantwortung des Individuums führen gleichzeitig zu mehr Verhaltensunsicherheiten. Unter vor allem jungen Menschen auf der Suche nach Identität und Orientierung finden sich manche, die die Lebensweise der westlichen Industriegesellschaft kritisieren und die „Welt in einer ethischen und sozialen Krise“ wahrnehmen (Hofmann 1997). Als Ausdruck dieses „gesellschaftlichen Verfalls“ werden im konservativ-islamischen Diskurs häufig Trennungen und Scheidungen, der Zerfall der traditionellen Familie sowie die Vernachlässigung von älteren Menschen und Kindern gesehen. Dabei nähmen Vereinsamung und Anonymität in der Gesellschaft zu. Dies wiederum führe zu „Unzufriedenheit“, „psychischer Krankheit“, „Drogenmissbrauch“ und „erhöhter Kriminalität“.

In Deutschland wachsen heute viele junge Menschen in nicht-traditionellen Familien auf. Viele haben bereits selbst eine Trennung und Liebeskummer erlebt, und einige haben auch schon (negative) Erfahrungen mit Alkohol oder Drogen gemacht. Andere haben in der Schule Konflikte, sind z.B. Opfer von Mobbing und gelten als Außenseiter. Dies kann zu einer Orientierungslosigkeit führen und anregen, sich auf die Suche nach einem Sinn im Leben, religiöser Identität, Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Akzeptanz zu machen.

Der Islam als Weg aus der Glaubenskrise

Sofia (Name geändert) wuchs in einer katholischen Familie auf. Zum Essen und Schlafengehen wurde gebetet, und von klein auf ging die ganze Familie jeden Sonntag in die Kirche. Nach der Kommunion wurde sie Messdienerin und ließ sich mit 16 Jahren firmen. Als Sofia 17 war, fiel sie in eine, wie sie sagt, „Glaubenskrise“. Obwohl sie an Gottes Existenz und den biblischen Wundern Jesu nicht zweifelte. Aber…

Ich hatte halt dieses Problem mit der Trinität, so, Jesus ist Gott, aber dann steht in der Bibel, dass Jesus sich hinwirft und zu Gott betet. Wie passt das? Und ich hab auch irgendwie immer gedacht, dass Gott uns eigentlich die Religion einfach machen will.

Sofia suchte dann Wege, ihren Glauben an den einen Gott der Bibel leben zu können, ohne an der Trinitätslehre festhalten zu müssen. Sie machte sich auf die Suche nach einer Religionsgemeinschaft, die ihren Glaubensüberzeugungen entsprach. Zunächst wehrte sie sich gegen den Islam; sie habe zwar „keine Vorurteile wie andere Menschen“ gehabt, jedoch sei der Islam „doch schon irgendwie fern“ gewesen. Sie setzte sich daher zunächst mit dem Judentum und mit arianischen, christlichen Bewegungen auseinander:

Aber auch da fehlte irgendwas. Ja, und dann über Umwege, irgendwann, hab ich dann gedacht, okay, ich muss jetzt einfach mal in den Islam reinschauen, ich hab mich so ein bisschen dagegen gewehrt, dachte, kann ja gar nicht sein, aber je mehr ich dann Islam kennengelernt habe, desto mehr habe ich den Sinn gesehen, desto mehr habe ich mich auch in diese Religion verliebt.

Sofia bot der Islam eine „für jeden verständliche“ Glaubenslehre. Da sie vor ihrer Konversion schon sehr gläubig war, eckte sie öfters bei ihren Klassenkameraden an, die sich über ihre Religiosität belustigten. Im Islam traf sie auf junge Menschen ihres Alters, die nachts aufstanden, um zu Gott zu beten. Sie fühlte sich schnell in die Gemeinschaft aufgenommen und angekommen:

Also, ich hab jetzt endlich meinen Weg gefunden. Ich wollte endlich die Wahrheit wissen, und ich hab die halt im Islam gefunden. Und deswegen geht´s mir auch innerlich einfach jetzt viel besser. Ja, die Suche hat aufgehört, und ich bin innerlich viel ruhiger geworden.

Auf alle Fragen eine Antwort

Mona (Name geändert) wurde das erste Mal im Jahr 2002 während ihres Abiturs auf den Islam aufmerksam. Damals gab es die Debatte um die Mohammed-Karikaturen. Sie sei immer schon „sehr wissensdurstig“ gewesen und wollte mehr über den Islam erfahren, kam dann aber aufgrund einer schweren Krankheit ihrer Großmutter und dem Tod ihres Vaters nicht weiter dazu. Sie glaubte an Gott, hatte aber Schwierigkeiten mit dem Glauben an das christliche Dogma der Trinität.

Wenn ich mit Christen gesprochen habe, dann hieß es am Ende immer irgendwie, das musst du halt einfach glauben, so, kann ich dir nicht erklären. Das hat mich nie zufrieden gestellt.

Die christliche Religion hat mich nie zufrieden gestellt.

Während ihres Studiums der Psychologie lernte sie im Juli 2006 ihren heutigen Ehemann, einen gebürtigen Muslim, kennen, demgegenüber sie „extrem hohe Vorurteile“ hatte: „Ich hab erst mal gedacht: Moslem geht gar nicht.“ Mit ihm kam sie über den Islam ins Gespräch, und sie fingen an, über die christliche Glaubenslehre zu diskutieren. Er habe auf alle ihre Fragen eine Antwort gehabt, und ihr „Menschenverstand“ habe ihr gesagt, „das passt“. Doch…

Muslima zu sein bedeutet ja noch viel mehr, und dafür war ich erst mal noch nicht direkt bereit, dieses ganze Paket dann zu nehmen.

Ein Jahr später, kurz vor dem Fastenmonat Ramadan, konvertierte Mona dann schließlich zum Islam und habe, wie sie sagte, dann direkt angefangen zu beten und zu fasten.

Eine Religion ohne Widersprüche

Der in Gesprächen von jungen Konvertiten oft genannte Grund für ihre Konversion zum Islam ist die Überzeugung, dass der Islam die wahre Religion Gottes, der Koran Gottes Wort und Mohammed der letzte von Gott gesandte Prophet sei. Erläuternd wird u.a. angeführt, dass der Koran Wissen über Phänomene oder Ereignisse enthalte, die die heutige Wissenschaft erst aufdecke, oder dass es im Koran oder in Äußerungen Mohammeds Prophezeiungen gebe, die später eintraten. Ferner sei die Sprache des Korans so einzigartig, dass sie nur von Gott stammen könne. Darüber hinaus wird häufig betont, dass der Islam durchweg eine „logische, fehlerfreie Religion“ sei, die keine Widersprüche in sich enthalte und mit dem „wissenschaftlichen Weltbild vereinbar“ sei. So stelle der Islam „Herz wie auch Verstand zufrieden“.

Der Islam als „Komplettpaket“

Ein weiter genannter Aspekt ist, dass der Islam „für alle Probleme eine Antwort und Lösung biete“, seien sie „gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, religiöser, politischer oder persönlicher Art“. Ein 26-Jähriger begründet seine Konversion mit dem „Komplettpaket“, das der Islam biete. So wird erläutert, dass der Islam für alle Lebensbereiche ein Regelsystem aufweise und demjenigen, der sich daran halte, Glückseligkeit verspreche.

Einige Konvertiten führen explizit an, dass sie im Islam genau das gefunden haben, was sie schon immer gesucht hätten und in anderen Religionen nicht finden konnten, z.B. ein „klares, verständliches Gottesbild“.

Als weiterer Konversionsgrund wird auch die „Dankbarkeit Gott gegenüber“ angeführt. Das Gefühl, Gott „etwas zurückgeben“ zu wollen, intensiviert den Wunsch, etwas Außergewöhnliches für Gott zu tun. Diese Konvertiten berichten, dass sie mit dem Eintritt in den Islam eine Erleichterung erlebten, weil sie sich nun „völlig in ihrem Glauben entfalten“ können und dadurch „gelassener und zufriedener“ mit sich sind.

Suche nach religiöser Identität und Anleitung

In unserer pluralisierten Gesellschaft ist es zum einen die Suche nach Identität, die eine Konversion zum Islam begünstigt, zum anderen die Suche nach einer Anleitung und nach Regeln, die den Alltag strukturieren und bestimmte Handlungen klar als erlaubt (halal) oder verboten (haram) definieren. Durch die Aufnahme in die Ummah (Gemeinschaft der gläubigen Muslime) erfährt der Konvertit Anerkennung und Akzeptanz unter den „Geschwistern“.

Der Übertritt in eine bestimmte religiöse Bewegung geschieht in Krisensituationen eher zufällig.

Religionssoziologische Studien zum Phänomen Konversion zeigen auf, dass Menschen oftmals nach Krisenerfahrungen (wie z.B. nach Trennung und Scheidung, Verlust einer geliebten Person, Erfahrungen von psychischer und körperlicher Gewalt oder Wechsel in einen neuen Lebensabschnitt) sich einer neuen Weltanschauung zuwenden. Ein interessanter Aspekt ist, dass Menschen in so einer Lebensphase empfänglich für eine Reihe von Weltanschauungen wären; so geht man davon aus, dass ein Übertritt in eine bestimmte religiöse Bewegung oder Religion eher zufällig geschieht, je nach dem, mit welcher Weltanschauung und mit welchen überzeugend wirkenden Personen man zu einem bestimmten Zeitpunkt in Berührung kommt.

Konvertiten als Botschafter eines friedlichen Islams

Von der großen Mehrheit der Konvertiten wird der Islam als eine sinnstiftende, friedliche, zu Toleranz aufrufende Religion gesehen. Viele Konvertiten engagieren sich ehrenamtlich und bringen sich positiv in die Gesellschaft ein. Sie übernehmen auch bedeutende Aufgaben in muslimischen Verbänden und fungieren daher als Brückenbauer oder Botschafter zwischen gebürtigen Muslimen und der nichtmuslimischen Bevölkerung. Sie sind es auch, die sich entschieden für einen deutschsprachigen Islam in den Moscheegemeinden einsetzen. Aus dieser Perspektive spricht vieles dafür, dass die Konvertiten zum Islam weniger eine Bedrohung, sondern vielmehr eine Bereicherung für die Pluralität in Deutschland sind.

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