Das „Fremdeln“ mit den Kirchen Kolumne

Seit einigen Wochen, beschleunigt durch die Corona-Krise, wird in den deutschen Medien die Rolle der christlichen Kirchen in der Gesellschaft diskutiert. Kommentatoren diagnostizieren einen kontinuierlich schwindenden gesellschaftlichen Einfluss der Kirchen.

Auch die im Jahresturnus verkündeten Zahlen der Mitgliedschaft belegen: Diese Entwicklung kennt nur eine Richtung. Die Abnahme der Mitgliederzahlen hat auch mit einem demographischen Faktor zu tun, aber mindestens ebenso stark sind sie beeinflusst durch aktive Austritte.

All das ist nicht neu, Mitgliederrückgang gibt es seit Jahrzehnten. Und doch ist die Situation nun anders. Denn unmittelbar nach der Corona-Krise wird ein psychologisch wichtiger Schwellenwert überschritten. Waren noch in den 70er Jahren in der BRD deutlich über 90 % der Bevölkerung Mitglied einer der beiden christlichen Kirchen, so werden es bald unter 50 % sein. Die Kirchen und ihre Mitgliedschaft sind dann eine Minderheit in der Gesellschaft.

Zerlegung einer Marke

Die aktuellen Beiträge zur Diskussion um die Relevanz der Kirchen haben deshalb oft einen negativen Grundton. Sei es aus Frustration, sei es aus Schadenfreude, wird gefragt, ob denn die Kirchen überhaupt noch aus eigener Kraft etwas Substantielles zu sagen haben. Es macht sich ein Unbehagen breit: Welche Rolle haben die beiden großen christlichen Kirchen in einer sich weiterhin rasch wandelnden, pluralen und multireligiösen Gesellschaft?

Wenn man jedoch auf die wechselvolle 2000-jährige Geschichte der christlichen Gemeinden schaut, mag sich die derzeitige Situation anders darstellen. Möglicherweise stehen wir an der Schwelle eines neuen Selbstverständnisses christlicher Gemeinden! Es geht ja nicht nur um einen Rückgang der Mitgliederzahlen, sondern auch um ganz neue Optionen, etwa bei den digitalen Technologien. Neue Entwicklungsmöglichkeiten zeichnen sich ab. Kirchliche Netzwerke, die entstehen, ähneln vielleicht mehr den urchristlichen Gemeinden als der bekannten Volkskirche. Die Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen in Europa (GEKE) hat zur Interpretation der aktuellen Lage eine Theologie der Diaspora vorgelegt. Protestanten machen unter der europäischen Bevölkerung gerade einmal 8-10 % aus! Spannend an dem Ansatz der Diaspora ist, anzuerkennen, dass Kirche und ihre Botschaft (auch) fremd in der Gesellschaft ist. Das kann befreiend sein.

Nahe sein – womit?

Eine Volkskirche dagegen ist stets bemüht, sich anschlussfähig zu zeigen. Ein Beispiel: Ein zurzeit sehr beliebter Ausdruck für das Ziel kirchlichen Handelns lautet: „Den Menschen nah sein“. Was an diesem Ziel ist eigentlich so schwierig? All der organisatorische Aufwand der großen Volkskirchen, um „Menschen nah zu sein“? Das Problem ist offenkundig etwas Unausgesprochenes. Der vollständige Satz lautet: „Den Menschen nah sein und nicht aufhören, Gott zu bezeugen und seine Taten zu verkünden.“ Vielleicht geht das besser, wenn man zunächst auch die Fremdheit der eigenen Botschaft und der eigenen Existenz anerkennt und dann versucht, Brücken zu bauen. Wir wollen Gott bezeugen und so und gerade so den Menschen nah sein! Fremdheit kann auch eine Chance sein: Wer fremd ist, hat etwas zu sagen, das anders ist als die Spiegelung der gesellschaftlichen Meinungen.

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