Kirche der Zukunft – vielfältig und gelassen

Kirche soll in all ihren Formen verständlich machen, warum und wie die christliche Botschaft für das Leben der Menschen hier und jetzt eine Bedeutung hat. Aber wie kann dies in einer zunehmend post-christlichen Umgebung gelingen?

In Deutschland betrug der Anteil der Christinnen und Christen an der Bevölkerung laut EKD-Statistik Ende 2016 58,3 Prozent. In der Schweiz verzeichnet das Bundesamt für Statistik für dasselbe Jahr erstmals einen höheren Anteil an Konfessionslosen als an Reformierten. Die Kirchen haben damit allerdings immer noch viel höhere Mitgliederzahlen als alle anderen Vereine – die politischen Parteien mit eingeschlossen. Deren Mitglieder umfassen insgesamt gerade einmal knapp 2.5% der Kirchenmitglieder. Die Kirchen vertreten also eine eindrückliche Anzahl von Menschen und können noch immer selbstbewusst auftreten. Könnten es jedenfalls – trotzdem hat das Klagen über schwindende Mitgliederzahlen längst auch kirchliche Kreise und Medien erreicht.

Die Distanzierten bilden die Mehrheit

Dazu trägt auch bei, dass auch unter den Kirchenmitgliedern die Anzahl derer wächst, die mit der Institution Kirche und ihren Formen und Inhalten zunehmend fremdeln. Und das wiegt schwerer. Zwar versuchen Kirchen und Gemeinden ihre Formen zu pluralisieren: Jazz- und Jodelgottesdienste, Männerabende und Frauenfrühstücke, Pfarrerinnen auf der Straße und Pfarrer in der Kneipe, Bewegungen wie „Fresh Expressions“, Citykirchen und neue Orte von Kirche, Innovationsprojekte und Reorganisationen. Das sind oft sehr spannende Projekte, die ein zeitgemäßes und menschennahes Kirchenbild vermitteln. Aber offenbar reicht das nicht, um den Trend nachhaltig umzukehren. Die große Mehrheit der Mitglieder besteht laut einer Schweizer Studie aus den – mangels eines besseren Begriffs – sogenannten „Distanzierten“. Diese glauben nicht nichts, aber Religion kommt in ihrem Alltagsleben praktisch nicht vor (Schlussbericht zum NFP58, Religiosität in der modernen Welt. Bedingungen, Konstruktionen und sozialer Wandel).

Dieser Befund spiegle, so die Autoren dieser Studie, den volkskirchlichen Charakter der Großkirchen wider, welche sowohl eine Kerngemeinde als auch eine große Anzahl von “nicht gemeinschaftlich orientierten Mitgliedern“ umfassen. Letztere schätzten meist zwar das diakonische Engagement von Kirche, für sich selber und ihre Spiritualität bzw. Weltanschauung brauchen sie aber keine Kirche. Sie bleiben aber trotzdem Mitglieder, sei es aus traditionellen oder kulturellen Gründen. Und wenn Religion einmal nötig werden sollte, sei es als Ritus oder als Trost, wenden sie sich an einen Pfarrer oder eine Pfarrerin.

Das Ende der „Kirche im Dorf“?

Wenn wir diesen volkskirchlichen, offenen Charakter der evangelischen Kirche beibehalten wollen – und ich plädiere sehr dafür –, dann wird es nicht die eine Strategie für die Kirche der Zukunft geben, sondern viele unterschiedliche. Vielleicht sind die großen Mehrheitsverhältnisse tatsächlich vorbei, weil die gesellschaftlichen Megatrends der Individualisierung, der Mobilität und der Pluralisierung, um nur einige zu nennen, einer einheitlichen und zentralen „Kirche im Dorf“ entgegenstehen. Und doch gibt es sie noch, die Kirchgemeinden mit Kirchenchor und Seniorennachmittagen, mit Kirchencafé und KonfirmandInnenlager. Unbestritten sind die klassischen Pfarrstellen nicht nur in der Gemeinde, sondern auch im Gefängnis, im Spital, in der Psychiatrischen Klinik. Und das ist gut so.

Es gibt mittlerweile schon viele andere Formen von Kirche.

Aber es gibt mittlerweile auch viele andere Formen von Kirche, engere und offenere, den Haus- und Gebetskreis und die Pfarrerin im Großmünster Zürich, die für die Touristen da ist und ihnen zu den Kirchenfenstern von Sigmar Polke die biblischen Geschichten erzählt, die diese nicht mehr kennen. In den Gemeinden engagieren sich der innovative Sozialdiakon und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Café, die phantasievolle Kinderchorleiterin mit einem Musical, die Initianten der „Blue Church“ voller Jazz und Rhythmus, die Posaunenchöre, die jugendlichen Leiterinnen und Leiter im CVJM und den christlichen Pfadfinderinnen und Pfadfinder; es gibt die Citychurch, die Streetchurch, die Jugendkirche, die christliche Gemeindereitschule, die Metalchurch und vieles mehr. Wer Kirche für altmodisch und verstaubt hält, der hat schon lange nicht mehr die Nase in den frischen Kirchenwind gehalten.

Vielfältige Beteiligungs- und Organisationsformen

Längst sind hier auch nicht mehr nur die „eigentlich dazugehörigen“ Mitglieder aus der jeweiligen Parochie dabei, sondern es kommen interessierte und motivierte Menschen von nah und fern, denen die Aktivitäten gefallen, der Stil, die Sprache, die Musik und nicht zuletzt die Personen, welche diese neuen Formen aufziehen. Sie fragen nicht nach Mitgliedschaft und nicht nach Gemeindegrenzen, sondern danach, was ihnen „etwas bringt“, was Spaß und Freude macht oder was ihren spirituellen Bedürfnissen entgegenkommt.

Die Kirche der Gegenwart ist jetzt schon vielfältig in ihren Organisationsformen – und das ist auch die Kirche der Zukunft. Vieles ist möglich, und allerorten werden Reformen und Reorganisationen angedacht und durchgeführt, die nicht nur Sparübungen sein wollen, sondern diese Vielfalt ermöglichen und unterstützen wollen. Das sind spannende und befreiende Entwicklungen, die weite Horizonte eröffnen und herausfordern, die Botschaft des Evangeliums den Menschen der Gegenwart in neuer Sprache und frischen Formen nahe zu bringen. Teilweise geschieht dies allerdings gegen heftigen Widerstand derjenigen, welche ihre Kirche damit bedroht sehen. Dies liegt, so meine ich, nur zum Teil daran, dass Menschen dazu neigen, in Veränderungen eine Gefahr zu sehen oder zu befürchten, dabei ihre Pfründe zu verlieren. Vielmehr weisen Kritikerinnen und Kritiker von Reformbestrebungen durchaus zurecht auf die Gefahr hin, dass in der Begeisterung für neue Formen die theologische Reflexion der Inhalte verloren gehen kann.

Geh- statt Komm-Struktur – das Beispiel „Fresh Expressions“

Die Bewegung „Fresh Expressions“ aus der anglikanischen Kirche hat z.B. in Deutschland und der Schweiz richtig eingeschlagen und viele Initiativen befeuert (vgl. www.freshexpressions.de bzw. www.freshexpressions.ch). Ihr Grundgedanke besteht darin, dass die christliche Botschaft in einer postchristlichen Gesellschaft neu inkulturiert werden muss und Kirche in neuen Formen Tradition und Innovation miteinander verknüpft. Der Innovationsaspekt ist leicht nachvollziehbar: eine Geh-Struktur statt einer Komm-Struktur, auf die Menschen zugehen und sie in ihren Lebenswelten und ihren Bedürfnissen ernst nehmen, über die Parochie hinaus, als Netzwerke von sowohl traditionellen als auch ortsunabhängigen Gemeinden, Projekten und Treffpunkten.

Die christliche Botschaft muss in der postchristlichen Gesellschaft neu „inkulturiert“ werden.

Der Traditionsaspekt allerdings ist hier ebenso zentral und bedeutet in der anglikanischen Kirche, dass diese Bewegung tief in einer trinitarischen und inkarnatorischen Theologie und einer sich missional verstehenden Kirche verwurzelt ist. Die Arbeitsgruppe, welche im Auftrag der anglikanischen Kirche diese neuen Formen entstehender Gemeinden überprüfen und klären sollte, geht davon aus, dass „›Kirche‹ dasjenige ist, was geschieht, wenn Menschen dem auferstandenen Jesus begegnen und sich verpflichten, diese Begegnung in der Begegnung miteinander zu stärken und zu vertiefen“. Eine missionale Kirche sucht und findet neue Formen, die „post-christliche Menschen ansprechen und sie dazu befähigen, überzeugte Gemeinden von Nachfolgern Jesu Christi zu werden.“ Und das Bekenntnis zum trinitarischen Gott ist buchstäblich grundlegend; Gemeinschaft, Beziehung, Liebe und Kommunikation sind wesentliche Eigenschaften Gottes, die auch Kirche als Leib Christi prägen sollen (vgl. Archbishop’s Council on Mission and Public Affairs, Mission-Shaped Church: Church Planting and Fresh Expressions in a Changing Context. Church House Publishing 2004).

Ohne Theologie geht es nicht

Inkarnatorisch und missional – damit lässt sich Kirche auch hierzulande gut weiterentwickeln. Die Megatrends und den Zeitgeist ernst nehmen und Kirche inkarnieren, inkulturieren, damit sie Menschen erreicht, die sonst mit Kirche nicht viel anfangen können. Mit neuen Formen, neuer Musik, neuer Ästhetik, neuer Sprache. Aber trinitarisch und christozentrisch? Wie passt das zur neuen Offenheit der Kirche der Zukunft? Schreckt eine solche Engführung die Menschen nicht eher ab, die man doch gewinnen will?

Aber wofür will man sie eigentlich gewinnen? Für eine Kirchenmitgliedschaft? Für ein aktives Engagement? Oder für die Überzeugung, dass Kirche und Christsein doch etwas ist, das genauer anzuschauen sich lohnt? Weil es in der Kirche die bessere, ältere, kulturell höherstehende Gemeinschaft gibt als andernorts? Oder weil Kirchen auch in einer säkularen Gesellschaft Institutionen sind, die auf einzigartige Weise wichtige Werte hochhalten?

Oder vielleicht doch, weil die Botschaft vom menschgewordenen Gott und auferstandenen Christus relevant sein kann im individuellen Leben wie in der Gemeinschaft? Das, was uns unbedingt angeht, und das, was uns trägt im Leben und im Sterben? Wenn nicht davon verständlich und ansteckend verkündigt, gesungen, gebetet, gefeiert und in die diakonische Tat umgesetzt werden kann, dann ist es nicht christliche Kirche. Das hat zu tun mit Sprache, aber auch mit theologischem Nachdenken, mit biblischer Exegese, die auf der Höhe ihrer Zunft und der Zeit ist und Fundamentalismen aller Art entgegentreten kann, mit Systematischer Theologie, welche die Fragen und Herausforderungen der Gegenwart auf kluge Weise aufnimmt und mit den biblischen Texten und der Tradition vermittelt, mit historischer Theologie, welche die Gegenwartsfixiertheit aufbrechen und relativieren kann und mit Praktischer Theologie, welche die real existierende Kirche in all ihren Ämtern, Funktionen und Formen als Kirche reflektiert und professionalisiert.

Eine Kirche der Zukunft braucht transparente und effiziente Organisationen und innovative Formen. Sie braucht aber auch Theologie, wenn sie sich selber im Klaren sein will, weshalb sie all dies tut. Es muss dann nicht unbedingt so trinitarisch und so christozentrisch herauskommen, wie es die anglikanischen Theologinnen und Theologen vorgemacht haben. Auch die Theologie ist in all ihren Disziplinen nicht weniger vielfältig, als es die kirchlichen Formen von Gemeinschaft sind. Nicht die eine, richtige, wahre Theologie, aber auch nicht eine selbstverliebte, freischwebende Theologie, sondern Theologie in „generous orthodoxy“ (Brian McLaren: Generous Orthodoxy. Grand Rapids 2004), welche immer wieder ernsthaft um die Bewahrung der Tradition ringt, dies aber in großer Offenheit gegenüber unterschiedlichen Ansätzen tut.

Kirche ist kein Selbstzweck

Kirche soll in all ihren Formen verständlich machen können, warum und wie die christliche Botschaft für das Leben der Menschen hier und jetzt eine Bedeutung haben kann. Sie ist nicht Selbstzweck. Damit einher geht eine große Gelassenheit in ihren Organisationsformen und in ihrem theologischen Nachdenken. So hat nicht nur die Kirche der Zukunft eine Zukunft, sondern es ist die Kirche hier und jetzt, die semper reformanda auch morgen und übermorgen in Wort und Tat hör- und sichtbar, verständlich und relevant verkündigt, dass Gott die Welt geliebt hat und noch liebt.

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