Lesen Ausgabe 2/2026

Liebe Leserin, lieber Leser!

keine andere Kulturtechnik hat das Leben der Menschen so geprägt und verändert wie das Lesen und Schreiben. Ursprünglich ein Privileg der Priester und Beamten, scheint es sich schnell demokratisiert zu haben: Einer der ältesten literarischen Texte stammt aus Mesopotamien, ist ca. 5000 Jahre alt und ist – nein, kein Mysterienspiel, auch keine Laudatio auf den König, sondern eine Schulsatire, in der die Dummheit der Lehrer aufs Korn genommen wird!

Lesen hat etwas Befreiendes, Lesen überwindet alle Grenzen, öffnet den Horizont, hält alte Fragen offen und überrascht mit neuen Antworten. Lesen verändert – wie in der Reformation – ganze Gesellschaften, Lesen bringt zum Nachdenken, zum Lachen, zum Verzweifeln, Lesen ist subversiv und damit gefährlich: „Einer unserer Voreltern“, sagt der Aufklärungsphilosoph Lichtenberg, „muss in einem verbotenen Buche gelesen haben“.

Lesen schenkt uns „Alphabetsverwandte“, Freunde fürs Leben, andererseits: Lesen kann süchtig machen, Bücher sind unpraktisch, kosten Geld und nehmen Platz weg. Und anstatt zu lesen, könnte man viele andere nützliche Dinge tun. Aber, Hand aufs Herz: Wer möchte leben, ohne zu lesen? Frei nach Loriot: Ein Leben ohne Lesen ist möglich, aber sinnlos… Lesen ist lebensnotwendig, ist Lebens-Mittel!

Doch wie wird es weitergehen mit dem Lesen in unserer digitalisierten Welt, angesichts der ausufernden neuen Medien und des Einsatzes künstlicher Intelligenz? Wird das Lesen bald ausgestorben sein, werden wir in Zukunft noch selber lesen oder lieber lesen lassen, werden Podcasts und Videos das abendliche Schmökern in der Sofaecke bald verdrängt haben?

Und was wird das mit uns machen? Wird uns etwas fehlen, wenn das Lesen fehlt? Und was genau? Diesen und ähnlichen Fragen wird in diesem Heft nachgegangen werden. Was auf jeden Fall fehlen würde, wäre die korrektive Funktion von Büchern, die uns ja nicht nur mit den Gedanken anderer Menschen konfrontieren, sondern auch mit unseren eigenen: „Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?“

Ich bin fest davon überzeugt: Das Lesen wird nicht aussterben. Es ist einfach durch nichts zu ersetzen, schon gar nicht durch Künstliche Intelligenz! Welche KI wäre auch imstande, so wunderbare Bosheiten von sich zu geben wie der lesesüchtige Aufklärer Georg Christoph Lichtenberg in seinen Aphorismen (aus denen die Zitate stammen):

„Ein Buch ist ein Spiegel. Wenn ein Affe hineinguckt, kann freilich kein Apostel heraussehen“.

Ich wünsche eine vergnüglich-nachdenkliche Lektüre!

Elke Münster

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