Orte der Demokratie Unterwegs auf den Spuren der Geschichte

Demokratie ist nicht nur über die Geschichte politischer Ideen nachvollziehbar, sondern lässt sich in Deutschland auch verorten. Dafür ist sogar eine Stiftung ins Leben gerufen worden, die eine Landkarte zu über ganz Deutschland verteilten Orten der Demokratiegeschichte erstellt hat, auf deren Grundlage sich demokratische Reisen planen lassen.

Jedes Jahr im Januar hat die Reiselust ein Zentrum. Das befindet sich in der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Zehn Tage lang präsentieren auf der Landesmesse in Stuttgart rund 2500 Aussteller alles rund um Tourismus und Freizeit. Es geht vor allem um Spaß und Unterhaltung, aber die Destinationen bieten viel mehr. Angesichts der Krisen und Konflikte und des Vordringens von rechtem Gedankengut weltweit ist es wichtig, daran zu erinnern, dass es sich lohnt, Orte der Demokratie aufzuspüren. Dabei hilft ein Blick auf die Homepage der Stiftung „Orte der Demokratiegeschichte“, die über ganz Deutschland verteilt Gedenkorte auflistet, die mit demokratischen Traditionen in Verbindung gebracht werden (www.demokratie-geschichte.de/karte/).

Da ist zum Beispiel die Stadt Stuttgart selbst, die mit zahlreichen Angeboten, vom Musical über Oper und Theater bis zum zoologischen Garten Wilhelma, wirbt. Doch da gibt es auch das Wohnhaus des ersten Bundespräsidenten, das zum Museum umgebaut worden ist. Träger ist die Stiftung „Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus“, für die das ehemalige Wohnhaus mehr als ein Zeitzeugnis ist. Sie spricht von einem „Ort der Demokratie und der offenen Gesellschaft“.

Wohnhaus des 1. Bundespräsidenten Theodor Heuss

Nicht nur Vorträge, Gespräche, Workshops und Filmvorführungen stehen auf dem Programm. In den beiden Dauerausstellungen geht es anhand der Biografie von Theodor und Elly Heuss-Knapp um „Demokratie als Lebensform“ und unter dem Motto „Nummer 1 – das Staatsoberhaupt“ um die Institution des Bundespräsidenten. Für den Protestanten war auch der Glaube ein wichtiger Anker. Das zeigte sich auch bei seiner Wahl am 12. September 1949 in Bonn. Seine Antrittsrede beschloss er mit dem Vers aus dem 14. Kapitel der Sprüche Salomons „Gerechtigkeit erhöhet ein Volk“.

Der am 31. Januar 1884 in Brackenheim geborene Theodor Heuss war einer der Mitgestalter des Grundgesetzes. Er starb am 12. Dezember 1963 in Stuttgart, wo er auf dem Waldfriedhof beerdigt ist. Der liberale Politiker hat über ein breites Wissen verfügt. Er studierte Nationalökonomie, Literatur, Geschichte, Philosophie, Kunstgeschichte und Staatswissenschaften an den Universitäten von München und Berlin und arbeitete später als Journalist, Publizist und Politikwissenschaftler.

Paulskirche und Gasthof Badischer Hof

Als Vorbild des Grundgesetzes gilt die so genannte Paulskirchenverfassung. Diese wurde in Frankfurt am Main in einem Gotteshaus ausgearbeitet, das bis 1944 als evangelisch-lutherische Hauptkirche Frankfurts diente. In der Paulskirche tagte in den Jahren 1848 und 1849 mit der Frankfurter Nationalversammlung das erste demokratisch gewählte Parlament in Deutschland. Heute ist der Bau im Zentrum Frankfurts Gedenk-, Ausstellungs- und Versammlungsort, der als Erinnerungsort der deutschen Demokratie und als nationales Symbol gewürdigt wird.

Im Gasthof Badischer Hof in Heidelberg findet man die Wurzeln der Nationalversammlung. Dort kamen am 5. März 1848 insgesamt 51 liberale und demokratische Abgeordnete aus Baden, Württemberg, der Rheinpfalz, Hessen und Rheinpreußen zusammen. Der hier eingerichtete „Siebener-Ausschuss“ richtete ab dem 31. März 1848 das Vorparlament in Frankfurt am Main aus, das die Wahlen für die Nationalversammlung vorbereitet und das erste gesamtdeutsche Parlament einberief (www.demokratie-geschichte.de/karte/11135)

Lern- und Gedenkort „Hotel Silber“

Ein besonderer demokratischer und auch beklemmender Gedenkort ist das „Hotel Silber“ in Stuttgart, das zum Haus der Geschichte Baden-Württemberg gehört. In der ehemaligen Gestapo-Zentrale ist ein Lern- und Gedenkort entstanden, in dem an die Untaten der NS-Zeit erinnert wird. Lohnenswert ist auch der Weg an den südlichen Zipfel von Baden-Württemberg. In Freiburg ist jetzt ein NS-Dokumentationszentrum entstanden, das nicht nur die Historie beleuchtet, sondern die Spur des rechten Denkens bis in die Gegenwart verfolgt. In einem eindrucksvollen Gedenkraum sind alle bekannten Opfer des NS-Terrors namentlich aufgelistet.

Erinnerungsort zum Aufstand des Armen Konrad

Wieder zurück in der Region Stuttgart geht es weiter zurück in die Geschichte bis in die Zeit des Bauernkriegs. Diesem ist ein eigenes Museum gewidmet im Württemberg-Haus in Beutelsbach im Remstal. Dort wird an den Aufstand des Armen Konrad im Jahr 1514 erinnert. Es heißt, dass damals die Untertanen zum ersten Mal das Gefühl hatten, dass Protestaktionen gegen Maßnahmen „von oben“ erfolgreich sein können. So entstand eine massenhafte Aufstandsbewegung, die ihren Unmut artikulierte und politische Teilhabe einforderte. Als Folge bekam der Landtag gegenüber dem Herzog, der auch die Steuern zurücknehmen musste, mehr Mitbestimmungsrechte.

Lernort in Mönchengladbach zur katholischen Sozialbewegung

An sozialpolitische Reformer erinnert ein Gedenkort in Mönchengladbach, der an die katholische Sozialbewegung erinnert. Die so genannte Brandts-Kapelle ist von Franz Brandts, dem ersten Vorsitzenden des „Volksvereins für das katholische Deutschland“, gestiftet worden. Mit dem Verein setzte sich der Fabrikant für den sozialpolitischen Katholizismus ein. Brandts (1834 – 1914) ließ die Kapelle in Gedenken an seinen an Tuberkulose verstorbenen Sohn am Rande des früheren Fabrikgeländes errichten. 1896 wurde sie eingeweiht. Die erste Messe hielt der junge Priester Franz Hitze (1851 – 1921). Brandts und Hitze gründeten 1890 mit den Zentrumspolitikern Ludwig Windthorst und Franz von Ballestrem den Volksverein.

Wartburg Eisenach

Die Wartburg bei Eisenach ist bis heute fest verankert als zentraler Ort der deutschen Demokratie- und Kirchengeschichte. Zum Wartburgfest von 1817 zogen knapp 500 Studenten aus ganz Deutschland. Sie wollten hier für die Einheit Deutschlands und eine gemeinsame Verfassung mit Grundrechten demonstrieren. Hier bildete sich erstmals der Wille zum einheitlichen und freien Nationalstaat heraus.

Die Festveranstaltung fand am 17. und 18. Oktober 1817 im Zeichen von 300 Jahren Reformation und dem vierten Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig auf der Wartburg und in Eisenach statt mit patriotischen Reden und freiheitlichen Liedern. Aber auch in der Kirchengeschichte ist die Wartburg ein denkwürdiger Ort. Sie ist berühmt als Zufluchtsort und Arbeitsplatz des Reformators Martin Luther während seines Exils (1521/22), wo er sich unter dem Decknamen „Junker Jörg“ versteckte und das Neue Testament in nur elf Wochen aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzte. Damit trug er nicht nur maßgeblich zur Entwicklung einer einheitlichen deutschen Schriftsprache bei, sondern machte die Bibel erstmals einem breiten Publikum zugänglich. Die Burg, die auch als zentraler Ort der Reformation gilt, steht seit 1999 auf der UNESCO-Welterbeliste.

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