Die weiteren Aussichten: örtlich bewölkt… Bibel und Bild zur Losung des 1. März 2015

Herr, deine Güte reicht, soweit der Himmel ist, und deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen. (Psalm 36,6)

„Wenn man über jemanden die Wahrheit erfahren will, ist dieser jemand meiner Erfahrung nach der Letzte, den ich fragen würde.“ – Vielleicht haben Sie im Fernsehen schon einmal eine Folge der amerikanischen Fernsehserie Dr. House gesehen. Dr. House spielt einen Arzt mit besonderen diagnostischen Fähigkeiten. Er spielt ihn so, dass er andere gerne mit Hohn und Spott überzieht. Das Zitat ist insofern charakteristisch für ihn. Von der Selbstauskunft eines Menschen hält er nicht viel. Die Wahrheit will niemand wissen, am wenigsten über sich selbst – und schon gar nicht sagen. Mag sein. Manchmal tut uns die Wahrheit weh oder verschafft uns keinen Vorteil.

Einerseits liegt die Vermutung nahe, wir alle nehmen es mit der Wahrheit oft nicht so genau: Bei 2,9 Lügen wollen amerikanische Psychologen ihre Testpersonen in einem jeweils zehnminütigen Gespräch ertappt haben. Andererseits gehen um der Wahrheit willen neuerdings Tausende sogar auf die Straße. Wie das? So wichtig scheint sie ihnen zu sein? Die Verteidiger der Wahrheit von Pegida („Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“) bezichtigen die anderen der permanenten Unwahrheit. Die anderen, das sind die Medien. Die „Lügenpresse“. Das Unwort des Jahres 2014 . Diese Wahl begründen die Juroren der Sprachkritischen Aktion so: „Eine solche pauschale Verurteilung verhindert fundierte Medienkritik und leistet somit einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit, deren akute Bedrohung durch Extremismus gerade in diesen Tagen unübersehbar geworden ist.“ Die Pauschalisierung ist der Feind der Wahrheit.

Und der Extremismus – oder Fundamentalismus – ist ihr Totengräber. „In diesen Tagen“ war nach dem 7. Januar, dem menschenverachtenden Anschlag auf „Charlie Hebdo“. Die Mörder rechtfertigen ihr Verbrechen mit dem Willen Allahs. Mitte Januar stellte der Publizist Jürgen Todenhöfer ein in Mosul geführtes Interview mit einem Sprecher des Islamischen Staates (IS) auf seine Facebook Seite: Gott befehle jedem Muslim, sich dem IS anzuschließen. Auch die Schiiten seien Abtrünnige. Entweder sie bekehren sich zum wahren Islam, oder sie würden getötet werden. Ihre große Zahl – über 100 Millionen spiele dabei keine Rolle. Für den IS gebe es keine Grenzen – auch in Europa werde man einmarschieren , sondern nur Fronten. Die Ideologen und Kämpfer des IS erheben einen Totalitätsanspruch auf die Wahrheit. Wahrheit in religiösen, ethischen und moralischen Fragen ist, was sie dafür ausgeben.

Varianten des Umgangs mit der Wahrheit: Im Alltag ehrlich miteinander sprechen. Im Streit der Meinungen unvoreingenommen prüfen, ob nicht auch die andere Seite Teile eines Problems richtig erkannt haben könnte. In der Auseinandersetzung der Religionen, Kulturen und Mächte die Wahrheit nicht als Totschlag-Argument benutzen; wörtlich, die anderen nicht um der (vermeintlichen) Wahrheit willen totschlagen. Gott sei Dank waren Wahrheits-Diktaturen in der Welt noch nie von langer Dauer.

Wenn in dieser Zeit „die“ Wahrheit behauptet, durchgesetzt, exekutiert wird, ist Skepsis am Platz. Zweifel an denen, die sie gefunden (zu) haben (meinen), nicht an denen, die sie suchen. Denn im Lande der Beliebigkeit kann niemand wirklich leben. Mehr noch: „Wahrheit soll geschehen, sie soll nicht nur gedacht werden. Wahrheit entsteht durch das Tun, das im Gegensatz zum Schein, zur Finsternis steht, in der das Böse geschieht“ (Dietrich Bonhoeffer). Das Gute, wenn es geschieht, fließt aus der Güte – aus der Gesinnung des inneren Menschen. Deshalb lassen sich Wahrheit und Güte nicht auseinander reißen. Wahrheit entsteht durch Verständigung im Guten und über das Gute. Wahrheit soll geschehen im gütigen Aus-Handeln des Guten zwischen verständigen Wesen.

Wahrheit und Güte gehören zu den 99 Namen Allahs. Und die Beter der Psalmen finden Güte und Wahrheit beim Gott Israels und Vater Jesu Christi: Herr, deine Güte reicht, soweit der Himmel ist, und deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen (Psalm 36,6).

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