Islamischer Religionsunterricht Ein Beitrag zur Normalisierung im Umgang mit Muslimen

Für das Miteinander von Muslimen und Nicht-Muslimen in Deutschland stellt der Terror radikaler Muslime weltweit eine schwere Belastung dar. Misstrauen gegenüber Migranten macht sich breit. Dabei macht die Integration durchaus Fortschritte in Deutschland. Als Beleg dafür kann die Einführung des islamischen Religionsunterrichts in immer mehr Bundesländern gewertet werden.

Stand der Einführung von islamischem Religionsunterricht

In der Bundesrepublik gibt es schätzungsweise rund 900.000 muslimische Schüler. Einige Bundesländer haben islamische Religion als Regelfach eingeführt. Dieser ist nach Ansicht von Experten sehr wichtig für das Selbstverständnis junger Muslime und auch ein zentraler Bestandteil der Extremismus-Prävention. Nordrhein-Westfalen hat 2012 den Anfang gemacht, Niedersachsen und Hessen sind vor zwei Jahren gefolgt. In anderen Bundesländern wie Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein gibt es Modellprojekte. Auch das Saarland will ein Pilotprojekt starten. Der Islamwissenschaftler Bülen Ucar aus Osnabrück sieht darin einen „Beitrag zur Normalisierung im Umgang mit Muslimen in Deutschland“.

Dass die Einführung von islamischem Religionsunterricht in vielen Bundesländern nur schleppend vorankommt, hängt vor allem mit dem fehlenden institutionellen Ansprechpartner zusammen. Der Religionsunterricht ist laut Verfassung bekenntnisorientiert, für den Bildungsplan sind die Religionsgemeinschaften zuständig. Im Unterschied zu den christlichen Kirchen gibt es auf Seiten der islamischen Religionsgemeinschaften aber keinen Ansprechpartner, der für das gesamte Feld der islamischen Organisationen sprechen könnte.

Wer vertritt die Muslime?

Hessen hat nach eigener Auffassung als erstes Bundesland einen bekenntnisorientierten Islamunterricht auf Basis des Grundgesetzes eingeführt. Die Frage des Kooperationspartners löste das Bundesland, indem es den Landesverband der Türkisch-Islamischen Union (DITIB), die offizielle türkische Religionsbehörde, und die Ahmadiyya-Gemeinde als Körperschaft des Öffentlichen Rechts anerkannte.

Das Land Niedersachsen hat sich hingegen für ein Beiratsmodell entschieden: Dort wurde ein Beirat aus Vertretern muslimischer Verbände eingerichtet. Sie sind an der Auswahl der Lehrkräfte und dem Entwickeln von Lehrplänen beteiligt. Auch in Nordrhein-Westfalen gibt es einen Beirat. Dort wird aber die Hälfte der Mitglieder von der Landesregierung ausgewählt. In Rheinland-Pfalz soll ein Beirat an einem Regelwerk für den Islamunterricht als ordentliches Lehrfach mitarbeiten.

Modellprojekt in Baden-Württemberg

In Baden-Württemberg ist es hingegen bisher bei einem Modellversuch geblieben. Beobachtern zufolge liegt dies nicht zuletzt daran, dass die Frage vom Kultusministerium vor allem aus juristischer Sicht angegangen wurde und weniger im Hinblick auf Integration. Da ein einheitlicher Ansprechpartner fehlte, entschied sich die damalige CDU/FDP-Regierung im Land für einen Modellversuch, bei dem ersatzweise die Eltern Partner des Staates sind. Im Schuljahr 2006/2007 begann der Unterricht an zehn Grundschulen. Von Beginn an war die Nachfrage stark. 2010 wurde der Unterricht auf die Sekundarstufe I und auf zwanzig Grund- sowie sechs Hauptschulen ausgeweitet.

Im Südwesten leben etwa 650.000 Muslime, 85 Prozent davon sind Sunniten. Im derzeitigen Modellversuch in Baden-Württemberg wird deshalb auch Religionsunterricht sunnitischer Prägung erteilt. Kultusminister Andreas Stoch (SPD) sagt: „Der im Rahmen eines Modellprojekts angebotene Unterricht bietet jungen Muslimen eine gute Möglichkeit, sich mit ihrer Religion fundiert und konstruktiv auseinanderzusetzen. Mit dem Ausbau wollen wir religiösem Analphabetismus entgegenwirken.“

Religiösem Analphabetismus entgegenwirken

Nach fünfzehnjähriger Debatte will die grün-rote Landesregierung die Einführung des islamischen Religionsunterrichts nun beschleunigen. Am 20. Mai 2014 wurde der Modellversuch um vier Jahre bis zum Schuljahr 2017/2018 verlängert. Derzeit sind 36 Schulen beteiligt, rund 2.000 von etwa 70.000 muslimischen Schülern in Baden-Württemberg erreicht das Angebot. Das Kultusministerium geht davon aus, dass angesichts steigenden Interesses mehr als zwanzig Schulen, darunter auch Realschulen und Gymnasien, im neuen Schuljahr einsteigen. Obwohl die CDU/FDP-Regierung den Modellversuch gestartet hatte, warnte jetzt allerdings die Südwest-CDU davor, den Islamunterrichts überhastet auszuweiten.

Beiratsmodell als „Hilfskonstruktion“

Statt auf einen einheitlichen Ansprechpartner setzt die grün-rote Landesregierung nach dem Vorbild anderer Bundesländer nun auch auf ein Beiratsmodell. Dies wurde nach der achten Sitzung des 2011 von Integrationsministerin Bilkay Öney (SPD) ins Leben gerufenen Runden Tisches Islam von allen Beteiligten als Lösungsmodell favorisiert. Für die Ministerin geht es um „schnelle und pragmatische Lösungen“. Da „der inner-islamische Dialog gar nicht so einfach ist“ und es „sehr, sehr schwer ist, alle Muslime auf einen Nenner zu bringen“, müsse man einen Beirat als „ Hilfskonstruktion“ einsetzen.

Dieser Beirat könne anlass- und projektbezogen arbeiten, zum Beispiel beim Ausgestalten des islamischen Religionsunterrichts im Land. Dies bekräftigt auch das Kultusministerium. Nach dessen Ansicht ist der Beirat ein autonom arbeitendes Gremium. In Baden-Württemberg wollen drei Verbände bekenntnisorientierten Religionsunterricht anbieten: DITIB, die Islamische Glaubensgemeinschaft Baden-Württemberg und der Landesverband islamischer Kulturzentren (VIKZ). Ihre Anträge werden derzeit im Kultusministerium geprüft.

Chancen für eine „Ökumene im Islam“

Einhellig begrüßen nicht nur Kirchen und Hochschulen, sondern auch die muslimischen Vertreter das Beiratsmodell, weil darin ihre Vielfalt zum Ausdruck komme: Der Bundesvorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, hält es für „hochproblematisch, wenn Gesellschaft und Politik von den Muslimen fordern, mit einer Stimme zu sprechen“. Auch der Bundesvorsitzende der Ahmadiyya Muslim Jamaat, Uwe Wagishauser, stellt klar: „Es wird keinen Papst für Muslime geben“. Er sieht in Deutschland die besten Voraussetzungen für eine „Ökumene im Islam“. Und die Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes Lamya Kaddor, sieht die Aufgabe der Muslime im Ausland darin, ein zeitgemäßes Bild des Islam zu erarbeiten.

Es wird keinen Papst für Muslime geben.

Ein Beiratsmodell gibt es auch in Tübingen beim Zentrum für Islamische Theologie. Zwei Sitze blieben aber leer, weil sich auf Druck der Bundesregierung die Islamische Glaubensgemeinschaft Baden-Württemberg (IGBW) wegen ihrer Verbindungen zu der unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehenden Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs nicht beteiligen durfte. Die IGBW ist aber eine Vereinigung, die schon früh für den islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache eintrat.

Integrative Wirkung

Die integrative Wirkung des Unterrichts ist unbestritten. Das belegt eine Umfrage der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe an zwanzig Modellschulen. Schüler, Eltern und Lehrer beurteilen demnach das Fach positiv.

Auch die großen Kirchen unterstützen die Ausweitung des islamischen Religionsunterrichts. Die evangelischen Landeskirchen sowie die beiden katholischen Diözesen pflegen seit langem den Dialog mit Vertretern der Muslime. Einen Schwerpunkt auf den Dialog setzt seit Jahren die Katholische Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Im Februar hat sie ein von der Robert Bosch Stiftung gefördertes Programm gestartet. Unter dem Motto „Muslime als Partner in Baden-Württemberg – Informationen, Beratung, Dialog“ geht es um Beratung im Kommunalbereich: von Jugendämtern bis zu Moscheegemeinden.

Verzerrte Wahrnehmung des Islam

Der Ausbau des Islamunterrichts in den Bundesländern und die Kooperation der muslimischen Verbände mit Landesregierungen und Schulen belegen für den Osnabrücker Islamwissenschaftler, Professor Rauf Ceylan, „dass wir in Deutschland strukturell gut vorankommen. Wir haben deutschsprachigen Islam-Unterricht in Schulen und die Ausbildung von Imamen“. Doch gleichzeitig wachsen die Ängste in der Mehrheitsgesellschaft. Laut Umfragen hat mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung Angst vor dem Islam. Das ist für den Wissenschaftler paradox. Denn die Überfremdungsängste sind rein quantitativ nicht nachvollziehbar. Im Blick auf die Gewalt weist er darauf hin, dass es 5.000 Salafisten in Deutschland gibt, von denen 200 gewaltbereit seien. Dagegen stehen vier Millionen Muslime.

Ceylan sieht ein Problem darin, dass die Migranten über einen Kamm geschoren werden. Früher waren sie Ausländer, dann Türken, jetzt sind sie Muslime. „Wir machen aus dem Islam eine Ausländerreligion“, warnt er. Dabei sei die muslimische Welt in Deutschland extrem heterogen – von der hedonistischen Szene über Umwelt-Aktivisten bis zu konservativen Gläubigen. Zugleich betont er, dass bei den Muslimen ebenfalls ein Prozess der Säkularisierung stattfindet. Ebenso hat sich seiner Ansicht nach die Gesellschaft in Deutschland verändert. „Unsere Realität ist nicht die propagierte christlich-abendländische Kultur, sondern die Pluralität“.

Bildung, Toleranz und Aufklärung

Ceylan fordert aber auch bei den Muslimen Veränderungen. Die muslimische Community hätte sich seiner Ansicht nach schon früher deutlich von der Gewalt distanzieren sollen. Er setzt sowohl in den islamischen Ländern als auch in Deutschland auf Bildung. So müssten die Muslime auch wegkommen von den Hinterhofmoscheen sowie schlecht ausgebildeten Imamen, die kein Deutsch können und auch die deutsche Gesellschaft und die jungen Muslime und deren Probleme nicht verstehen. Ebenso seien Laienprediger oft genug theologisch zu wenig gebildet.

Auch Harry Harun Behr, Professor für islamische Religionslehre an der Universität Erlangen-Nürnberg, fordert von den Muslimen „eine klare, theologisch formulierte Position für Toleranz, gegen Gewalt und Todesstrafe“. Er betont auch, dass die vier großen Dachverbände und mehrere kleine Organisationen gerade mal 20 Prozent der Muslime repräsentieren.

Islamische Religionspädagogik ist „Aufklärung von unten“.

Islamische Religionspädagogik ermöglicht für Behr eine dringend nötige „Aufklärung von unten“. Das Fach Islamische Theologie gibt es in Deutschland aber erst seit drei Jahren, dafür wurden vier Zentren eingerichtet. Unter Muslimen gibt es diesen Einrichtungen gegenüber durchaus Skepsis: Man hat Sorgen bei islamischen Institutionen, dass der Islam im universitären Rahmen in Deutschland sein Profil verliere und zu einem zahnlosen Euro-Islam werde, eine Art staatstreuer Islam. Aber auch gegenüber der Mehrheitsgesellschaft muss sich das Fach erst durchsetzen.

Innerislamische Konflikte bleiben

Ebenso bleiben Konflikte und Richtungskämpfe unter den Theologen. So streiten sich Traditionalisten und Reformer um die Auslegung des islamischen Glaubens. Im Zentrum eines aktuellen Streits steht Mouhamad Khorchide. Er ist seit 2010 Professor für Islamische Religionspädagogik. Er schrieb ein Buch über Barmherzigkeit und eines über die Auslegung der islamischen Rechtsordnung. Seine Thesen sind höchst umstritten unter den Gläubigen, weil Khorchide den traditionellen Islam angreift, da dieser auf Angst und Strafe setze. Damit stößt er bei den Verbänden auf Kritik, die in seinen Thesen einen Angriff auf sich sehen. Dort ist Koran-Hermeneutik und historisch-kritische Auslegung des Islam etwas völlig Fremdes. Auch Harry Harun Behr verteidigt seinen Kollegen. Kritische Debatten wird es künftig sicher noch mehr geben.


Zentren für Islamische Theologie

Nach einer Schätzung des Bundesbildungsministeriums werden rund 2.000 muslimische Religionslehrer benötigt. Vier Zentren für islamische Theologie wurden eingerichtet, um Forschung und Ausbildung an den Hochschulen zu etablieren. Das erste nahm seinen Betrieb im Wintersemester 2011/2012 an der Universität Tübingen auf. Hier werden neben Islamwissenschaftlern auch Imame und deutschsprachige Religionslehrer ausgebildet.

Neben Tübingen wurden drei weitere Standorte ausgewählt: Osnabrück in Zusammenarbeit mit Münster, Frankfurt in Zusammenarbeit mit Gießen und Erlangen-Nürnberg. Diese Zentren nahmen erst 2012 ihre Arbeit auf. Rund 1500 Studierende sind an den Zentren eingeschrieben, Tendenz steigend.

Die Ausbildung islamischer Theologen und Religionslehrer war in den Bundesländern zuvor nicht geregelt. Faktisch bildete die türkische Regierung zahlreiche Imame aus, schickte rund 100 Imame für etwa vier Jahre nach Deutschland und besoldete sie. Die Türkisch-Islamische-Union der Anstalt für Religion (DITIB) repräsentiert auch nicht-türkische Muslime. Der deutsche Wissenschaftsrat hatte die Einrichtung der Zentren empfohlen. Sie sollen mit den Islamwissenschaften, den theologischen Fakultäten und anderen geisteswissenschaftlichen Fächern kooperieren.


Nachgefragt

Ismail Yavuzcan ist Lehrbeauftragter am Zentrum für Islamische Theologie in Tübingen. Er beantwortet Fragen von Rainer Lang.

ea: Warum sollen junge Muslime Religionsunterricht erhalten?

Yavuzcan: Durch islamischen Religionsunterricht kann verhindert werden, dass Jugendliche in den Extremismus abgleiten. Denn sie geraten schnell an extreme Webseiten, wenn sie mehr über Religion wissen wollen. 60 Prozent der jungen Muslime erhalten Islamunterricht weder in der Schule noch in der Moschee. Deshalb ist der Ausbau des Religionsunterrichts wichtig.

ea: Welche Rolle spielen gegenwärtig die Medien?

Yavuzcan: Das Bild „des Muslims“ ist oft medial konstruiert. Medien bedienen oft Stereotypen und sind dabei behilflich, so manche Vorurteile aufrechtzuerhalten. Oft zeigt man Muslime nur als bärtige und männliche Personen oder muslimische Frauen mit Gesichtsschleier, die in der modernen deutschen Gesellschaft fremd sind. Aber auch viele Muslime bedienen bewusst oder unbewusst durch ihr Fehlverhalten diese Stereotypen.

ea: Immer wird von „den Muslimen“ gesprochen…

Yavuzcan: Es handelt sich bei den Muslimen in Deutschland keineswegs um eine homogene Gruppe. In der Öffentlichkeit herrscht zwar das Bild, dass sich Muslime streng an ihre Religion halten, doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Ganz unterschiedliche Lebensstile sind unter Muslimen festzustellen, wobei im alltäglichen Leben für manche islamische Werte von großer Bedeutung sind, für andere hingegen nur eine nebensächliche Rolle spielt.

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