Stichwort: Religiöse Sozialisation

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Diese volkstümliche Weisheit lässt sich auch auf die Lage der christlichen Kirchen in Deutschland beziehen: Einer der Gründe für deren abnehmende Mitgliederzahl ist die zurückgehende religiöse Sozialisation.

Der Begriff Sozialisation beschreibt, vereinfacht gesagt, inwieweit sich ein Mensch in seiner Entwicklung zum Erwachsenen an die ihn umgebenden Normen, Verhaltensweisen und Denkmuster anpasst und diese verinnerlicht – oder ob er sich kritisch davon distanziert. Dabei spielt nicht nur das Individuum selbst eine Rolle, sondern auch die ihn beeinflussenden Menschen mit ihrer jeweiligen physischen, psychischen und sozialen Verfassung sowie die materielle Umwelt. Sozialisationsprozesse lassen sich zum Teil steuern – dies versucht man beispielsweise innerhalb der schulischen Bildung und der häuslichen Erziehung –, zum Teil bleiben sie aber unverfügbar.

Bei der religiösen Sozialisation geht es darum, ob und inwieweit religiöse Inhalte, Praktiken, Fragestellungen, Normen und Haltungen von der einen Generation zur nächsten weitergegeben werden. Schon im alten Israel wusste man darum, wie wichtig die Tradierung für das Fortleben der eigenen Religion ist: So wird in Psalm 78 mehrfach die Weisung eingeschärft, den nachkommenden Generationen von Gottes Heilstaten zu erzählen, damit sie nicht vergessen werden. Bricht diese Weitergabe ab, droht auch die Religion als solche zu verschwinden – und dies geschah ja tatsächlich immer wieder, wie man am Auf- und Niedergang antiker Hochkulturen sieht.

Heute stellen wir hierzulande auf vielen Ebenen einen religiösen Traditionsabbruch fest. Besonders eklatant begegnet mir das im Religionsunterricht, in dem viele Schülerinnen und Schüler zum allerersten Mal mit biblischen Texten oder christlichen Festen in Berührung kommen. Eine bewusst forcierte religiöse Sozialisation durch Eltern oder Großeltern hat dort offensichtlich nicht stattgefunden.

Droht uns also der Untergang des Christentums? Vorerst nicht – wir haben es allerdings mit einer erheblichen Individualisierung von Religiosität zu tun, wenn die Bindung an das Christentum weiterhin abnimmt. So sehr ich es aus einer aufgeklärt-christlichen Sicht begrüße, dass sich Menschen mündig und in aller Freiheit zu christlichen Glaubenslehren, Normen und Praktiken verhalten dürfen, so sehr gilt es trotzdem weiterhin nach Psalm 78, dem Vergessen entgegenzutreten und religiöse Sozialisation zu fördern. Denn jede kritische Auseinandersetzung setzt zunächst eigenes Kennenlernen und Erfahren voraus. Dies wird auch weiterhin hauptsächlich im engsten sozialen Umfeld der Familie stattfinden. Mit Kindern regelmäßig beten, die christlichen Feste bewusst mit ihnen feiern, Bibelgeschichten lesen und mit Kindern über ihre religiösen Fragen sprechen: All das gilt es zu intensivieren oder neu zu entdecken – und zwar in erster Linie um der Kinder selber willen, die sich zu religiös mündigen Menschen entwickeln und dabei die befreiende Botschaft des Evangeliums als eine tragfähige Deutungsperspektive für ihr Leben erfahren können.

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