„Davon ich singen und sagen will“ Mit Musik Menschen erreichen

Auch in Zeiten der schwindenden Gottesdienstbesucher*innen füllt das „gesungene Gotteswort“ in Gestalt von Passionen und Oratorien die Kirchen. Wie gelingt es der Musik, die „frohe Botschaft“ in solch emotionaler und lebendiger Weise zu kommunizieren?

Dass Musik die Türen der Seele öffnet und ein großes Spektrum an Gefühlen auslösen kann, ist sowohl unter therapeutischen Experten als auch unter musikbegeisterten „Amateuren“ kaum strittig. Neurologen sprechen von sog. „thrills“ und meinen damit ein feines, nervöses Zittern, welches durch intensive Gefühle oder Erregung (Freude, Angst etc.) verursacht wird und ein leichtes Schauern oder Kribbeln durch den ganzen Körper schickt, wenn Musik vernommen wird. Musik ist ein Medium, das nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz, mithin den ganzen Menschen anspricht. Luther sprach deshalb auch von der Musica als einer „Regiererin des menschlichen Herzens“ (Weimarer Ausgabe 50, 370).

Dazu braucht es eine elementare Fähigkeit: Musik gehört gehört. Musik kommt im Ohr zur Welt. Hat sie damit eine Nähe zum Prophetischen, ja vielleicht sogar zum Evangelium? Man denke nur an das prophetische Wort aus Jesaja 55 „Höret, so werdet ihr leben!“

Singen ist elementarer Ausdruck menschlichen Daseins

Musik tut uns Menschen gut, ja, sie macht unser Menschsein zu einem guten Stück aus. Das gilt besonders für das Singen: Wie Essen und Trinken, Lachen und Spielen, Dichten und Denken, Lieben und Feiern gehört es zum menschlichen Leben in seinem Allein-Sein und in seinem Mit-Anderen-Sein. Singen fördert die Integration verschiedener Gehirnareale, namentlich von Sprach- und Hörzentrum. Denken und Fühlen, rhythmische Aktivität und klangliches Erleben werden verbunden.

Worin besteht die Spezifik menschlichen Singens? Stimmklang, Tonhöhe bzw. Melodie, Harmonie und Rhythmus der Musik gehen mit der Sprache eine intime Verbindung ein und schaffen so den ästhetischen Idealfall: die Synthese von Sprache und Klang. Beim Singen wird nicht nur Klang, sondern auch eine Botschaft vermittelt, und die reine Rede durch den Klang sinnlich transzendiert. Singen ist also ein ästhetisches Kommunikationsgeschehen. Die Verbindung von Gesang und Wort ist eine Grundvoraussetzung für die hermeneutische Qualität der Vokalmusik. Singen ist daher (fast) immer auch ein Bildungsgeschehen. Zugleich kommt diese besondere Ästhetik auch in religiösen Dimensionen zum Tragen: Singen kann Gott schöner verherrlichen als bloße Worte und deutlicher von ihm künden als reiner Klang. Als Vokalmusik zur Verherrlichung Gottes kommt die Musik an ihr höchstes Ziel.

Kommunikation des Evangeliums

Das Evangelium selbst ist ein klingendes Wort und hat daher eine hohe Affinität zur Musik. In seiner Vorrede zum Septembertestament (1522) schreibt Luther (WA Vorreden NT, 6.2): „Evangelion ist ein kriechisch Wort, und heyst auf deutsch gute botschaft, gute mehr, gute neuzeytung, gutt geschrey, davon man singet, saget und fröhlich ist.“ Der frohen Botschaft (Gehalt) entspricht eine schöne und ansprechende Form der Mitteilung (Gestalt). Eines der am häufigsten angeführten Bibelworte zur Begründung geistlicher Musik außerhalb der Psalmen ist Kolosser 3,16. Man kann es geradezu als „Einsetzungswort“ der Kirchenmusik begreifen.

Lasset das Wort Christi reichlich unter euch wohnen,
lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit
mit Psalmen, Hymnen und vom Geist inspirierten Liedern,
singt Gott dankbar in eurem Herzen.

Die Kirchenmusik hat, so verstanden (vgl. auch die Parallele in Epheser 5,19, die auch der Instrumentalmusik ihr Recht gibt) zentralen Anteil an der Verkündigung der Kirche. Treffend bemerkt Luther: „So predigt Gott das Evangelium auch durch die Musik.“ (WA Tischreden I, 1258). Geistliche Musik ist demnach nicht nur Antwort auf Wortverkündigung und Sakrament, sondern selbst prominentes Werk und Werkzeug zur Anrede der Gemeinde. Dies geschieht im besten Sinne des Wortes „untereinander“, d.h. auf der Augenhöhe des Priestertums aller Getauften. Prominentestes Medium dafür ist das Lied der Gemeinde, wie Luther es etwa mit seinem reformatorischen Hauptlied Nun freut euch, liebe Christen g’mein geschaffen hat (EG 341).

Ein breiter Traditionsstrom evangelischer Kirchenmusik kennt diese kerygmatische Dimension. Unter den Kirchenliedern seien exemplarisch Vom Himmel hoch (EG 24) und Erstanden ist der Heilge Christ (EG 105) genannt. Eine ganze Rubrik des Evangelischen Gesangbuchs enthält biblische Erzähllieder, viele davon stammen aus dem 20. Jh. Sie sind oft unmittelbar als Zusage formuliert.

J.S. Bach selbst hat sich zur Bedeutung der gottesdienstlichen Musik selten, aber dafür prononciert geäußert. So schrieb er an den Rand seiner Bibel zu 2. Chronik 5,13, wo berichtet wird, wie der Tempel Salomos mit aufwändiger vokaler und instrumentaler Musik von verschiedenen „Ämtern“ (Priester, Leviten) unter Beteiligung des ganzen Volkes eingeweiht wird: „Bey einer andächtigen Musique ist Gott allezeit mit seiner Gnaden = Gegenwart!“

Hoffnung für die Welt

Was bringt uns dazu, dieses klingende Wort Christi in seinem ganzen Reichtum musikalisch zu verbreiten? Luther setzt in seiner Vorrede zum Babstschen Gesangbuch (1545) – also kurz vor seinem Tod – einen dezidiert österlichen Akzent: „Singet dem Herrn ein neues Lied. Denn Gott hat unser Herz und Mut fröhlich gemacht durch seinen lieben Sohn, welchen er für uns gegeben hat zur Erlösung von Sünden, Tod und Teufel. Wer solches mit Ernst glaubt, der kann’s nicht lassen, er muss fröhlich und mit Lust davon singen und sagen, dass es andere auch hören und herzukommen“ (WA 35,477). In Christus feiert die Kirche das Ende der Herrschaft des Bösen. Im Gesang der „Erlösten“ wird etwas von der Gewissheit und Freude deutlich, die einen Menschen erfasst, der dem Machtbereich des Todes entkommen ist.

Wie kein anderes Medium ist die performative Kunst des gesungenen Wortes dazu geeignet, das Evangelium von Jesus Christus als frohe Kunde lebendig zu machen und damit menschliche Herzen zur Freude zu bewegen. Wo Christen das österliche Lied der Hoffnung lustvoll anstimmen, da ist Kirche nicht nur erkennbar, sondern auch attraktiv: als singende Kirche leben wir kommunikative (missionarische) Zuwendung zur Welt und werden zu Boten der Hoffnung.

Auswirkungen für Bildung und Seelsorge

Mit dieser verkündigenden Dimension geht zugleich eine pädagogische und eine seelsorgliche Aufgabe einher. Früheste Berührungen mit musikalischer Verkündigung geschehen, biographisch gedacht, etwa mit den ersten gehörten und gesungenen Tönen im Kindergarten, Kinderchor oder auch im Kindergottesdienst. Kindertagesstätten und Singschulen leisten an dieser Stelle eine wichtige Basisarbeit, die oft mit einer geistlichen „Alphabetisierung“ einhergeht. Dazu gehört u.a. das Erleben des Kirchenjahrs und seiner Feste, aber auch eine Grundlegung biblischer Erzählungen. Eine neue Initiative sei hier besonders erwähnt: Die Initiative Lalelu-JA bietet als Angebot des Ev. Chorverbands Niedersachsen-Bremen die exzellente Möglichkeit einer ganzheitlichen Fortbildung für das Singen mit Kindern (vgl. www.ecnb.de).

Melanchthon hat die Aufgabe schon 1544 so beschrieben: „Deshalb lasst uns dem Beispiel derer folgen, die die Musik nicht verachten, ja, mehr noch, lasst uns den Eifer zum Singen anfeuern und die Jugend und das Volk durch beispielhafte und liebliche Lieder einladen, damit sie durch musikalische Beschäftigung zum Nachdenken über Gott entflammt werden“ (Vorrede vom 25.12.1544 zu Georg Rhaus „Officia de nativitate“ zit. nach Christian Möller (Hg): Kirchenlied und Gesangbuch, Tübingen 2000, 123).

Im Bereich von Therapie und Seelsorge hat die Einsicht in die Bedeutung des Singens deutlich zugenommen. Wir wissen, dass durch das Singen von Liedern die Wiedererinnerung an glückliche Momente und die Wiederkehr von Glücksgefühlen wesentlich gefördert werden. Dadurch wird die Resilienz in Krisensituationen gestärkt. Es scheint mir nicht übertrieben zu behaupten, dass Gesang, verbunden mit persönlicher Zuwendung, zu einem echten Trostfaktor werden kann, der übrigens auch aktiv bei der Sterbebegleitung „eingesetzt“ werden kann.

In meiner eigenen Seelsorgepraxis habe ich an mehreren Stellen mit Sterbenden gesungen und gespürt, wie z.B. bei dem Choral Befiehl du deine Wege (EG 361) Menschen nochmals wach wurden oder Reaktionen zeigten. Der Händedruck oder die kurzen Blicke waren für mich selbst eine großartige Erfahrung und – so hoffe ich – für die sterbenden Personen auch. Viele Einsichten aus der Musiktherapie bzw. aus der Seelsorgelehre und -praxis lassen sich hier übertragen, müssten aber – dies ist sicher – noch besser reflektiert und situativ ausdifferenziert werden.

Fazit

So bleibt es unsere zentrale Aufgabe, traditionelle geistliche Gesänge und musikalische Literatur zu pflegen und zugleich aber auch neue Lieder aus unterschiedlichen Genres zu erlernen, die uns an wichtigen Stellen des Lebens begleiten und mit Gott (wieder) in Kontakt bringen können. Wenn der Same gar nicht mehr gelegt wird, dürfte es zumindest schwierig sein, in kritischen Situationen durch Musik und Gesang Halt, Trost und Orientierung zu bekommen.

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