Ausgefallener Segen Volksfrömmigkeit im Berchtesgadener Land

Im Berchtesgadener Land pflegen die Menschen ihre Traditionen. Wer Ruhe sucht, ist hier richtig. In der katholisch geprägten Region stoßen Evangelische auf ungewohntes religiöses Brauchtum.

Holzhausen ist ein kleines Dorf mit 150 Einwohnern in der Marktgemeinde Teisendorf am nördlichen Rand des Landkreises Berchtesgadener Land. Kirche und Wirtshaus prägen das Leben im Dorf bis heute. Es ist ein landwirtschaftlich geprägter Landstrich. Durch die Nähe zu Salzburg und den Alpen eignet sich die Gegend für Urlauber, die Ruhe suchen.

Großereignis Leonhardiritt

Jedes Jahr an Pfingsten wandelt sich jedoch das Bild: Tausende Besucher finden sich in der kleinen Ortschaft zu einem einwöchigen Treiben ein, in dessen Mittelpunkt der Leonhardiritt steht. Hunderte von Reiter*innen ziehen am Leonhardikircherl vorbei und lassen sich den Segen spenden, damit das Jahr wieder gut und gesund verläuft. Dieses Jahr musste das Großereignis zum Pfingstfest allerdings wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden. Es wäre das 49. gewesen.

Leonhardiritte haben in Bayern Tradition. Normalerweise finden sie im November statt. Laut Internet-Lexikon Wikipedia ist „die Leonhardifahrt oder der Leonhardiritt eine Prozession zu Pferde, die zum Brauchtum in Altbayern und Westösterreich zählt. Sie findet zu Ehren des heiligen Leonhard von Limoges (6. Jhd.) an seinem Gedenktag, dem 6. November, oder einem benachbarten Wochenende statt. Einige Dörfer in Bayern feiern Leonhardi auch im Sommer“.

Wechselvolle Geschichte

In Teisendorf fällt der Termin auf Pfingsten. Die Geschichte des Festes beginnt mit einem Bittgang des Priesters im Jahr 1612. Dieser ist im Rechnungsbuch des „lobwürdigen Gotshauses des Heiligen Chreuzes zu Holzhausen Teysendorffer Pfarr“ zu finden, weil dort eine Entlohnung des Priesters verzeichnet ist. Aus dem einfachen Bittgang entwickelt sich im Laufe der Zeit ein Ritt. In einem Eintrag 1682 heißt es: „Als man mit dem Kreuz allhero geritten ist“. Der Leonhardiritt war geboren, der zunächst auf den Pfingstdienstag und später auf den Pfingstmontag verlegt wurde. 1715 wurde der heilige Leonhard vom Nebenpatron zum Hauptpatron der Kirche.

Trotz Verboten im 18. Jahrhundert und den Unterbrechungen in den beiden Weltkriegen, kam der Ritt nicht zum Erliegen, sondern erlebte in den 50er Jahren eine erneute Blüte. Die Reiter sammelten sich, um gemeinsam zum Ritt nach Holzhausen aufzubrechen. In den 1960er Jahren reduzierte sich der Pferdebestand wegen der zunehmenden Motorisierung in der Landwirtschaft drastisch. Die Teilnahme am Ritt ging so stark zurück, dass die Verantwortlichen Anfang der 1970er Jahre erwogen, den Ritt nur alle zwei Jahre stattfinden zu lassen.

Neuaufleben der Tradition

Heute ist die Anziehungskraft wieder so stark geworden, dass alljährlich mehr als 300 Rösser nach Holzhausen kommen Die Reiterinnen, Reiter und Fuhrleute ziehen an der Kirche den Hut und erhalten den Segen „für ein hoffentlich gutes, unfall- und krankheitsfreies kommendes Jahr“. Im Jubiläumsjahr 2013 war sogar ein Zehner-Zug der Kaltblut-Zuchtgenossenschaft Berchtesgadener Land dabei. Der Ladspruch lautet: „Lasst uns wie zu Väters Zeiten am Pfingstmontag nach Holzhausen reiten. Gottes Segen ist uns gewiss, Garant dafür St. Leonhard ist!“

Um die Organisation besser gewährleisten zu können, gründete sich 1950 die Holzhauser Leonhardivereinigung, aus der 1973 die Leonhardigilde e.V. hervorging. Zum Einsatz beim Fest kommen zehn eisenbereifte vereinseigene Wagen, um die Miniatur des Leonhardikirchels, den heiligen Leonhard oder die Bauernheiligen Notburga und Isidor. 1972 wurde zum ersten Mal auf Betreiben von jungen Holzhausern ein Bierzelt aufgebaut, um die Gäste zu bewirten. Schon 1975 wurde das Fest auf eine Woche ausgedehnt.

Von der Prozession zum Volksfest mit Feldmesse

Eine der treibenden Kräfte in der Leonhardigilde war Alt-Landrat Martin Seidl. Der CSU-Politiker stand 40 Jahre lang an deren Spitze, seit ihrer Gründung. Schon sein Vater war erster Vorsitzender des Leonhardivereins. Seidl war es immer wichtig, dass die Tradition lebendig bleibt“. Stolz ist er darauf, dass der Ritt auch in den Kriegsjahren, außer 1945, stattfand. Er räumt ein, dass aus dem Ritt mit religiösem Ursprung heute eher ein Volksfest geworden ist. Trotzdem möchte er das Fest nicht missen, bei dem auch eine Feldmesse abgehalten wird, „wie es sich in Bayern gehört“. Der Bischof und der Erzabt von Salzburg haben auch schon teilgenommen.

Seidl ist selbst in Holzhausen aufgewachsen. Er hatte eine große Milchwirtschaft betrieben. Von den zwölf Bauern im Ort hat heute gerade mal die Hälfte Kühe. Auch Seidl hat die Milchwirtschaft aufgegeben und ein Kurheim betrieben. Denn eines kann man hier sicher finden: Ruhe und Erholung. „Wir leben in einer Gegend, um die uns viele beneiden“, meint Seidl. Einerseits sei die Nähe zu Salzburg attraktiv, andererseits könne man die ländliche Ruhe genießen. Es ist ein Landstrich, in dem es viel zu viele Kapellen gebe in einer katholisch geprägten Gegend, meint Seidl. Evangelische waren früher hier die Ausnahme. Damals wusste man, dass die Evangelischen im Krieg Evakuierte aus München waren.

www.pfingstfest-holzhausen.de

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