Zeit des frommen Schweigens Bibel und Bild

„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“ (Prediger 3,1)

Ist das so? König Salomo, dem das Buch Prediger zugeschrieben wird, hat es jedenfalls so gesehen. Sinngemäß sagt er: „Es gibt in Gottes Schöpfung nichts, was es nicht gibt. Und alles, was geschieht, hat seinen eigenen Platz in Gottes großem Plan für diese Welt.“ Salomo unterscheidet nicht zwischen falsch und richtig oder gut und böse. Er beschreibt wertfrei.

Unter anderem gebe es auch eine Zeit des Redens und eine Zeit des Schweigens. Gerne würde ich ihn fragen, in welcher der beiden er uns heute sieht. Angesichts der Corona-Pandemie samt ihren sozialen und wirtschaftlichen Folgen scheint die Antwort nahe zu liegen. Auf allen Kanälen wird diskutiert, getwittert und gepostet. Nicht selten wird das Recht auf freie Meinungsäußerung aufs Äußerste strapaziert. Wahrheits- und Deutungsansprüche stoßen unversöhnlich aufeinander. Es scheint, es ist die Zeit des Redens.

Auffallend ist in diesem Zusammenhang „das fromme Schweigen“ der Kirchen. Die Journalistin Evelyn Finger fragte in DIE ZEIT (23/2020): „Warum haben sich die Kirchen in der Krise so kleingemacht?“ Ihre Antwort: „Vielleicht, weil auch Bischöfe sich heute als Konsenssucher verstehen und in einer Empörungsgesellschaft am ehesten durch Unauffälligkeit überleben. Vielleicht sind sie vom Endloskampf um das richtige Maß an Modernität so erschöpft, dass einige gern ins Homeoffice geflüchtet sind.“

Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Noch wertvoller wäre sie, wenn sie sachlich wie theologisch reflektiert wäre. Die Kirchenleitungen handeln meiner Meinung nach jedenfalls sehr weise, wenn sie nicht wortreich die gegenwärtige Lage „erklären“. Denn es ist die Zeit der Wiederentdeckung salomonischer Weisheit. Eine Zeit des (theologischen) Schweigens.

Die für den Verstand nicht ergründbare Verschränkung von Zeit, Raum und Ewigkeit lässt es gar nicht erst zu, Gottes gegenwärtiges Handeln in dieser Welt zu deuten. Vielleicht irgendwann rückblickend; aber nicht jetzt. Nach meinem Verständnis ist frommes Schweigen von daher keine Schande oder Schwäche. Es ist Ausdruck des Hoffens und Vertrauens. Es ist der Verzicht auf Antworten, die nur Gott kennt. Die Ernsthaftigkeit von Theologie erweist sich gerade darin, dass sie das menschliche Erkenntnisvermögen relativiert.

Andererseits braucht kein Zweifel daran zu bestehen, dass Christus und seine Kirche gegenwärtig und systemrelevant sind. Denn überall dort, wo einer hungrig ist und ihm zu essen gegeben wird, wo eine Durst leidet und sie etwas zu trinken bekommt, wo sich einer fremd fühlt und aufgenommen wird, wo einer Nackten Kleidung gegeben wird und die Kranke oder der Gefangene besucht werden (Matthäus 25,35f), überall dort geschieht zu seiner Zeit, was zu jeder Zeit Gottes Willen entspricht.

Ich finde es schön und bemerkenswert, dass die Kirchen genau diesen Platz einnehmen.

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