Lesen ist von unschätzbarem Wert – für die persönliche Entwicklung wie für das mündige Zusammenleben in einer demokratischen Gesellschaft. Umso dramatischer ist der durch Studien belegte Rückgang der Lesekompetenz bei Kindern wie Erwachsenen. Wie lässt sich gegensteuern?
Ein Artikel, der die Entwicklung des Leseverhaltens in Deutschland in den Blick nimmt, sollte – trotz mancher alarmierender Trends – mit einer optimistischen Sicht beginnen, und was könnte hoffnungsvoller sein als ein Blick auf die nachwachsenden Generationen: Um knapp 10 % stieg zwischen 2023 und 2024 die Zahl der Buchkäuferinnen und Buchkäufer in der Altersgruppe zwischen 16 und 19 Jahren, um immerhin noch rund 8 % im gleichen Zeitraum bei den 20- bis 29-Jährigen. Die ansteigenden Zahlen sind in erheblichem Maß dem Boom der New-Adult-Literatur zu verdanken: den bunten Büchern mit Farbschnitt und viel verschnörkeltem Dekor, die sich seit wenigen Jahren in den Bahnhofsbuchhandlungen, in den Buchhandelsketten und zunehmend auch im Sortimentsbuchhandel zu Stapeln auftürmen. Ein Drittel der jungen Menschen kauft mindestens ein Buch pro Jahr, und auch bei den Älteren bleibt die Käuferschaft in den vergangenen Jahren einigermaßen stabil. Die Quote der Buchkäufer und -käuferinnen steht aktuell bei 37 %. Tendenz nur leicht sinkend.
All diese Zahlen könnten ein positives Bild zeichnen, denn die jungen Nachwuchsleserinnen und -leser machen auch die Zukunft unserer Branche aus, ja, sie bilden die Zukunft unserer Gesellschaft. Und dass diese Hoffnungsträger schon heute Bücher lesen, gibt Anlass zur Zuversicht.
Alarmierende Zahlen zur Lesekompetenz
Blickt man allerdings tiefer in die Zahlen und setzt ein wenig früher an, am Ende der Grundschule, stößt man auf das Gegenteil von Zuversicht, nämlich auf bestürzende Zahlen: Laut jüngster IGLU-Studie, die 2023 veröffentlicht wurde, kann in Deutschland ein Viertel dieser Kinder – in Zahlen 25 % – nach Abschluss der 4. Klasse nicht sinnentnehmend lesen, kann keine Sinnzusammenhänge erfassen. Einen Satz, in dem Zeitpunkt und Ort eines Arzttermins oder Anweisungen zum Klassenausflug angegeben werden, verstehen diese Kinder kaum oder gar nicht. Diesen Zustand kann man, nach vier Jahren Grundschule, als Gesellschaft und vor allem als Bildungspolitiker oder -politikerin nicht hinnehmen. Denn das Defizit beim Lesen verliert sich oft auch über die Jahre nicht, sondern setzt sich in einer Mischung aus Scham und Trotz fest; diese Kinder werden sich noch als Erwachsene nicht schriftlich ausdrücken, sich nicht anhand von Texten informieren und weiterbilden können.
In der aktuellen PIAAC-Studie – einer PISA-Studie für Erwachsene – zeigt sich: Auch die Zahl an Erwachsenen mit sehr schwachen Leseleistungen ist weiter gestiegen. Jeder Fünfte in Deutschland liest gerade einmal auf dem Niveau eines zehnjährigen Kindes oder sogar noch schlechter. Wie will man zwischen Meinung und Information, zwischen Fake und Wirklichkeit unterscheiden können, wenn man die Grammatik nicht versteht und wenn die Sprache unverständlich bleibt? Wie soll sich ein Argument oder eine Haltung herausbilden, wenn schriftliche Sachverhalte zu komplex, zu vielschichtig und nicht nachvollziehbar erscheinen?
Jeder Fünfte in Deutschland liest nur auf dem Niveau eines zehnjährigen Kindes.
Da hilft auch eine stabile Quote bei den Buchkäufern wenig: Die Gesamtzahl der Lesenden geht seit Jahren zurück, die Alternativen mit Streaming von Musik und Filmen und mit den Sozialen Medien sind unaufhaltsam auf dem Vormarsch. Wenn 37 % mindestens ein Buch pro Jahr kaufen, bedeutet das im Umkehrschluss, dass mehr als 60 % der Menschen gar kein Buch kaufen. Laut Statistik lesen immerhin 52 % mindestens einmal im Monat, 21 % dagegen überhaupt gar nicht.
Lesen erschließt Welten
Lesen ist unersetzbar. Denn die Empathie wird automatisch bei denen geschult, die sich auf das Wagnis einer Lektüre einlassen. Einfühlung, Konzentration, Phantasie, eine Erweiterung des Vorstellungsraums, eine Vergrößerung der Welt, die uns zur Verfügung steht. Lesen heißt nach- und mitdenken; das Bewusstsein darüber, dass Sprache Welt schaffen und die Gedanken lenken kann, und das Bewusstsein über eine Pluralität an Positionen und Perspektiven lässt uns Erfahrungen machen, die ohne Lesen deutlich schwieriger zugänglich oder gar gänzlich verschlossen wären.
Außerdem wird die Medienkompetenz geschult, die heutzutage entscheidend dafür ist, Informationen einzuordnen, Quellen zu prüfen und sich in einer von KI-generierten Inhalten und Fake News geprägten digitalen Medienlandschaft eigenmächtig zu orientieren. Wir sollten so viele Menschen wie möglich in die Lage bringen, diese Kompetenzen erwerben und diese Vergrößerung des eigenen Lebens erfahren zu können. Aber wie kann das gelingen?
Projekte zur Leseförderung
Mit der Frankfurter Buchmesse stehen Bücher und das Lesen jedes Jahr im Oktober im Zentrum des öffentlichen Interesses. Veranstaltet wird die Buchmesse vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. Dieser setzt sich auch außerhalb der Buchmessenzeit für die Stärkung von Lese- und Medienkompetenz bundesweit ein. So bieten Projekte der vereinseigenen gemeinnützigen Stiftung „Buchkultur und Leseförderung“ Kindern und Jugendlichen oft erste Begegnungen mit Büchern: Ein Vorlesewettbewerb etwa animiert jährlich über 600.000 Schüler und Schülerinnen bundesweit zum Vorlesen und vermittelt die Freude, die das Lesen bietet. Im Rahmen der jährlichen Aktion „Ich schenk dir eine Geschichte“ zum Welttag des Buches überreichen Stiftungsmitglieder über eine Million eigens für diesen Anlass produzierte Bücher an Kinder der 4. und 5. Klasse, und bei der Aktion „Lesetüte“ erhalten mehr als 150.000 Kinder als Willkommensgruß zum Schulstart eine Tüte mit einem Erstlesebuch. Häufig sind diese Bücher die ersten, die die Kinder in ihrem Leben besitzen.
Lesefähigkeit als Grundlage der Demokratie
Auch wirtschaftlich lohnt es sich, auf Bildung und Ausbildung zu setzen und die Lesefähigkeit zu stärken. In einem Land, in dem wir mit fossilen und nichtfossilen Rohstoffen nicht reich gesegnet sind, ist Erfindungsgeist, Unternehmertum sowie unser Selbstverständnis als Nation der „Dichter und Denker“ das, worauf wir setzen müssen. Menschen, zumal Kinder, vom Lesen und damit von der Bildung auszuschließen – und das tun wir, wenn wir es ihnen nicht so früh wie möglich beibringen –, ist nicht nur unproduktiv, sondern auch undemokratisch und schreibt Ungleichheit fest.
Wer nicht richtig lesen kann, bleibt ausgeschlossen.
Die Aufstiegsmöglichkeit durch Bildung war elementarer Bestandteil der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft. Soziale Zukunft darf nicht von sozialer Herkunft bestimmt sein, so lautete die Forderung, auch, dass Bildung unabhängig vom Elternhaus allen zur Verfügung stehen soll. Und es ist auch heute noch wahr: Unsere Demokratie lebt von Teilhabe und von Auseinandersetzungen und von Pluralismus, sie nährt sich davon, dass eine möglichst vielfältige Anzahl an Stimmen und Perspektiven sich in die gesellschaftlichen und damit auch in die politischen Diskurse einbringt. Die Lesefähigkeit ist die erste Grundlage dafür.
Buchpreise, Gütesiegel und politische Initiativen können helfen
Um dies zu fördern, unterstützt die Stiftung „Buchkultur und Leseförderung“ mit dem „Gütesiegel Buchkita“ schon die Jüngsten durch intensives Erleben von Büchern und Sprache in Kindertagesstätten. Im Rahmen einer Partnerschaft mit dem Projekt #UseTheNews wird die Nachrichtenkompetenz insbesondere der unter 30-Jährigen gefördert. Und um dem Buch und der Literatur auch unter Erwachsenen mehr Sichtbarkeit zu verleihen, vergibt der Börsenverein zahlreiche Preise, darunter zuvorderst den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, den Deutschen Buchpreis und den Deutschen Sachbuchpreis. Als Initiator der „Woche der Meinungsfreiheit“ macht der Börsenverein nicht zuletzt auf deren Bedeutung für eine vielfältige, demokratische Gesellschaft aufmerksam.
All das sollte durch politische Initiativen noch ausgeweitet werden – beispielsweise mit dem sehr wirksamen Leseband, das bereits in einigen Bundesländern eingeführt ist. Das Leseband ist eine tägliche Pause im Unterricht, 15 bis 20 Minuten, in denen gelesen wird. Die regelmäßige, strukturierte Einübung der Technik des Lesens fördert den Lesefluss wie auch Konzentrationsfähigkeit, und nebenbei vergrößert sie noch den Wortschatz. Und sie schafft eine Selbstverständlichkeit mit der Praxis des Lesens, sie gewöhnt schon die Kinder an Bücher als Gegenstände des Alltags.
Denken mit fremdem Gehirn
„Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn“, paraphrasierte der legendäre argentinische Schriftsteller und Bibliothekar Jorge Luis Borges den Philosophen Arthur Schopenhauer, der das Lesen als Technik aufgefasst hat, sich auf die Gedanken anderer zu stützen. Über die Verinnerlichung und Aneignung der fremden Gedanken und Geschichten wird das eigene Denken aktiviert und angeregt. Und wenn dieser Artikel mit positiven Diagnosen begonnen hat, so soll er auch mit optimistischen Aussichten enden. Das „Denken mit fremdem Gehirn“ kann den Blick auf die Welt verändern. Und dadurch verändert sich auch das, was wir darin sehen können – was wir in dieser Welt als veränderbar wahrnehmen. Lesen bietet das Potenzial dazu.
