Kübra Gümüsay: Sprache und Sein

Hanser 2020, 208 S., 18,00 EUR, e-Book 13,99 EUR

Sprache ist mächtig. Manchmal genügen wenige Worte, um das Gegenüber in ein unentrinnbares „Sprachgefängnis“ zu sperren. Die Journalistin Kübra Gümüsay sucht mit ihrem Buch nach einer Sprache, mit der wir uns gegenseitig nicht kategorisieren, sondern respektvoll austauschen und im Diskurs gemeinsam weiter entwickeln können.

Sie fragt: Wie viele Bürger leben unter uns, die gerne wahrgenommen würden als Architektin, Tischlerin, Vater, Mutter, politische Aktivistin und oder Fußballfan…, die aber kategorisiert werden mit dem Begriff „Muslime“ oder „Zugewanderte“? „Stellen Sie sich vor, dass solche Erfahrung nicht auf… vorübergehende Situationen beschränkt bleibt, sondern ein Leben lang anhält?“ So eine Sprache demütigt, weil sie die Benannten ihrer Vieldeutigkeit beraubt und deren Perspektiven nicht einbezogen werden. Gümüsay denkt die anstehenden Veränderungsprozesse durchweg politisch: Die Sprache eines Landes verändert sich durch Teilhabe. Durch Orte und Gelegenheiten, an denen mehrere Perspektiven „laut“ werden – mal „zweifelnd, nachdenklich, hinterfragend, mal laut, mal leise – und immer mit Wohlwollen“.

Das Buch ist viel mehr als ein sprachwissenschaftlicher Essay. Gümüsay fordert in einer Zeit oft hasserfüllter Diskurse alle zum Handeln auf: So kritisiert sie bezogen auf die AfD die Medien, die in hunderten von Sendungen den von dieser Partei propagierten Rassismus „zur Meinung erkoren hat“. Dabei gerieten die wirklich wichtigen Fragen aus dem Blick.

Kübra Gümüsay bietet eine Perspektive auf unterschätzte gesellschaftliche Konflikte. Ihre Sprache ist persönlich, entlarvend und konstruktiv zugleich. Das Buch hat in nur fünf Monaten sechs Auflagen erreicht.

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