„Der Mensch sieht, was vor Augen ist; Gott aber sieht das Herz an.“ (1. Sam 16,7)
„In Teilen Deutschlands gibt es derzeit gute Bedingungen, um Polarlichter zu sehen.“, so verlauten die Nachrichten. Polarlichter, denke ich, wow! Die sieht man normalerweise nur nördlich des Polarkreises, jenseits des 66. Breitengrads. Nicht knapp über dem 53., wo ich wohne. „Es wird empfohlen, sich in ländlichen Regionen zu begeben.“, heißt es weiter. Check, ländlicher als ich kann man eigentlich kaum wohnen. Wolken? Auch keine am Himmel.
So ziehe ich frohen Mutes und ein wenig abenteuerlustig am späten Abend los auf die letzte Gassi-Runde. Ich schaue gespannt in den Himmel, Schritt für Schritt aufgeregter. Doch ernüchtert stelle ich fest: Nichts – und drehe um. Kurz bevor ich die letzte, dunkelste Passage beende, fällt es mir ein: Habe ich nicht irgendwo gehört, dass man durch Kameras mehr sieht von diesem Ereignis?
Das Bild, das ich an diesem Abend machte, erinnert mich an einen Vers aus der Bibel: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist; Gott aber sieht das Herz an.“ Das sagt Gott zum Propheten Samuel. Den schickte Gott nach Bethlehem zu Isai, um dort einen neuen König zu salben. Denn der bisherige König Saul hatte sich von Gott entfremdet.
Samuel sieht nacheinander die älteren Söhne Isais – kräftig, stattlich, königstauglich der Erscheinung nach. Schon bei Eliab, dem Ältesten, denkt Samuel sofort: „Das muss er sein.“ Doch genau hier sagt Gott den Satz: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist; Gott aber sieht das Herz an.“ Gottes Wahl richtet sich nicht nach äußeren Kriterien – Rang, Kraft, Aussehen, Alter. Gott sieht, was wir nicht mit bloßem Auge sehen können. Deshalb wählt Gott David, den jüngsten Bruder, zum König.
Gott sieht anders. Gott sieht uns anders. Dabei sieht Gott nichts, was nicht da ist. Im kleinen David steckte damals schon mehr, als alle dachten. Und dabei übersieht Gott nichts: David ist nicht perfekt, nicht nur Lichtfigur des Glaubens. Bei ihm strahlt Mut, Musik, Gebet – aber auch Macht, Gewalt, Begehren und Schuld. Auch das sieht Gott und salbt ihn trotzdem zum König.
Vielleicht ist das mit den Polarlichtern wirklich gar kein schlechtes Bild dafür. Weil unsere Augen manchmal wenig oder gar nichts sehen, manchmal Hilfsmittel brauchen. Und doch mehr da ist, als wir ahnen. Gottes Blick sieht das Ganze: Licht und Schatten, Begabung und Bruch, Stärke und Angst. Gott übergeht nicht das Dunkle – aber lässt sich davon auch nicht abhalten.
Weil auch Polarlichter erstmal romantisch anmuten, aber aus Kräften entstehen, die eigentlich gefährlich sein könnten. Erst durch Schutz werden sie zu Farbe und Bewegung. Auch der kleine David war später kein harmloser Held. Gott sieht beides. Und verwirft nicht das eine aufgrund des anderen.
Die Kamera hat mir mehr gezeigt als meine Augen sehen konnten. Beim Herzen übe ich noch. Und bin froh, dass Gottes Blick schon immer weiter reicht – und ich nichts verstecken kann und muss.
