„So weit sind wir wirklich gekommen!“ Die gemeinsame Geschichte der Reformation

Auf der Festveranstaltung des Landes Rheinland-Pfalz zum Reformationsfest 2017 zog der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse eine Bilanz des Reformationsjubiläums. Wir dokumentieren eine gekürzte Fassung seiner Rede; der vollständige Text findet sich unter www.thierse.de.

Lassen Sie mich mit einer persönlichen Vorbemerkung beginnen: Ich bin weder Historiker noch Theologe, ich bin nicht einmal evangelisch. Es war also eine durchaus mutige Entscheidung, ausgerechnet mich zum 500. Reformationsjubiläum sprechen zu lassen. Das erfüllt mich jedenfalls mit Erstaunen und Bewegung. Denn ich bin aufgewachsen als Katholik in einem damals fast noch stockprotestantischen Teil Deutschlands, in Thüringen (einem Lutherland) – ich bin aufgewachsen mit all den Fremdheiten zwischen den Konfessionen, mit den (evangelischen) Vorurteilen gegen die Katholiken, gegen die man die eigenen (katholischen) Vorurteile mobilisierte. Die Nachwirkungen einer 400-jährigen Spaltungsgeschichte waren noch ganz alltäglich gegenwärtig: „Die Katholiken sind falsch…“ – wie oft habe ich das damals gehört, wie oft hat mich das verletzt!

Und nun stehe ich hier als katholischer Christ aus der ostdeutschen Nachbarschaft und soll eine Festrede zum 500. Jahrestag des Lutherschen Thesenanschlags halten. So weit ist es also gekommen! So weit sind wir – noch immer konfessionsverschiedenen – Christen gekommen! Dass das doch wirklich nichts mehr Sensationelles oder Befremdliches ist – so weit sind wir wirklich gekommen!

Wir haben nämlich – so hoffe ich -, so glaube ich – viel miteinander gelernt: Von und über Martin Luther in der ihm gewidmeten Dekade und am Ende dieses Jahres der besonderen Erinnerung an den Beginn der Reformation vor 500 Jahren.

Wir sind Kinder der Reformation

Die Reformation war gewiss zunächst und vor allem ein einschneidendes und folgenreiches kirchengeschichtliches Ereignis. Dessen Wirkungen aber betrafen und betreffen nicht nur die Kirchen, sondern sie sind von allgemeingeschichtlicher, sowohl kulturgeschichtlicher wie national- und weltgeschichtlicher Art. Deshalb geht das Reformationsjubiläum nicht nur die Christen an, sondern auch Andersgläubige und Nichtgläubige: Wir alle, besonders in Deutschland, aber auch in Europa und in vielen Teilen der Welt, wir alle sind Kinder der Reformation!

Wie sähe unsere deutsche Kultur und Literatur aus (um damit zu beginnen) ohne die Kultur des evangelischen Pfarrhauses, ohne den Beitrag Luthers zur Entwicklung der deutschen Sprache! Seine Bibelübersetzung – jetzt spricht der Germanist aus mir – ist und bleibt unübertroffen. Das zeigen alle neuen Versuche moderner, zeitgemäßer oder gendergerechter Übersetzung auf gelegentlich sogar peinliche Weise. Wie wäre unsere Geschichte verlaufen ohne den Beitrag der protestantischen Ethik zur Lebens- und Wirtschaftsordnung unserer Gesellschaft! (…)

Angesichts des weltgeschichtlichen Folgenreichtums der Reformation darf nicht vergessen oder verdrängt werden, dass sie ein vor allem religiös verursachtes und bestimmtes Ereignis gewesen ist. Zunächst ein Protest – gegen Ablasshandel, gegen das Papsttum. Sodann die Neubegründung christlicher Religion – solus christus, sola scriptura, sola gratia, sola fide. Was Luther mit dieser Wendung gelingt, bezeichnet der Historiker Heinz Schilling als „Reimplantation von Religion und Glauben in den europäischen Prozess der Zivilisation“. Luther sei so „Garant neuzeitlicher Religiosität“ geworden.

Luther und die Reformation sind inzwischen längst Teil auch der Geschichte der katholischen Kirche geworden, sie haben auch die katholische Kirche nachhaltig verändert. Luther ist wirklich nicht mehr nur euer Eigentum, liebe evangelische Schwestern und Brüder! Er gehört der gesamten Christenheit! Das ist keine entschädigungslose Enteignung, versichere ich euch. (…)

Wir wissen heute also genauer, dass die 500-jährige Geschichte der Reformation die gemeinsame christliche Geschichte ist – im Bösen wie im Guten, im konfessionellen Zwist und Streit, im Hass und in Gewalttaten – aber auch im Guten, in den immer wieder neuen Versuchen der Versöhnung, des Suchens nach der Wahrheit. Ich zitiere noch einmal Heinz Schilling: „So war der Weg zu Toleranz, Pluralismus und modern verstandener Freiheit begleitet von Fundamentalfeindschaft, abgrundtiefem Hass, zynischer Menschenverachtung und grausamer Gewalt“. Und es dauerte Jahrhunderte bis das „Tor zur befriedeten Multikonfessionalität“ aufgestoßen werden konnte.

Das Geschenk der Religionsfreiheit

So wie wir der Reformationstheologie – Melanchthon vor allem – die deutlichere Unterscheidung von Religion und Politik verdanken, so verdanken wir der Reformation auch eine andere weitreichende Konsequenz: Der Luther- Effekt (so der Titel einer Ausstellung in Berlin) – nämlich konfessionelle Differenzierungen und Kämpfe – erzwangen und ermöglichten (beides gilt) die religiös-weltanschauliche Neutralität des Staates und damit die individuelle Religionsfreiheit. Ein großes Geschenk! Dessen umfassende Verwirklichung in Europa und im Westen hat gewiss Jahrhunderte gedauert. Aber die durchaus widersprüchliche Geschichte der religiösen Freiheit hat doch mit Luther und der Reformation einen entscheidenden Anstoß erhalten. (…)

Der weltanschaulich neutrale Staat bleibt auf Menschen angewiesen, die sich nicht neutral verhalten.

Der Staat unseres Grundgesetzes ist religiös-weltanschaulich neutral und ermöglicht so die Religionsfreiheit seiner Bürger. Er ist also kein säkularistischer oder laizistischer Staat, also auch kein Staat, der einen säkularen Humanismus vorzieht oder fördert und Religion aus der Öffentlichkeit verdrängt (wie das nicht wenige angesichts des Islam und der Muslime in unserem Land sich wünschen). Der moderne Staat ist säkular nicht dadurch, dass er Religion ausschließt, sondern dadurch, dass er die Koexistenz einer Vielfalt religiöser wie a-religiöser Überzeugungen ermöglicht und die Bürger dazu einlädt, aus ihrer jeweiligen Überzeugung heraus und nach gemeinsamen Regeln subsidiär zusammenzuwirken, also über religiöse und kulturelle Unterschiede hinaus gemeinsam das soziale, kulturelle und politische Leben zu gestalten. Diese Einladung auszuschlagen, ist für Christen nach der Reformation schlicht undenkbar, sie gilt ebenso auch für Juden, Muslime, Atheisten, Agnostiker. Der weltanschaulich neutrale Staat bleibt eben auf Menschen angewiesen, die sich in Weltanschauungs- und Religionsfragen nicht neutral verhalten – die sich aber ausdrücklich auf Fairness und Friedfertigkeit im Verhältnis zueinander verpflichten lassen!

Das ist unser religionsverfassungsrechtlicher Rahmen, von dem ich meine, dass er ein geeigneter, zukunftsfähiger Rahmen ist für die Herausforderungen von Religion und Weltanschauung in wachsendem Plural – angesichts offener Grenzen, angesichts von Globalisierung und angesichts von Migrationsbewegungen.

Die herbe Tugend der Toleranz

Diesem Rahmen entspricht als individuell angemessenes Verhalten die herbe Tugend der Toleranz. Sie ist anstrengend, weil sie eben nicht bloß laissez faire, Indolenz, Desinteresse, Gleichgültigkeit, Beliebigkeit meint. Bei der Toleranz als einer Tugend der praktischen Vernunft geht es um die schwierige Verbindung von eigenem Wahrheitsanspruch mit der Anerkennung des Wahrheitsanspruchs des Anderen. Das müssten wir doch aus der Reformation und ihren Folgen, den bitteren Glaubenskriegen, endgültig gelernt haben! Und wir müssen es immer wieder neu lernen – auch dazu verpflichtet uns das Reformationsjubiläum. Toleranz als Respekt vor den Anderen, von mir Unterschiedenen ist Strukturprinzip eines lebbaren Pluralismus und Zentrum einer gelebten Kultur gleicher Lebens- und Freiheitsrechte in einer widersprüchlichen und in jeder Hinsicht bunten Gesellschaft.

Die Kirchen haben eine bittere Lerngeschichte in Sachen Toleranz und Freiheit hinter sich.

Die Kirchen, die Christen sollen und können dazu einen gewichtigen Beitrag leisten. Denn gerade die Kirchen haben ja seit der Reformation einen höchst mühevollen Erfahrungsprozess, eine bittere Lerngeschichte in Sachen Toleranz und Freiheit hinter sich. Nämlich: Zu lernen, auf politische Macht oder gar Gewalt zu verzichten zur Durchsetzung des eigenen Wahrheitsanspruchs, sich des Missbrauchs von Religion zur Begründung von Gewalt zu erwehren und ihm energisch zu widersprechen – ohne an Leidenschaft, an Überzeugungskraft zu verlieren und eine „lauwarme Religion“ werden zu müssen. An diese Lerngeschichte zu erinnern und heute zu zeigen, ja zu beweisen, dass und wie Toleranz und Freiheit praktisch gelebt werden können – dies, meine und hoffe ich, ist und bleibt der Sinn des Reformationsjubiläums.

Wie weit trägt die neue Nähe?

Und genau dies macht die Erinnerung an die Reformation wichtig – für die ganze Gesellschaft! Noch nie waren Protestanten und Katholiken so nah beieinander wie in diesem Jubiläumsjahr 2017. (…) Anfängliche Skepsis und das Misstrauen, das Jubiläum solle der Profilierung der einen Kirche zu Lasten der anderen dienen oder, im Gegenteil, das eigene Profil könne verundeutlicht werden – diese Skepsis hat keine Bestätigung gefunden. In diesem Jahr war sogar nicht mehr so laut zu hören: Die evangelische Kirche sei – so eine programmatische Selbstbeschreibung vor einigen Jahren – die „Kirche der Freiheit“, womit meine katholische Kirche zu einer Kirche der Unfreiheit abgestempelt war. Es tat gut, solche – falsche – konfessionelle Entgegensetzung nicht wieder zu vernehmen.

Ist also „alles in Butter“? Haben wir es mit mehr zu tun als mit einem Überschwang, der dem Jubeljahr geschuldet ist? Mit einer Euphorie, die schnell wieder verglüht, wenn der prosaische kirchliche Alltag einsetzt? Die beiden Kirchenchefs in Deutschland – Bischof Bedford-Strohm und Kardinal Marx – schreiben: „Die beiden großen christlichen Kirchen haben die Weichen dafür gestellt, das Gedenken an 500 Jahre Reformation nicht als Abgrenzung, sondern als Ausgangspunkt für weitere Schritte auf dem Weg zur sichtbaren Einheit zu nehmen“. Und sie betonen: „2017 ist deshalb kein Schlusspunkt, sondern setzt einen Doppelpunkt in der Ökumene“.

Ökumenische Ungeduld

Ich möchte sie beim Wort nehmen. Denn ich bin unzufrieden. Ich verspüre ökumenische Ungeduld – gerade auch am Ende dieses Reformationsjubeljahres. Denn: Es eint uns doch mehr als uns trennt! Und vor allem: Dieses Reformationsjubiläum hat uns doch überdeutlich vor Augen geführt, dass Luther eine Reform der Kirche wollte, und dass die Gründe – die theologischen wie die politischen – die damals zur Kirchenspaltung führten, heute nicht mehr Gültigkeit beanspruchen können. (…)

Ökumene ist nicht nur Sache der Theologen und Kirchenleitungen

Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft werden nicht gestärkt, sondern geschwächt durch Differenzen im Kirchen- und Amts- und Sakramentenverständnis, die die meisten Christen nicht verstehen und Nichtchristen schon gar nicht. Ich weiß, diese Feststellung, der Apell zu ihrer Überwindung lässt diese Differenzen nicht verschwinden, da ist noch viel ernsthafte theologische Arbeit und Reflexion notwendig. Aber der Gedanke ist doch wohl angemessen, dass Ökumene nicht nur Sache der Theologen und Kirchenleitungen ist und sein darf, sondern in den Gemeinden gelebt und also von unten vorangebracht werden muss. Seien wir evangelische und katholische Christen also neugieriger aufeinander, von Gemeinde zu Gemeinde, machen wir einfach mehr miteinander, begreifen wir, dass die Zukunft der Ökumene, ja der Kirche, Sache jedes einzelnen Christen ist, dass die „Freiheit eines Christenmenschen“ ganz in Luthers Sinn gefragt ist. (Und nutzen wir Katholiken die Chance, mit Franziskus einen Papst zu haben, der durchaus Luther’sche Qualitäten hat.)

Die Bedeutung der Ökumene für die Zukunft der Gesellschaft

Wie diese ökumenische Geschichte weiter geht, wie sie ausgeht, das ist von weitreichender Bedeutung für unsere Gesellschaft, unser Gemeinwesen insgesamt. Denn so sehr unser Land säkularisiert erscheint, so sehr es gerade auch in kultureller und religiös-weltanschaulicher Hinsicht vielfältig und widersprüchlich ist und weiter werden wird – so sehr sind und bleiben doch Christen und Kirchen ein prägender Teil dieses Landes. Über 60 Prozent der Bürger gehören zu einer der christlichen Kirchen. In den mehr als 25.000 Gemeinden versammeln sich Woche für Woche Millionen Menschen: 3,5 Millionen gehen durchschnittlich am Wochenende in einen Gottesdienst (das sind übrigens achtmal so viel, wie am Wochenende Bundesligaspiele besuchen). Das sollte man nicht geringschätzen. Und auch weit über Kirchenzugehörigkeit und Kirchenbindung hinaus gibt es eine breite Aufmerksamkeit und Akzeptanz für das, was Kirchen und Christen sagen und tun, was sie als Überzeugungen und Werte vertreten und praktizieren. Sie leisten – gewiss nicht sie allein aber sie doch auch – einen unersetzlichen Beitrag zum Gelingen unseres Zusammenlebens, zum Zusammenhalt einer konfliktreichen und widersprüchlichen Gesellschaft. (…)

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