Joachim Bauer: Wie wir werden, wer wir sind Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz

Blessing 2019, 255 S., geb. 22,00 EUR

„Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: ›Sie haben sich gar nicht verändert. ‹ ›Oh!‹ sagte Herr K. und erbleichte.“ Dieser Mini-Dialog aus einer von Bert Brechts Kalendergeschichten kann einem schnell in den Sinn kommen, steigt man in die Lektüre von Bauers Buch ein. Es befasst sich nicht nur mit der Frage, wie der Säugling zu seinem Selbst kommt, sondern erklärt auch auf neurowissenschaftlicher Grundlage, warum ein Erwachsener mit hellen Sinnen und wachem Verstand zeitlebens mit der Komposition seiner Identität beschäftigt ist. Wegen der Plastizität unseres Gehirns, der Möglichkeit, dass sich unsere neuronalen Netzwerke verändern, eben auch wachsen können, ist ein Selbst-“Abschluss“ weniger eine Frage des Alters als der sozialen Offenheit eines Menschen. Wer sich neuen Erfahrungen verschließt, bringt sich um das Wachstum seines Selbst, friert seine Identität an einem bestimmten Punkt ein – der zum Erbleichen sein könnte.

Bauers Untersuchungen sind eine Absage an einen Biologismus, der die innere Entwicklung und Reifung eines Menschen weitgehend an seine genetische Ausstattung delegiert. Der zufolge würde ein Kind sich den Anlagen seiner „Natur“ gemäß wie von selbst entwickeln, wenn es ausreichend versorgt wäre. Doch der Mensch kommt ohne ein Selbst zur Welt. Welche Bedeutung für dessen Entwicklung vom Moment der Geburt an das zugewandte Du, das aufmerksame und einfühlsame Gegenüber der Eltern oder anderer enger Bezugspersonen hat, erläutert Bauer mit dem Begriff der Resonanz.

Innere Haltungen, absichtsvolles Verhalten, Gedanken, Gefühle und sprachliche Äußerungen, kurz: Geist, Information, Kommunikation, wirken auf den biologischen Körper ein. Das neuronale Netzwerk, auf dem der Geist „reiten“ kann, ist das neuronale Selbstsystem mit Sitz im Stirnhirn. Es reift aus in dem Maß, mit dem der Säugling aus seiner sozialen Umwelt mit den genannten geistigen Impulsen aufgeladen wird, zu denen er seinerseits in Resonanz geht. „Selbst-Teilstücke“ der Bezugsperson(en) „werden zum Material, aus dem sich ein Kind ein Selbst bilden wird“ (S. 26). Mit anderen Worten: Der Mensch entwickelt einen Ich-Sinn, eine Identität, über einen ständigen emotionalen und sprachlichen Dialog mit einem fördernden Du. Und dieser Prozess kann ein Leben lang dauern und enthält die Chance der – (Selbst-)Veränderung.

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