Kirchliche Sprache Wie kann die Kirche ihr Eigenstes sagen und damit die Menschen erreichen?

Verkündigung muss den Menschen „auf´s Maul schauen“ (so schon Luther), darf ihnen aber nicht „nach dem Mund reden“. Sie muss verständlich sein, plausibel, relevant, authentisch und soll die Menschen erreichen. Und dann ist gelungene verkündigende Sprache plötzlich mehr als nur Sprache …

„Die Kirche verreckt an ihrer Sprache“. So lautete der Titel eines vielbeachteten Blogeintrags, den Erik Flügge, Fachmann für Marketing und Politikwissenschaftler, 2015 veröffentlichte. Darin heißt es: „Sorry, liebe Theologen, aber ich halte es nicht aus, wenn ihr sprecht. Es ist so oft so furchtbar. Verschrobene, gefühlsduselnde Wortbilder reiht ihr aneinander und wundert euch, warum das niemand hören will. Wo lernt man das eigentlich? […] Ich meine das ganz ernst, wenn man mit euch ein Bier trinkt, dann klingt ihr ganz normal. Sobald ihr in einer Kirche in offizieller Funktion sprecht, wird’s plötzlich scheiße“ (www.erikfluegge.de/allgemein/die-kirche-verreckt-an-ihrer-sprache, später als Buch veröffentlicht). Mit seiner Klage traf er ins Schwarze und erntete enorme Resonanz.

Es ist leicht über die Verkommenheit kirchlicher Sprache herzuziehen: Zu langweilig, zu nichtssagend, zu unverständlich, zu moralisch… Statt in die bekannten Klagen darüber einzustimmen, wie viel und was alles in der Sprache kirchlicher Verkündigung schiefgeht, soll im Folgenden an vier Aspekten verdeutlicht werden, welche Voraussetzungen bei einer Predigt (mitgemeint ist immer auch die Verkündigung in Andachten) gegeben sein müssen, um „die Menschen zu erreichen.“

Der Text

Der Bezug zu einem Bibeltext erschöpft sich nicht in der wahllosen Zitierung passender Sprüche, sondern geht von der Annahme aus, dass die Botschaft dieses einen Bibeltextes den heutigen Adressat*innen Orientierung geben kann. In der Predigtlehre spricht man von einem „›Erfahrungskern‹ des Textes“ (W. Engemann: Einführung in die Homiletik, Tübingen 32020, S. 638), der die Gesamtaussage pointiert auf den Punkt bringt. Entsprechend geht es in der Verkündigung darum, in der Konfrontation mit diesem „alten“ Text, einen „neuen“ Text der Predigt zu erstellen, in dem deutlich wird, was die Erfahrung von „damals“ für unser Leben „heute“ bedeutet. Eine Predigt, die in der Geschichtlichkeit des Textes verbleibt und den Hörer*innen mitteilt, was der Verfasser „damals“ sagen wollte, unterbricht den Traditionsprozess des biblischen Glaubenszeugnisses und erreicht deshalb allenfalls historisch interessiertes Fachpublikum. Wenn aber die Botschaft des Bibelwortes in seinem kritisierenden wie bestätigenden Ton in die Gegenwart hineinreflektiert wird, entsteht ein „neuer“ Text, der „die Menschen erreicht“.

Die Hörer*innen

Ernst Lange, der die gegenwärtige Predigtlehre entscheidend geprägt hat, schrieb: „Predigen heißt: Ich rede mit dem Hörer über sein Leben. Ich rede mit ihm über seine Erfahrungen und Anschauungen, seine Hoffnungen und Enttäuschungen, seine Erfolge und sein Versagen, seine Aufgaben und sein Schicksal. Ich rede mit ihm über seine Welt und seine Verantwortung in dieser Welt, über die Bedrohungen und Chancen seines Daseins. Er, der Hörer, ist mein Thema, nichts anderes; freilich, er, der Hörer vor Gott. […] ich rede mit ihm über sein Leben im Licht der Christusverheißung, wie sie in der Heiligen Schrift bezeugt ist“ (E. Lange: Predigen als Beruf, Stuttgart/Berlin 1976, S. 62ff).

Neben dem „Erfahrungskern“ des Textes stellt die Situation der Hörer*innen den zweiten die Predigtarbeit mitbestimmenden Pol dar. Es genügt nicht, eine korrekte Interpretation des Bibeltextes zu präsentieren, sondern die Hörer*innen sollen zu einer „Fortsetzung“ (Engemann, S. 292) der Predigt in ihrem Leben befähigt werden. Verkündigung muss den Menschen „auf´s Maul schauen“ (so schon Luther), darf ihnen aber nicht „nach dem Mund reden“. Deshalb lässt sich der Lebensbezug einer Predigt nicht durch die Wiederholung von Allgemeinplätzen zu mitmenschlichem Umgang oder ökologischem Leben herstellen, sondern nur dadurch, dass Erfahrungen oder Fragen deutlich werden, auf die hin die Verkündigung plausibel wird.

Die Person (Predigerin, Andachtsleiter …)

Authentizität und Kongruenz zwischen dem Sprechen und Auftreten einer redenden Person gelten als unbedingte Voraussetzungen einer gelingenden Kommunikation, sind für die Verkündigung aber dahingehend zu präzisieren, dass das exemplarische Ich des Predigers sich gegenüber den Hörer*innen in Glaubens- und Lebensfragen gerade nicht durch einen besonderen Vorsprung auszeichnet. Gerade als suchende, hoffende, glaubende und zweifelnde Person trägt das Ich der Predigerin zur Wirksamkeit der Verkündigung bei: „Wer ›Ich‹ sagt, schafft Raum für notwendige Positionierungen, er versteckt sich nicht hinter Autoritäten, wird angreifbar, riskiert Ablehnung und provoziert Erwiderungen als Voraussetzung zur Eröffnung eines Dialogs. […] Wer ›Ich‹ sagt, verzichtet auf Mutmaßungen und Unterstellungen bezüglich der Lebens- und Glaubenswirklichkeit der Hörer, macht aber gleichzeitig deutlich, wie (in Bezug auf seine eigene Person) von den Schwierigkeiten und Perspektiven geredet werden kann, die ein Leben aus Glauben mit sich bringt“ (Engemann, S. 108). Wenn Verkündigung ohne institutionell abgesicherten Autoritätsanspruch auftritt, wird sie relevant.

Die Sprache

Abschließend seien noch linguistische Aspekte zur kirchlichen Sprache genannt. Sie basieren auf der Annahme, dass die Predigt eine Sprechhandlung darstellt. Mit diesem Begriff hat John L. Austin in seinem Buch How to do things with words (1962) die Beobachtung beschrieben, dass Menschen, indem sie etwas sagen, auch etwas tun. Im Alltag begegnet dieses Phänomen in sogenannten „performativen Sprechakten“, die das, was sie aussagen, zugleich herstellen: „Ich ernenne Sie zum Vorsitzenden.“ Die Pointe von Austins Theorie liegt in der Annahme, dass solche Sprechhandlungen immer vorliegen, „wenn Menschen über das Medium der Sprache zueinander in Beziehung treten“ (Engemann, S. 288), was unzweifelhaft für kirchliche Verkündigung zutrifft. Daraus ergibt sich, dass eine Predigerin sich nicht nur im Klaren über den Inhalt ihrer Rede sein muss, sondern auch über die Frage, wie dieser Inhalt den Hörer*innen nahegebracht werden soll und warum er für die Hörer*innen relevant ist. Nur wenn deutlich wird, dass diese Verkündigung für ein Leben aus Glauben taugt und die vermittelten Informationen dieser Tauglichkeit dienen, wird Verkündigung spannend.

Wenn die Sprache der Verkündigung trotz bester Absichten dann immer noch „verschroben“ klingt, ist dies häufig auf sog. dysfunktionale Sprechakte zurückzuführen. Es handelt sich dabei um sprachliche Formulierungen, deren Behauptungen nicht mit ihrer eigentlichen Funktion übereinstimmen: Obwohl das Verb „lassen“ eigentlich ein passives Geschehen ausdrückt, wird es in der Verkündigungssprache zumeist dafür verwendet, offenbar unangemessen empfundene Appelle zu vermeiden: Die Hörer*innen werden aufgefordert, Gottes Gnade „einfach zuzulassen“, dann werde sich ein bestimmtes (eigentlich gefordertes) Verhalten schon ergeben. In der Folge stellt sich die Frage ein, wie man das als Mensch denn anstellen soll, Gott (in sich) wirken zu lassen? Wenn sich aber das Evangelium ohne menschliches Zutun als gute Nachricht ereignet, wird kein Mensch abwägen, ob er oder sie dies nun zulassen will, sondern staunend feststellen, was sich tatsächlich ereignet hat. Ähnlich dysfunktionale Sprechakte finden sich in Verbindung mit den Worten „dürfen“ oder „wünschen“: Erlaubnis oder Wunsch werden „wie Sauerbier“ angeboten, weil sie letztlich verdeckte Aufforderungen zu einem konkreten Handeln sind.

Sprache der Verkündigung: ganz normal, aber nie banal.

Gelungene kirchliche Verkündigung tritt im Modus des Ereignisses auf: Sie spricht nicht über ein Thema (z.B. Trost, Mut, Umkehr) sondern sie wählt eine Sprache, in denen die Hörer*innen tatsächlich Umkehr erleben, getröstet oder ermutigt werden. Dann werden nicht Inhalte „rübergebracht“ oder die Botschaft „heruntergebrochen“, sondern es „geschieht“ tatsächlich etwas. Eine solche Predigt spricht nicht davon, was einst geschehen ist, was sein könnte oder sollte, sondern konkretisiert in Bildern, die der Lebenswelt der Hörer*innen entsprechen, wie sich das Evangelium heute verwirklicht und ein Leben im Glauben aussieht. Das klingt zumeist „ganz normal“, aber nie banal.

Verkündigung wird damit zu einer arbeits- und risikoreichen aber auch lustvollen Kunst, die wir mit unseren (oft genug beschränkten) Mitteln auszugestalten haben. Eine vollendete Predigt, so betont Alexander Deeg (A. Deeg: Predigtkultur. Ein programmatischer Begriff zwischen Zuspruch und Anspruch, PTh 47/1 2012, S. 6-12), wird uns erst in der Ewigkeit begegnen, dann, wenn das Wort Gottes direkt an uns ergeht. In der Zwischenzeit freuen wir uns an dem, was gelingt: Wenn sich alte und neue Texte, unterschiedliche Hörer*innen und die predigende Person ineinander verweben und gerade darin Gottes Botschaft lebendig wird.

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