„Gott spricht nicht Arabisch“ Plädoyer für einen Islam mit Vernunft

„Liberaler“ oder „ritueller“ Islam? Die Vertreter beider Richtungen sind sich alles andere als grün. Lale Akgün bezieht Stellung in der innerislamischen Debatte und berichtet von Anfeindungen gegen liberale Muslime. Nebenbei kritisiert sie „die“ deutsche Politik, die unkritisch Positionen konservativer Islam-Verbände übernehme.

Dieser Brief wurde vor einigen Wochen in den sozialen Medien veröffentlicht:

As-salamu ´alaikum wa-rahmatu Llahi wa-barakatuh.

Vielen Dank für den Hinweis! Jedoch erspare ich mir, das Gespräch mit Lale Akgün zu lesen oder anzuhören. Für mich ist das Thema Lale Akgün abgehakt. Wie ein anderer kompetenter deutscher Muslim festgestellt hat, hat diese Frau offensichtlich nicht verstanden, was Religion überhaupt ist. Nur weil jemand einen türkischen Namen hat und seine Vorfahren Muslime waren, bedeutet das noch lange nicht, dass auch dieser Mensch Muslim ist. Lale Akgün beruft sich bei ihren Kenntnissen des Islam immer wieder auf ihren Großvater, und wie ihren Schilderungen zu entnehmen, hatte bereits dieser den Islam nicht richtig verstanden.

Man sollte sich nicht scheuen, offen auszusprechen, dass Lale Akgün nicht als Muslima, nicht als dem Islam angehörig, angesehen werden muss. Zuletzt hatte ich von ihr Vorschläge für ein Gebet gelesen, das nur aus einer zweimal täglichen kurzen Meditation besteht und einem Fasten, das nur ein paar Stunden dauert oder dergl. Das hat jedenfalls nichts mehr mit dem islamischen Gebet oder Fasten zu tun. In der BRD haben wir Religionsfreiheit, und wir können niemanden daran hindern, eine neue Religion zu begründen. Doch sollte er, bzw. sie, sie dann nicht „Islam“ nennen, da dieser Name bereits vergeben ist.

Daher bitte ich allen mitzuteilen, die dies noch nicht wissen sollten, dass Frau Lale Akgün keine Muslima und in Sachen Islam inkompetent ist.

Wa-s-salam

Abdullah F. Bubenheim

Der voranstehende Brief macht die Polarisierung des innerislamischen Diskurses deutlich: hier Überlegungen zur Reform des Islam und liberale Auslegungen; dagegen das Festhalten am hergebrachten rituellen Islam und die Aggressivität der konservativen Muslime, wenn ihre Deutungshoheit in Frage gestellt wird.

Liberale Muslime sollen mundtot gemacht werden

Abdullah Frank Bubenheims Aggressivität geht so weit, dass er im Tonfall einer Fatwa und mit der Autorität eines Halbgelehrten meine Aussagen verdreht und mir meine Religionszugehörigkeit abspricht. Kenner des Islam lesen zwischen den Zeilen, was Bubenheim letztlich meint: Wenn ich die ausgetretenen Pfade von ihm und seinesgleichen verlasse, bin ich eine Apostatin und müsste – nach deren rigiden Vorstellungen – dafür mit dem Tode bestraft werden. Der öffentliche Aufruf lässt jedenfalls nichts Gutes hoffen.

Diese Art des Vorgehens ist in der islamischen Szene wohl bekannt und im Grunde genommen eine Form des Rechtsextremismus. Durch ständige Verketzerung wird versucht, demokratische und liberale Kräfte einzuschüchtern und die einfachen Gläubigen gegen sie aufzuhetzen. Die sozialen Medien sind voll davon, und liberale Muslime können ein Lied davon singen: Sie sollen durch Angst mundtot gemacht werden. Das Ziel der Konservativen ist klar: Sie wollen den Machtkampf um die politische Teilhabe in unserer liberalen Demokratie gewinnen und sind dabei relativ erfolgreich.

Avni Altiner, Vorsitzender der Schura Niedersachsen, schrieb in der Islamischen Zeitung vom 13.04.2013 zu den Positionen von Prof. Mouhanad Khorchide: „In diesem Land besteht – Gott sei Dank – im Gegensatz zu manch einem islamisch bezeichneten Staat die Religionsfreiheit. Jeder kann auch zu religiösen Positionen jede Meinung vertreten und wissenschaftlich zu begründen versuchen, hier gilt die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit. Unislamische Glaubensüberzeugungen mit der Autorität und der Würde eines Professorentitels an einer Universität und der Unterstützung von nichtmuslimischen Vertretern der Medien als islamisch zu etikettieren und dies den Muslimen als den wahren Islam aufdrücken zu wollen, kann und werde ich jedoch nicht akzeptieren“ (http://www.islamische-zeitung.de/?id=16660). Ein Schelm, der Ähnlichkeiten in der Wortwahl zwischen Bubenheim und Altiner entdeckt!

Wer deutet den Islam „richtig“?

Worum geht es eigentlich in der Auseinandersetzung zwischen den konservativen und den liberalen Muslimen? Nun, die Parallelen zu der Reformation im Christentum sind unübersehbar. Man denke an die Reformatoren um Zwingli, die nichts mehr auf die großen Gesten und die alten Rituale gaben, sondern nur noch auf die innere Beziehung zu Gott setzten.

Auch im islamischen Diskurs bahnt sich eine ähnliche Auseinandersetzung an. Hier die Konservativen, denen die formale Pflichterfüllung Gott gegenüber wichtig ist – Stichwort: Unterwerfung –, dort die Liberalen, denen es um die Beziehung zu Gott geht, Stichwort: Barmherzigkeit.

Prof. Mouhanad Khorchide bringt die liberale Sichtweise auf den Punkt, wenn er sagt: „Meiner Auffassung nach ist die Religion für den Menschen da – und nicht umgekehrt der Mensch für die Religion.“

Islam und kritische Vernunft

Was bedeutet das nun für den liberalen Islam? Wie kann er eingebettet werden in unseren Alltag, und wodurch unterscheiden sich die reformwilligen Muslime von den Traditionalisten? Zunächst einmal, indem sie ihren Verstand einsetzen und selbstständig denken! Der Islam ist eine vernünftige Religion, wenn er vernunftgemäß interpretiert wird. Und natürlich ist er dann auch vereinbar mit Demokratie und Rechtsstaat. Der Begriff Verstand kommt im Koran 49 Mal vor, etwa hier: „Gott wird diejenigen, die ihren Verstand nicht benutzen, mit der Erniedrigung der Ungläubigkeit bestrafen“ (Sure 10 „Yunus“, Vers 100). Verstand und Vernunft sind der heiligen Quelle des Islam durchaus wichtig, und auch eine der berühmtesten Hadithe des Propheten Mohammed macht auf die Vernunft des Menschen aufmerksam: „Der Glaube eines Menschen geht so weit wie sein Verstand, wer keinen Verstand hat, der kann auch keinen Glauben haben.“ Nur wer den Islam mit Vernunft betrachtet, wird dem Geist des Islam gerecht.

Der Islam ist eine vernünftige Religion.

„Idschtihad“ (arabisch für „Anstrengung“) ist ein Fachbegriff aus dem Islamischen Recht. Jeder Muslim, so die Bedeutung des Wortes, muss seinen Verstand einsetzen, um den Islam in seiner Zeit zu verstehen und entsprechend, beziehungsweise „richtig“ zu praktizieren. „Richtig verstehen“ liegt dabei im Ermessen des Individuums, denn jeder Muslim kann die beiden Rechtsquellen des Islam, Koran und Sunna, frei lesen und frei verstehen.

Mündige Koranauslegung

Der Koran ist für Muslime die Offenbarung Gottes; das Wort Gottes also. Aber es ist auch naiv und wird dem Geist des Islam nicht gerecht, wenn man den Koran wortwörtlich verstehen und umsetzen will, wie es die Orthodoxen und Ultraorthodoxen – die Muquallid – tun. Der Koran muss heute neu interpretiert werden, weil sich der gesellschaftliche Kontext verändert hat. Eine historisch-kritische Auslegung des Koran ist Voraussetzung dafür, dass man an die ethischen und zeitlosen Botschaften herankommt. Nur wer sich um die Entstehungsgeschichte und die Textgattung des Koran kümmert und sich nicht im Klein-Klein längst überholter historischer, damals vielleicht zutreffender Fakten verliert, kann zum Kern der Botschaften vorstoßen. Auf der Grundlage einer solchen Hermeneutik kann man lernen, welchen Sinn die heiligen Texte heute haben. Nur so können wir heute die Essenz der ethischen Botschaften verstehen, und nur so bleibt der Islam lebendig.

Es geht also darum, „den Geist hinter den Buchstaben zu finden“, die allgemeinen Prinzipien. Wie die Menschen diese Prinzipien umsetzen, hängt vom jeweiligen Kontext ab. Und das wiederum bedeutet: Der Islam kann keine Verbotsreligion sein. Verbote sind konkrete Regelungen, die die Menschen für jede Zeit für sich neu finden müssen. Der Islam – wie auch die anderen Religionen – kann seinen Beitrag zur Aufstellung der zeitgemäßen Regeln leisten, indem er die normativen Grundlagen produziert. Aber eben nicht mehr! Wie jede Religion, so kann auch der Islam dazu beitragen, dass die Menschen – auf der Basis normativer Grundlagen – zeitgemäß vernünftige Regeln für ihr Leben und das Zusammenleben finden.

Die fünf Säulen des Islam auf dem Prüfstand

Die so genannte Ankara-Schule, die Theologische Fakultät in der türkischen Hauptstadt Ankara, beschäftigt sich schon seit Langem mit diesen Fragen. Deren ehemalige Dekanin, Professor Dr. Bilgin, scheut sich sogar nicht, die fünf Säulen des Islam zu hinterfragen, sie somit auf den Prüfstand zu stellen – also die wichtigsten Regeln für gläubige Muslime. Von islamischen Verbänden in Deutschland hingegen werden diese als unveränderbar und sakrosankt betrachtet. Die fünf Säulen des Islam – das sind das islamische Glaubensbekenntnis, das fünfmalige tägliche Gebet, die Almosensteuer, das Fasten im Ramadan und die Pilgerfahrt nach Mekka.

Etwas auf den Prüfstand zu stellen, bedeutet nicht Ablehnung. Vielmehr bedeutet es, jede Regel, jeden Glaubensgrundsatz daraufhin zu überprüfen, ob er noch zeitgemäß ist.

Wenn ich also schreibe:

  1. natürlich soll man versuchen, die Gebete einzuhalten, aber auch zwei Mal am Tag beten reicht völlig. Entscheidend ist die Zwiesprache mit Gott, nicht aber eine äußerliche Demonstration;
  2. niemand muss fasten, wenn es seine Kräfte übersteigt. Auch das Fasten ist, wie das Beten, keine äußerliche Pflichterfüllung, sondern die Chance auf innere Zwiesprache mit Gott,

dann ist das nicht die Konstruktion einer neuen Religion, sondern eine zeitgemäße Auslegung des Korans.

Die Sprache ist nicht die Botschaft

Glaube sollte mehr sein, als Gebete nachzusprechen und Riten nachzukommen. Die konservativen und traditionalistischen Muslime aber halten die Gläubigen genau dazu an; und indem sie das tun, halten sie die Menschen vom „richtigen“ Verständnis des Korans ab. Nach dem konservativen Verständnis sollen die Muslime den Koran nur rezitieren, und natürlich nur auf Arabisch, weil Arabisch angeblich die Sprache Gottes ist. Gott spricht aber nicht Arabisch, Gott spricht überhaupt keine menschliche Sprache: Sprachen sind Kommunikationssysteme, die Menschen erfunden haben, um miteinander in Kontakt zu treten.

Der Koran muss in die Muttersprachen der Gläubigen übersetzt werden.

Für die Offenbarungen Gottes ist aber nicht eine bestimmte Sprache entscheidend, sondern es sind die inhaltlichen Botschaften. Deshalb darf keine einzige irdische Sprache ein Monopol auf die Inhalte haben. Der Koran kann, nein, er muss in die Muttersprachen der Gläubigen übersetzt werden. Gerade das Verbot, sich des Korans in einer anderen als der arabischen Sprache zu bedienen, erweitert die Macht derjenigen, die die Religion für sich instrumentalisieren wollen.

Historisches Verstehen statt religiöser Gehirnwäsche

Aber es geht nicht nur um die Übersetzungen. Für die Sunna wie auch für den Koran gilt: Wer jahrhundertealte Schriften wortwörtlich und ohne geschichtliche Einbettung liest, geht den ersten und wichtigsten Schritt hin zu einem Fundamentalismus, der gefährlich werden kann. Die Gläubigen sollen die Schriften offen angehen, sich mit ihnen auseinander setzen, Fragen stellen, und, wo nötig, sich distanzieren oder annähern. Und wenn der Koran den Menschen geradezu auferlegt, den Verstand einzusetzen, dann rückt der Mensch als Träger der Vernunft in die Mitte. Der Mensch, der mit seinen Entscheidungswerkzeugen Gewissen und Verstand die Vernunft in Handlung übersetzt.

Das verstehen Bubenheim und Altiner wahrscheinlich als Gotteslästerung. Wie jegliche Kritik und jedes Nachdenken von den Konservativen als Affront „gegen den Willen Allahs“ bezeichnet werden. Wenn ein Gläubiger aber nicht selbst nachdenken darf, kommt das einer religiösen Gehirnwäsche gleich.

Fastenbrechen und „willige“ Politiker

Apropos Nachdenken: Im Fastenmonat Ramadan überschlagen sich Politiker und Parteien, Festessen „für auserwähltes“ Klientel zum Fastenbrechen anzubieten. Wissen sie eigentlich, dass von der muslimischen Bevölkerung in Deutschland (circa vier Millionen Menschen) geschätzte 10% fasten? Bei den konservativen Verbandsmitgliedern aber nach Aussagen eines Funktionärs circa 80%? Wissen sie weiterhin, dass das gemeinsame Fastenbrechen kein gesellschaftliches Event ist, um zu sehen und gesehen zu werden und „wichtige“ Leute abzufüttern (das ist eine Entwicklung der letzten Jahre in Deutschland), sondern ein Familienessen, zu dem man Alte, Einsame und vor allem Bedürftige einlädt? Anscheinend ignorieren sie das. Der VIKZ (Verband der islamischen Kulturzentren), einer der islamischen Dachverbände in Deutschland, rühmt sich, das Fastenbrechen zum gesellschaftlichen Event gemacht zu haben, und die Politik folgt willig. Das heißt: Die deutsche Politik steht im Dialog mit den konservativen Verbänden, hinterfragt nichts und macht sich deren Sichtweise zu eigen.

Die deutsche Politik macht sich die Sichtweisen konservativer Islam-Verbände zu eigen.

Auch liberale Muslime sind unmittelbar zu Gott

Aber – wer sind Bubenheim oder Altiner oder all die anderen Verbandsvertreter, an deren Lippen die deutschen Politiker hängen? Mit welchem Mandat nehmen sie das Recht in Anspruch, für „die“ Muslime zu sprechen? Wir liberalen Muslime glauben an den Koran und pochen auf unser Recht, dass die Sure 50 (Qaf), Vers 16 auch für uns gilt: „Nun wahrlich, Wir sind es, die den Menschen erschaffen haben, und Wir wissen, was sein innerstes Selbst in ihm flüstert: denn Wir sind ihm näher als seine Halsschlagader.“

Wenn mir Gott näher ist als meine eigene Halsschlagader, dann braucht diese Symbiose keine weiteren Verbindungsstücke. Kein Imam und kein Verbandsvertreter muss oder hat mir zu sagen, was ich darf, was ich nicht darf, was muslimisch ist und was nicht.

Wir liberalen Muslime haben es im Moment in Deutschland schwer, vor allem weil die Politik aus welchen Gründen auch immer, anscheinend die Definitionsmacht der konservativen Verbände akzeptiert und ihre Sichtweise übernimmt. Aber wir liberalen Muslime werden den Islam nicht den Ewiggestrigen überlassen. Sie haben kein Monopol auf den Islam.

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