Digitalisierung ändert die Lesegewohnheiten. Im Alltag wird eher mehr gelesen, aber nur selten vertieft. Und mit lesenden und schreibenden KI-Systemen macht die Technik noch einen weiteren Schritt.
Obwohl historisch gesehen Bücher alles andere als nur gut waren, wird allgemein der Verlust des Lesens und der Rückgang der Buchhandlungen bedauert. Wer liest, gilt als gebildet, denn Lesen fordert und fördert die Konzentration. Die lange Form steht für intensive Recherche und Gründlichkeit und nicht zuletzt fördern Romane die Fantasie und die Fähigkeit, sich empathisch in andere Menschen, Zeiten und Weltsichten einzudenken.
Lesen und Schreiben gilt als Grundlage der Bildung, Volksaufklärung und Emanzipation. Gedruckte Bücher, Flugschriften, Zeitschriften wurden zu Leitmedien, die mündliche Überlieferungen und Handschriften nicht obsolet machten, aber weitgehend zurückdrängten. Druckwerke wurden zur Grundlage neuer Institutionen: Verlage, Wissenschaft, Verfassungen, Rechtssysteme, Bürokratie… All diese Dinge, die heute für uns selbstverständlich sind, sind in ihrer modernen Form vom Buchdruck geprägt.
Marshall McLuhan spricht deshalb von einer Gutenberg-Galaxie, d.h. einer Kultur, die über mehrere Jahrhunderte hinweg um den Buchdruck als die prägende Technik herum organisiert ist. (Marshall McLuhan, The Gutenberg Galaxy, 1962)
Kurzum: Bücher als Grundlage unserer Kultur haben ein gutes Image, und trotzdem gehen in den Pisa-Studien die Lesekompetenz-Werte seit Jahren zurück. Das hat viele Gründe, einer dürfte bestimmt sein, dass es heute neben dem Fernsehen noch unzählige digitale Angebote wie Computerspiele und Social-Media gibt. Die „analogen elektrischen Medien“ Radio und Fernsehen verschmelzen zu elektronisch-digitalen Medien, die nicht länger statische Informationsträger sind, sondern Informationsflüsse algorithmisch steuern. Aktive Erkenntnisleistungen, Entscheidungen im Medium selbst, werden durch maschinelle Informationsverarbeitung ersetzt und ergänzen menschliche Informationsverarbeitung. Informationen sind nicht länger ein knappes Gut, sondern die Aufmerksamkeit. Mit anderen Worten: Wir bewegen uns heute eher in einer Turing- als in einer Gutenberg-Galaxie (Wolfgang Coy, Die Turing-Galaxis, in: Computer als Medien. Drei Aufsätze, 1994).
Das ist mit der Gutenbergklammer gemeint, die Gutenberg-Galaxie mit dem Buch als Leitmedium ist zu Ende und das Internet- oder KI-Zeitalter mit dem Computer als Leitmedium hat das Buch abgelöst (Jeff Jarvis, The Gutenberg Parenthesis, 2023).
Verändertes Leseverhalten im digitalen Zeitalter
Der Rückgang der Lesefähigkeiten ist in den letzten zwanzig Jahren so
dramatisch, dass Forscher zu dem sarkastischen Schluss kamen: Eine solche Änderung sei eigentlich nur durch einen Krieg oder eine Hungerkatastrophe zu erklären. Tatsächlich haben sich jedoch nur die Lesegewohnheiten geändert. Die wenigsten Medien sind rein visuell. Selbst Videos beinhalten oft Texteinblendungen und wechseln mit Textabschnitten, Überschriften und Kommentaren, sodass im Alltag sogar häufiger als früher gelesen werden dürfte – allerdings meist nur kurz und selten vertieft. Blickbewegungsstudien belegen, dass Texte auf dem Smartphone nur kurz gescannt werden.
Texte werden auf dem Smartphone nur kurz gescannt.
Ist diese Lesegewohnheit erst habituiert, wird vertieftes Lesen als anstrengend empfunden. Die schlechte Nachricht lautet: Leseaufgaben mit ChatGPT-Hilfe zu lösen, verschärft das Problem messbar schon nach wenigen Minuten KI-Nutzung. Die gute Nachricht lautet: Schon zwei Wochen Internetverzicht verbessern die Konzentration und das Leseverhalten.
Eine ganz andere Geschichte
Wir könnten die Mediengeschichte aber auch anders erzählen, indem wir auf die negativen Seiten des Buchdrucks schauen. Wir haben Gutenberg für seine wunderschönen Bibeln in Erinnerung, die die neue Drucktechnik mit der traditionellen Buchmalerei verbinden und zurecht Weltkulturerbe sind. Sein erstes Druckwerk war jedoch der Türkenkalender, eine Flugschrift Eyn manung der cristenheit widder die durken, die Fürsten zum Kreuzzug gegen die Türken aufrief.
Buchdrucker verstanden sich damals nicht als Gate-Keeper, sie druckten, was Geld einbrachte, und jeder, der Schreiben konnte und Geld hatte, konnte Flugschriften, Pamphlete und Bücher drucken lassen. Was natürlich gleich zu Raubdrucken führte. Konkurrenten kopierten die Bücher und druckten sie einfach billiger, weshalb Drucker bei der Obrigkeit um Druckerprivilegien baten, d.h. das alleinige Recht, etwas einige Jahre zu drucken. In der damaligen Kleinstaaterei war dieses Recht allerdings sehr lokal. Schon im nächsten Fürstentum galt das Privileg nicht mehr. Insofern war die damalige Situation eher mit der Social-Media-Situation heute vergleichbar als mit dem modernen Verlags- und Pressewesen und seinem Urheber- und Presserecht. Das alles kam erst Jahrhunderte später.
Zur Erinnerung, der dreißigjährige Krieg fand 170 Jahre nach Erfindung des Buchdrucks statt und gilt als einer der ersten Medienkriege, in dem zum Beispiel Gustav Adolph Rechtfertigungen für sein Eingreifen drucken ließ. Auch die Hexenverfolgung erreichte den Höhepunkt nicht im finsteren Mittelalter, sondern in der Neuzeit deutlich nach der Erfindung des Buchdrucks. Inwieweit Werke wie der Hexenhammer dafür ursächlich sind, ist meines Wissens unter Historikern umstritten, der Buchdruck hat solche fanatischen Realitätsverzerrungen jedenfalls nicht verhindert, genauso wenig die großen Ideologien des 20. Jahrhunderts: Nationalsozialismus, Stalinismus und Maoismus. Alles Ideologien, die ihre eigenen Bibeln und lesenden Anhänger hatten.
Revolutionen in Wissenschaft und Ethik
Eine der wichtigsten Folgen war nicht vorherzusehen. Bücher wurden zum Vehikel neuer sehr abstrakter Gedankengänge, die in gesprochener Sprache allein gar nicht verstehbar sind. Weder mathematische Beweise noch komplexe philosophische Werke wie Kants Kritik der reinen Vernunft oder die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten lassen sich sinnvoll vorlesen. Sie müssen auf dem Papier studiert und in intellektueller Anstrengung mit dem eigenen Vorverständnis in Beziehung gesetzt werden und erarbeitet werden.
Auf der mathematischen Seite gehören dazu die Herleitung physikalischer Gesetze durch Galilei und Newton, Descartes analytische Geometrie, Leibniz Binärzahlen u.v.m., die die praktische Anwendbarkeit der Mathematik enorm erweiterte und die Grundlage für die Industrialisierung und eine Fülle von Ingenieur-Disziplinen legte. Gleichzeitig kam damit erstmals der Gedanke auf, dass intellektuelle Operationen eine Form des mechanischen Rechnens sein könnten, eine Idee, die zur Computertheorie des Geistes und der heutigen generativen KI führte.
Institutionelle Einhegung
Bücher enthalten Geschichten, Ideen und Argumente, Karten reproduzieren verlässliche Geodaten, Tabellen Berechnungsgrundlagen, Formulare normierte Informationen, u.v.m. Bei all dem kommt es immer auf den Inhalt an, wenn die Informationen wertvoll und richtig sind, sind es die Vervielfältigungen auch, wenn sie falsch, irreführend und gefährlich sind, sind es die Vervielfältigungen auch. Ohne Leser und Praktiker, die das Gelesene umsetzen, immer neu interpretieren und weiterentwickeln, sind Bücher nur tote physikalische Zeichenträger, die vor sich hin stauben. Der Technikhistoriker Melvin Kranzberg hat dafür die Formulierung geprägt, dass Technik weder gut noch böse noch neutral sei. Techniken wie der Buchdruck sind immer eingebettet in macht- und wirtschaftspolitische Zusammenhänge. Deshalb waren von Beginn an Fragen der Zensur und des Urheberrechts virulent. Der Index librorum prohibitorum hielt über vier Jahrhunderte von 1559 bis in die 1960er. Bis heute sind jugendgefährdende und gewaltverherrlichende Bücher auch in Deutschland indiziert und die Bücher damit praktisch vom Markt. Lediglich eine Vorzensur ist verboten.
Die eigentlichen Motoren der Umsetzung des Gedruckten sind deshalb gesellschaftliche Institutionen wie Wirtschaft, Wissenschaft, Recht, politische Parteien, Religionen, zivilgesellschaftliche Gruppen, die bestimmen, welche Werke kanonisch und relevant, welche akzeptabel und welche qualitativ zu minderwertig und welche als bedrohlich anzusehen sind, und vor allem welche produktiv genutzt werden. Dies gilt insbesondere für normative Texte, die ständig aktualisiert und an die Bedürfnisse angepasst werden. Die Bücher selbst tun nichts, es sind immer die Menschen, die aufgrund des Gelesenen handeln.
Bücher und Texte tun nichts, es sind immer Menschen, die handeln.
Aber mit künstlichen Akteuren ändert sich das nun. Wir sprechen sogar von autonomen Systemen, d.h. sich selbst Gesetze gebenden Systemen und nicht nur Automaten. Im Sinne Kants ist das meines Erachtens eine völlige Trivialisierung der menschlichen Würde, aus Freiheit und Einsicht zu handeln, das sollen nun auf einmal auch Automaten können?
Mit der agentischen KI gibt es nun erstmals eine Technologie, die nicht wie bisherige Algorithmen nur in speziellen Bereichen (automatisierte Aktienmärkte, Sozialsysteme, Predictive Policing …) eigenständig Entscheidungen treffen und Aktionen ausführen kann, sondern fast die gesamte Bandbreite menschlicher Entscheidung abdeckt, die von Alltagstätigkeiten wie Mails beantworten über Reservierungen, Online-Bestellungen bis hin zu autonomen Waffen und damit Fragen von Leben und Tod reicht. Aus lesenden und schreibenden generativen Systemen sind handelnde Systeme geworden. Gilt dann die Formel „weder gut, noch böse, noch neutral“ überhaupt noch, oder müsste es nicht heißen „gut oder böse oder neutral“? Und welche Institutionen haben in Zukunft noch die Macht, darüber zu bestimmen? Das amerikanische Verteidigungsministerium hat das KI-Unternehmen Anthropic öffentlichkeitswirksam aus seinem Arsenal verbannt und damit seine Macht demonstriert. Nun nimmt es wieder Kontakt zu Anthropic auf, weil das neue System Mythos Sicherheitslücken gefunden hat, die ganze staatliche Infrastrukturen lahmlegen könnten.
Mit Material des Vortrags Vom Buchdruck zur agentischen KI.

