Als Lebensmittel besteht die Literatur nicht nur aus Kalorien, sondern auch aus Vitaminen und Spurenelementen. All diesen wichtigen Inhaltsstoffen und ihrer Bedeutung für das Seelenleben von Kindern und Erwachsenen spürt der Autor nach.
Ich erinnere mich noch genau. Sechs Jahre war ich und gerade in die Schule gekommen. Ich saß auf einem Sessel in unserem Wohnzimmer und las aus meinem ersten Schulbuch, während sich meine Mutter zu einem verdienten Nickerchen auf die Couch gelegt hatte. Ich störte sie wohl ein bisschen, denn es wollte mir nur gelingen, die Geschichte laut vorzulesen. „Versuche mal, leise zu lesen“, bat sie mich. Das war nicht leicht. Ich musste mich sehr anstrengen, senkte die Stimme, fing an zu flüstern, bis es schließlich gelang. Die Sache verblüffte mich. Ich hatte meine innere Lesestimme entdeckt. Ich konnte mich hören, ohne etwas zu sagen. Mir gelang es plötzlich, mit den Augen zu hören.
Vom Zauber und der Macht des Lesens
Ein seltsames Phänomen, wenn man es recht bedenkt. Beim Lesen nutzen wir statt der Ohren einen anderen Sinneskanal, verschriftlichte Worte werden zum Klingen gebracht. Mindestens so verblüfft war ich, als ich kurz darauf eine junge Frau dabei beobachten konnte, wie sie mit den Händen las. Die Frau war blind und fuhr mit den Fingern über eingestanzte Zeichen. Nicht nur mit den Augen kann man eine innere Stimme ertönen lassen, sondern auch mit unserem Tastsinn. Was für ein Zauber!
Intuitiv spürte ich die Macht, die vom Lesen ausging. Wann immer ich es wollte, konnte ich mir etwas mit Hilfe der Literatur erzählen lassen. Ich war nicht mehr auf einen anderen Menschen angewiesen, nicht darauf, ob die Mutter Zeit hatte, mir etwas vorzulesen oder etwas zu erzählen. Ich selbst konnte darüber bestimmen. Ein großes Gefühl der Freiheit füllte mich aus. Unglaubliche Welten, die ich damals nur erahnen konnte, warteten darauf, entdeckt zu werden. Nie wieder würde ich mich langweilen müssen.
Anfangs bevorzugte ich illustrierte Bücher, liebte die Bilder, die meine Phantasie lenkten. Je älter ich wurde, desto verzichtbarer wurden die Illustrationen. Ich benötigte sie nicht länger, entstanden doch in mir beim Lesen höchst eigene Bilder. Ein schöpferischer Akt, bin ich doch überzeugt davon, dass es keine zwei Leser desselben Buches gibt, bei denen die inneren Bilder zur Deckung zu bringen sind. Natürlich lenkt die Handlung unsere Vorstellung. Dennoch entsteht beim Lesen ein absolut einzigartiges, höchst individuelles Kopfkino, abhängig von unseren Vorerfahrungen, unseren Stimmungen und Temperamenten. So haben wir die eigentümliche Situation, dass zwei Künstler beim Lesen tätig werden: der Autor und der Leser selbst. Eine spannende Erzählung wird dadurch charakterisiert, dass sie dem Leser Raum für eigene Schöpfungen gibt. Die Volksmärchen sind ein gutes Beispiel dafür. Sie zeichnen die handelnden Figuren meist nur sehr allgemein. Wer weiß schon, wie Hänsel und Gretel aussahen? Wer kann sagen, was die sieben Zwerge unterschied? Hierdurch gelingt es den Brüdern Grimm, Raum für Projektionsmöglichkeiten zu schaffen, wird die Identifikation mit den Helden erleichtert.
Als ich aufs Gymnasium kam, hatte ich trotz eines großen Lesefleißes wenig Gefallen am Deutschunterricht. Das lag nicht an meiner Lehrerin, das lag daran, dass ich einen geheimen Widerstand verspürte, einen gelesenen Text zu zerteilen und zu zerpflücken. Hierdurch verlor er für mich einen Teil seines Zaubers. Ein Buch, das mich faszinierte, wollte ich wie einen Schatz genießen und nicht dem gleißenden Licht des Sektionssaals aussetzen. Ich brauchte nicht die Inhaltsstoffe der Mahlzeit kennen, ich wollte das Essen einfach nur genießen und mich daran erfreuen.
Es gibt keine zwei Leser desselben Buches.
Welche Macht das Lesen hat, wurde mir erstmals bei der Lektüre von Sansibar oder der letzte Grund von Alfred Andersch deutlich. In dem Roman, der in der Nazi-Zeit spielt, beschreibt Andersch eine Skulptur von Ernst Barlach, die Figur eines lesenden Klosterschülers. Die Nationalsozialisten betrachten das Kunstwerk als entartet und wollen es konfiszieren, ein Pfarrer will den Klosterschüler retten und über die Ostsee schiffen lassen. Wie ein solch mächtiges Regime Angst vor der Figur eines Lesenden haben kann, hat mich schwer beeindruckt. Offensichtlich kann von Büchern eine Kraft ausgehen, die alle Fesseln sprengt.
Gott als Autor
Im Religionsunterricht habe ich mir deshalb die Frage gestellt, warum uns Jesus Christus nichts Schriftliches hinterlassen hat. Alle Zeugnisse seiner Reden und Gleichnisse beruhen ja auf der Niederschrift durch Dritte. Jesus war des Schreibens kundig. Warum hat er seine wichtigsten Glaubenssätze nicht verschriftlicht? Lange habe ich grübeln müssen. Vielleicht war es seine Absicht, das Wesentliche seiner Botschaft durch die Herzen der Menschen filtern zu lassen. Wird eine Erzählung von Mund zu Mund weitergetragen, kann sie sich verändern, die Essenz ihrer Aussage, der zentrale Kern aber wird dabei geschliffen und erst recht zum Leuchten gebracht, so wie auch bei den Volksmärchen. Vielleicht ist dies der Grund gewesen, warum Jesus nicht zum Papier gegriffen hat. In der einzigen mir erinnerlichen Szene, in der Jesus als Schreibender porträtiert wird, kniet er sich nieder und schreibt mit den Fingern in den Sand. Was er geschrieben hat, hätte ich gerne erfahren, der Wind aber wird es schnell wieder verweht haben. Es ist die Geschichte von der Ehebrecherin und dem ersten Stein, den derjenige werfen soll, der ohne Sünde ist.
Bei allen Buchreligionen spielt das Lesen eine zentrale Rolle. Direkter als im Christentum betätigt sich Gott im Judentum als Autor, in dem er Moses die Zehn Gebote in Steine gemeißelt auf dem Berg Sinai übergibt. Eine noch intensivere Rolle spielt das Lesen im Islam. Mit dem Befehl „Lies!“ forderte und überforderte der Erzengel Gabriel den Propheten Mohammed. „Ich kann nicht lesen!“, erwiderte er in seiner Not, worauf Gabriel seinen Befehl wiederholte: „Lies!“ So ist der Koran entstanden, im Verständnis der gläubigen Muslime als unmittelbar göttliche, verschriftlichte Offenbarung. Mohammed war nicht der Autor, sondern nur derjenige, der das göttliche Wort gelesen und verbreitet hatte. Auch hier wird die Macht der Literatur deutlich, so wie auch im Johannesevangelium, in dem es heißt: „Am Anfang war das Wort.“ Mit seinem Wort Sola scriptura (Allein die Schrift) setzt Martin Luther diese Tradition fort und weist dem Lesen eine zentrale Rolle im Glauben zu. Die Schrift steht über allem, über Traditionen, Überlieferungen und Konzilien.
Bücher als Lebensmittel? Nun kann man behaupten, es gibt auch Beispiele für Kulturen, die ohne Literatur auskommen, die nichts Verschriftlichen und also auch keinen Lesestoff besitzen. Vielleicht sind solche Kulturen sogar in der Mehrzahl. Sie verzichten aber nicht auf die Inhalte, benutzen lediglich andere Medien. Bei vielen afrikanischen Völkern gibt es autorisierte Geschichtenerzähler, die zentrale Mythen und Stammesgeheimnisse weitertragen. Die mündliche Überlieferung unterstützen Malerei und Bildhauerei, auch Tänze und Theater.
Ein Leben ohne Bücher, ohne die Fähigkeit zu lesen, ist möglich. Und doch scheint es, als würde die Literatur noch tiefere Dimensionen des Seins aufschließen. Wein kann auch auf einfachen Böden gedeihen. Wenn sich seine Wurzeln aber viele Meter tief in mineralischen Grund eingraben, fördert es noch ganz andere Aromen zutage. So ist es auch mit guter Literatur. Sie verschafft uns Zugang zu neuen Welten, zum Verständnis fremder Kulturen. Auf diese Weise kann das Lesen der Verständigung dienen oder, wie der Dichter und Sprachgelehrte Friedrich Rückert es ausgedrückt hat: „Weltpoesie allein ist Weltversöhnung.“
Lesen als Zugang zu uns selbst
Die geheimnisvollste Ingredienz, der größte Zauber aber ist, dass uns das Lesen einen neuen Zugang zu uns selbst erschließen kann, zu Facetten unseres Seins und unserer Seele, die uns bislang nur unbewusst oder nur vorbewusst sind. Wir erweitern durch das Lesen unseren Horizont, zugleich erlangen wir ein tieferes Verständnis für die Zusammenhänge, in denen wir stehen. Besonders schön kann man das bei der Wirkung von Büchern auf junge Leser beobachten. Kinder und Jugendliche interessieren bevorzugt solche Erzählungen, die ihnen Modelle für eigenes Handeln und Empfinden bieten. Je mehr sie mit der Heldin, dem Helden mitfiebern, desto stärker ist diese Wirkung.
Literatur für jede Lebenssituation
In ihrem Roman Ronja Räubertochter erzählt Astrid Lindgren in bildhafter Sprache von den Abenteuern, aber auch von den Gefahren, die sich auftun, wenn sich ein Kind aus der vertrauten Welt des engsten Familienkreises hinausbegibt. Astrid Lindgren macht den Kindern in Gestalt von Ronja Mut, auftretende Ängste zu überwinden und Zutrauen zu den eigenen Kräften zu erlangen. Manchmal muss man etwas ausprobieren, um zu erkennen, ob man einer Sache gewachsen ist. Modelle bieten Bücher aber nicht nur für die Jugend. Viele Menschen suchen in der Literatur Antworten für Herausforderungen, die das Leben stellt. Dabei kann man, ähnlich, wie man Kleider probiert, wählen, was zu einem passt. Nicht jede Antwort, nicht jedes literarische Modell ist für jeden in gleicher Weise geeignet.
Bücher haben viele Funktionen. In erster Linie sollen sie unterhalten, würden sicher die meisten von uns sagen. Im guten Sinne zu unterhalten ist keinesfalls die geringste Kunst. Unterhalten tut uns nur, was uns angeht. Wenn nichts in uns mitschwingt, legen wir ein Buch schnell wieder zur Seite. Die schönsten Bücher aber sind vielleicht diejenigen, die uns trösten. Und Trost ist heute notwendiger denn je. Ein ergreifendes Beispiel haben wir wieder Friedrich Rückert zu verdanken. Er erlitt das tragische Schicksal, dass kurz hintereinander seine beiden jüngsten Kinder starben. Unfähig, weiter zu unterrichten und zu übersetzen, schrieb er ein halbes Jahr nur Gedichte, die den Tod seiner Kleinen thematisierten. Die Kindertotenlieder, u.a. vertont von Gustav Mahler, gehen unter die Haut und sind gerade darum von größtem Wert. „Wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott, zu sagen, wie ich leide.“ Dieses Tasso-Wort trifft auch auf den trauernden Rückert zu. Und er gibt denen einen Sprache, die in ihrer Trauer verstummen. Es ist ein Akt der Katharsis, der Reinigung der Seele, Trost bei diesen Gedichten zu finden.
Literatur gibt es für jede Lebenssituation. Sie kann uns erheitern, zum Lachen bringen, Trost spenden, Rat geben, neue Gedanken anstoßen, Verständnis schaffen, Gemeinschaft herstellen. Natürlich gibt es auch das Gegenteil: Bücher können verstören, manipulieren, aufhetzen, Unzufriedenheit wecken. Nicht jede Kost ist auch verträglich. Deshalb braucht es den mündigen und das heißt, den erfahrenen Leser, müssen Kinder und Jugendliche rechtzeitig mit Büchern in Kontakt kommen, um sich an deren Wirkungen zu erfreuen und Nebenwirkungen klug zu erkennen. Dann wird das Lesen zu einem Lebensmittel, dass die Phantasie zum Blühen bringt.
