Leuchtturm der Verbundenheit Bibel und Bild

„Denn wie der Leib einer ist und hat doch viele Glieder, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus. Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie.” (1. Korinther 12,12-13)

Der rot-weiße Leuchtturm auf Ameland steht für mich wie ein alter Freund in der Dünenlandschaft der niederländischen Nordseeküste. Seit meiner Kindheit zieht er mich magisch an – damals an der Hand meiner Großeltern, heute mit meinen eigenen Kindern. Dieser Ort ist mehr als ein Urlaubsziel; er ist ein Ort der Verbundenheit, der mich an eine schöne Kindheit und an geliebte Menschen erinnert, die heute nicht mehr da sind.

Wenn ich den Leuchtturm betrachte, denke ich auch an die afrikanische Philosophie des Ubuntu: „Ich bin, weil wir sind.” Diese Weisheit durfte ich in Südafrika erleben, einem Land, das mich mit seiner Geschichte tief berührt hat. Dort traf ich Menschen, die Ubuntu lebten. Es bedeutet Menschlichkeit und ist die Erfahrung, dass wir alle Teil eines Ganzen sind. Dabei ist mir bewusst, dass diese Verbindung zwischen einem niederländischen Leuchtturm und südafrikanischer Philosophie nicht unproblematisch ist. Die Niederlande waren Kolonialmacht am Kap, und die Geschichte der Apartheid ist auch eine Geschichte europäischer Unterdrückung. Ubuntu als Widerstandsphilosophie gegen genau diese koloniale Gewalt zu romantisieren, wäre ignorant. Vielmehr fordert mich diese Spannung heraus: Wie kann ein Symbol aus einem Land, das historisch an Unterdrückung beteiligt war, zu einem Zeichen der Befreiung werden?

Der Leuchtturm verkörpert dieses Ubuntu-Prinzip auf wunderbare Weise – und vielleicht gerade deshalb, weil er uns zur Umkehr einlädt. Er steht nicht isoliert, sondern dient der Gemeinschaft. Sein Licht unterscheidet nicht zwischen den Schiffen – es leuchtet für alle gleich, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung oder Identität. Wie eine mütterliche Beschützerin ist er bedingungslos für alle da. In dieser radikalen Inklusivität liegt seine Kraft: Er wird zum Symbol einer Gesellschaft und Kirche, die Ubuntu nicht nur predigt, sondern lebt.

Paulus’ Worte über den Leib Christi spiegeln diese Ubuntu-Spiritualität wider. Für den Leuchtturm sind wir alle verschieden und dennoch verbunden. Das wünsche ich mir im Prinzip auch für die Kirche, als Ort, wo Ubuntu gelebt wird: verwurzelt in der Gemeinschaft und Licht für alle spendend. In einer Zeit, in der Spaltungen und Vorurteile zunehmen, brauchen wir diese Vision der Verbundenheit. Der Leuchtturm von Ameland erinnert mich daran, dass wahre Kirche wie Ubuntu funktioniert – als Gemeinschaft, die teilt, zusammen weint und lacht. Aber er mahnt auch zur Ehrlichkeit über die Schatten der Vergangenheit. Nur wer die kolonialen Verstrickungen anerkennt, kann authentisch von Befreiung sprechen. So wird der Leuchtturm zum Zeichen der Umkehr: von der Herrschaft zur Geschwisterlichkeit, von der Ausgrenzung zur radikalen Inklusion. Er wird zum Licht für alle – nicht trotz, sondern wegen seiner komplexen Geschichte. Und er lädt uns ein, es ihm gleich zu tun.

Zum Weiterlesen

Schreiben Sie einen Kommentar