Umbautes Wort Gebäude, die verkündigen

Kirchengebäude machen den Kern des christlichen Glaubens nicht nur anschaulich, sondern im wahrsten Sinne des Wortes auch „zugänglich“. Für die christliche Gemeinde wie für das weltliche Gemeinwesen sind sie ein Schatz, den es zu bewahren gilt.

Wir sind Zeitzeugen fundamentaler Wertewandelprozesse in Denk- und Glaubensangelegenheiten. Galoppierende Wissensdefizite und Gleichgültigkeit zu christlichen Intentionen bewirken einen epochalen Kontinuitätsbruch alles Christlichen. Leider haben bedauernswert viele Menschen Gott aus Ihrem Leben verbannt. Dazu vermerkt selbst der Atheist Gregor Gysi: „Mich ängstigt die heraufziehende gottlose Gesellschaft!“

Wo aber werden dem Gemeinwesen Werte vermittelt? In den Parteien, den Schulen? In den Kirchen! Wie zur Bestätigung grüßt an der Suhler Kreuzkirche über dem Portal die Botschaft: „Gott, den Mitbürgern und der Nachwelt“. Schon die architektonische Dimension der Kirchengebäude erinnert die ganze Woche hindurch: Christliche Werte gehören nicht dem Sonntag, sondern sie müssen im Alltag gelebt werden.

Deshalb haben Kirchengebäude Bleibepflicht. Wir sind ihre Pflichtverteidiger. Seit tausend Jahren prägten sie dem ora et labora der Menschen Rhythmus und Zäsuren. Und sie verweisen bis heute auf unsere Mitverantwortung fürs Morgen im vieldimensionalen Sinn des „es sei“, des „so nicht“ und des „nie wieder“.

Scharnier zwischen Religion und Gesellschaft

Die Kirchengebäude sind Zentren des öffentlichen Lebens. In unserer Welt immer schnelleren Wandels fungieren sie als Ort des Vertrauten, als Scharnier zwischen christlicher Religion und Gesellschaft. Verkündigung im Kirchengebäude hat die soziale Gemeinschaft und die kulturelle Entwicklung in Deutschland und Europa bleibend beeinflusst. Und unsere Kirchengebäude sind neben den Zehn Geboten und dem Vater Unser schätzens-werte Mitgift der Christen für die sich immer verlässlicher entfaltende Europäische Union.

Wichtiger noch ist der Hinweis darauf, dass Kirchen so etwas wie umbautes Wort sind. In ihnen werden durch Wort, zeichenhaftes Handeln, Musik und Bild Antworten auf die Sinnfragen des Lebens gesucht, was sie zu einem genius loci macht. Das Gegenteil sind Immobilien, die wegen vermeintlicher Unrentierlichkeit nach Gebrauch als Altlast entsorgt oder banalen Rentabilitätsüberlegungen von Spekulanten überlassen werden.

Gebäude ohne Verfallsdatum

Die Kirchengebäude sind konstitutiver Versammlungsort der christlichen Gemeinde, geistliches Zentrum und sichtbares Gedächtnis. Dank treuhänderischer Pflege wurden sie über Generationen weiter gegeben. Dadurch sind die Kirchen überwiegend die ältesten Gebäude in unseren Dörfern und Städten. Sie altern nicht, denn sie sind bereits alt und haben auch kein Verfallsdatum!

Über Jahrhunderte hinweg fungierten die Kirchen als Kulturbringer und als Kristallisationskeime, um die gesiedelt, geliebt, gearbeitet und vor allem geglaubt wurde und weiter wird. Jede Kirche vor Ort ist für die dort Wohnenden und nach Sinn Fragenden die wichtigste im Land, damit unaufgebbar. Obendrein: Was wäre unsere Kulturlandschaft ohne die Würde der Kirchengebäude?

Wir haben sie von Müttern und Vätern ererbt, von Kindern und Enkeln geliehen. Jedes Kirchengebäude ist Vermächtnis und Verpflichtung gleichermaßen! Einem Generationsvertrag folgend sind sie zu pflegen und zu erhalten. Allerdings können die kleiner gewordenen Kirchengemeinden ihren Treuhänderpflichten um die Kirchengebäude allein nicht mehr hinreichend nachkommen.

Unsere Erbe-Mitverantwortung

Doch ein öffentliches Bewusstsein, dass wir eine Verpflichtung für die Kirchengebäude wahrzunehmen hätten, entfaltet sich nicht per se. Es mündet eher in der fatalen Frage „Warum denn ich“? Also muss Mitverantwortung, gemeinnütziges Tätigwerden und Spenden für die Kirchen immer wieder neu angestoßen werden, wie etwa erstrebtes Eheglück täglich neu er-liebt sein will. „Rückenwind“ dafür bietet auch Artikel 14/2 unseres Grundgesetzes: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen“, was bekanntlich Teil unseres christlichen Glaubens ist.

Mit Reedereien allein ist aber kein Schiff zu bauen, auch kein Kirchenschiff. Auf diese Einsicht hin wurde vor 25 Jahren auf EKD-Ebene die Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland (KiBa) gegründet. Inzwischen hat sie 4000 Fördermitglieder und ist ein segensreiches Instrument öffentlicher Erbe-Mitverantwortung zur Unterstützung der Kirchengemeinden vor Ort. Dort mehrt sie den kostbaren Baustoff Hoffnung; denn wer baut, hat Hoffnung. Beispielhaft wird Beispielhaftes geleistet mit dem Ziel, den Kirchen das uns bekannte Schicksal der alten Windmühlen zu ersparen: Einst aller Orten für menschliches Leben unverzichtbar, inzwischen nur noch marginal vorhanden…

Also: Die Kirche muss im Dorf bleiben, auch in der Stadt! Ja es ist schon bemerkenswert, dass gerade diese Formulierung bis an die Stammtische vorgedrungen und Symbolismus unseres Sprachgebrauches geworden ist.

Spirituelle Kult-ur-orte,

Sich intensiv um unsere Kirchen zu mühen, dafür finden sich diverse kirchen-, orts- und kunstgeschichtliche Gründe. Bedeutsamer als alle diese ist aber: Die Kirchengebäude sind dem soli deo gloria gewidmet. Fast allerorten sind sie das bauliche und geistliche Opus magnum mit größter Überlieferungsdichte der abendländischen Kulturgeschichte. Sie sind Bedeutungskonzentrat! In den Kirchen wird jenes von Jesus benannte „Salz“ gesiedet und abgepackt, um auf den Tischen der Welt das „Du sollst“ bzw. „Du darfst nicht“ schmackhaft zu machen.

Kirchengebäude sind dem soli deo gloria gewidmet.

Unsere Kirchen sind also spirituelle Kult-ur-orte, auch Kulturorte. Symbolisch kommt ihnen die Funktion von Verschiebe- und Versandbahnhöfen, von Wechselstuben und Tankstellen zu. Sie bringen vermittlungswürdige Güter wie barmherzige Liebe, Lebenshoffnung, Solidarität, Dankbarkeit Richtung Gesellschaft auf den Weg, sogar Demokratieverständnis und Zukunftsverantwortung, zusätzlich herausgefordert durch den unsäglich die Ukraine überziehenden Krieg.

Im demütigen Gegenüber zu Gott befördern die Kirchen religiös-ethisch-mitmenschliche Verbindlichkeiten. Dafür stehen zahlreiche Bibelaussagen wie „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ oder „Nehmet einander an, so wie euch Christus angenommen hat“, und zwar brutto. Oder denken wir an das prägende Urbild vom barmherzigen Samariter.

Die Kirchen mahnen auch zum Schutz der durch uns Menschen gefährdeten Schöpfung. Wie nichtig wäre all unser fleißiges Bewahren kirchlicher Baudenkmäler, gelänge es nicht, den drohenden ökologischen Kollaps zu verhindern? Diese Nachdenklichkeit besorgt, weil das globale, ja sogar das kirchliche(!) Gemeinwesen noch immer geneigt ist, aus diesem Elefanten eine Mücke zu machen. Der Mensch, die Krone der Schöpfung, mutiert zunehmend zur Dornenkrone der Schöpfung.

Nutzung über Gottesdienste hinaus

Vieles spricht also dafür, mit unseren Kirchen entsprechend den uns von Jesus ins Bild gesetzten Pfunden zu wuchern, sie über die Gottesdienste hinaus intensiver zu nutzen. Dafür gibt es eine Fülle von Möglichkeiten, wohl wissend: Die Kirche ist offen für alle, aber eben nicht für alles.

Offen für alle, aber eben nicht für alles.

Beispiel: Jede Schulklasse sollte einmal im Jahr eine Stunde Unterricht in dem für pädagogische Anknüpfungen reichen Kirchenraum haben, und zwar im Geschichts-, Heimatkunde-, Religions-, Kunst- oder Musikunterricht. Warum soll „Am Brunnen vor dem Tore“ nicht einmal von der Orgelempore gesungen werden? Das umso mehr, weil die SchülerInnen kaum mit Religion vertraut sind und über 80% noch nie in einem Kirchraum waren, wiewohl das lateinische religio nichts anderes als Bindung bedeutet.

Oder – was spräche bei Maßgabe der Widmungsverträglichkeit dagegen, wenn in unseren Kirchenräumen auf dem Hintergrund christlicher Botschaft Künstler zu Wort kämen, Schriftsteller „predigten“, Politiker „verkündigten“? Ob Jesus uns nicht auf die Schulter klopfte mit dem Bemerken: Weiter so?! Denn die Kirche und ihr Sakralraum blieben sehr wohl das Bethaus.

Obendrein: Öffentlichkeit und öffentliche Hand werden sich umso bereitwilliger für das Bauwerk Kirche einsetzen, wenn dieses vielfältig über den Gottesdienst hinaus genutzt wird. Intensivierte Kirchenraumnutzung ist die entscheidende Voraussetzung auch dafür, alle Varianten völlig unerwünschter UM-Nutzungen – welch verharmlosendes Un-Wort! – von Kirchen in Kneipen, Werkstätten oder was auch immer oder gar die ultima ratio des aus Resignation resultierenden Abrisses zu verhindern. Wir dürfen unsere Kirchengebäude nicht voreilig dem Zeitgeist opfern!

Für die Zukunft

Den über sich selbst hinausweisenden Kirchengebäuden ist eine verlässliche Zukunft zu sichern, denn ihnen kommt eine zukunftssichernde Aufgabe zu. Wer wollte trotz des derzeitigen Anscheins ausschließen, dass die Kirche und damit die Kirchengebäude angesichts der sozialen und ökologischen Weltordnung, die de facto eine Welt-un-ordnung ist, erst noch vor ihrer größten historischen Herausforderung stehen?

Erhalten wir also den Ort Kirche, wo im Gottesdienst und in kirchengemeindlichen Veranstaltungen immer wieder in Verantwortung vor Gott Vergangenheit aufgearbeitet, Gegenwart diskutiert und über Zukunft nachgedacht wird in Jeremias Sinn: Suchet der Stadt, des Dorfes, der Welt Bestes. Allerdings – wir dürfen „nicht nur“ Kirchen, sondern wir müssen auch Kirche bauen helfen! Gehen wir’s weiter miteinander an!

Freilich – an Gottes Segen ist alles gelegen!


Buch zum Thema aus der Evangelischen Akademikerschaft

Erweiterte Nutzung von Kirchen – Modell mit Zukunft

Für viele Menschen – ob Kirchgänger oder nicht – ist der Verlust ihrer Kirche ein emotional besetztes Thema ist. Seit zwei Jahrzehnten gibt es eine Entwicklung, die mehrere tausend Kirchen bedroht durch Umwidmung, Verfall oder Abriss. Noch fehlt es in den beiden (noch) großen Kirchen an schlüssigen Konzepten zur Rettung bedrohter Gotteshäuser. Die Ergebnisse einer bundesweiten Tagung zu diesem Thema hat die Evangelische Akademikerschaft im Jahr 2008 in einer Dokumentation als 3. Band ihrer Schriftenreihe „Evangelischen Hochschuldialoge“ veröffentlicht.

 

Manfred Keller, Kerstin Vogel (Hg.): Erweiterte Nutzung von Kirchen – Modell mit Zukunft. Bd. 3 der Reihe Evangelische Hochschuldialoge. 272 S., 24,90 Euro
LIT Verlag, Münster.  ISBN: 3825813894

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