Raus aus der Opferrolle Bibel und Bild zur Losung des 1. Juni 2018

Gott sende seine Güte und Treue. (Psalm 57,4)

„Verzehrende Flammen sind die Menschen, ihre Zähne sind Spieße und Pfeile, ihre Zungen schar­fe Schwerter.“ Bedrohlich und beängstigend zeichnet der Psalmbeter den Menschen nur einen Vers weiter. Wer in solchen Bildern betet, hat den sozialen Tod vor Augen, viel­leicht mitten im Leben.

Es herrschen gnadenlose Zeiten. Der kleinste Ausrutscher kann mich Kopf und Kragen kosten. Welt-Öffentlichkeit, im Bruchteil der Sekunde hergestellt, prangert mich an. Ob zu Recht oder nicht, ob maßvoll, was spielt das noch für eine Rolle? Es genügt mein Bild im Netz, ein Zitat – aus dem Zusammen­hang gerissen, ein misslungenes Stück Arbeit und Kritik daran. Plötzlich kippt mein Bild in den Augen der Anderen. Schon ist alle Sicherheit dahin, die Lebensstatik aus dem Gleichgewicht, der letzte Freund gegangen. Ich bin allein. Und ihre Selbstgerechtigkeit will über meinen Werdegang regieren.

Nein! Mein Gott überlässt ihren Spielregeln nicht die Straße!

Der Beter des 57. Psalms trägt ein mächtiges Bild von Ordnung in sich. Dem vertraut er sich an, weil es sich gegen allen Anschein durchsetzen soll: „Erhebe dich, Gott, über den Himmel und deine Ehre über alle Welt.“ Hier ringen Weltbilder um die Deutungshoheit zwischen dem Betenden und seinen Gegnern, mehr noch in ihm selbst. Wer hat die Macht?

Komplexe Bilder beschreiben, wie Gott handelt: Als ein schützender Vogel bietet er unter dem Schatten seiner Schwingen Überlebensraum (V. 2), lässt die Grubengräber sich selbst in die Falle gehen (V. 7), führt „zum guten Ende“ (V.3). Und er sen­de seine Boten, „Güte und Treue“ (V. 4).

Seine Güte und Treue – Gott verschickt sie nicht als Ware. Sie sind seine Ei­genschaften (Ps. 86,15) und Inhalt seiner Gerechtigkeit (Tob. 3,2). Güte und Treue sind die Basis seiner Bindung an den Menschen. Gottes Treue überspringt sogar die Konsequenzen, die sich sein Volk in Untreue einhandelt, damit Gnade statt Vergeltung walten darf. In seiner Güte und Treue sendet Gott sich letztlich selbst. Und wie? Offensichtlich verändern Gottes Güte und Treue nicht sofort die Gegner. Kein Wort darüber. Verändern sie den Betenden? So scheint es: „Mein Herz ist bereit, dass ich singe und lobe. Wach auf, meine Ehre, wach auf Psalter und Harfe, ich will das Morgenrot wecken!“

Auch eine Form von existenzieller Umkehr: raus aus der Opferrolle. Dort, wo mir Gott in seiner Güte und Treue naht, werde zu allererst ich selbst verwandelt. Güte und Treue nehmen mir das Gefühl allein zu sein, stärken mir das Rückgrat und öffnen den Horizont wie ein bereite­ter „Tisch im Angesicht meiner Feinde“.

Es herrschen doch nicht gnadenlose Zeiten. Ich kann die Rüstung ablegen. Aus dem Notschrei wird ein Dank- und Freudenlied: „Denn deine Güte reicht, soweit der Himmel ist.“ Wer in solchen Bildern betet, hat das Leben vor Augen und verwandelt am Ende auch die Anderen.

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