Stichwort: Globalisierung

Globalisierung ist der Zauber, der die Erde seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts verwandelt hat, und erscheint zugleich als das Zauberwort, mit dem sie vielleicht doch noch wieder in den Griff zu bekommen ist.

Der Begriff „Globalisierung“ meint in seiner allgemeinsten Verwendung die weltweite Ausdehnung oder Vernetzung von Systemen bis hin zur Entstehung einer globalen Einheit. In der Ökonomie bezeichnete er ursprünglich das Zusammenwachsen der internationalen Finanzmärkte zu einem globalen Markt, bezieht sich dort aber mittlerweile ganz allgemein auf die Verschmelzung von Warenmärkten zu einem Weltmarkt und entsprechende Unternehmensstrategien. Noch umfassender ist er in seiner soziologischen Interpretation, die das Zusammenwachsen der einzelnen Gesellschaften auf der Welt zu einer Weltgesellschaft meint. Der moderne Mensch ist nach dieser Theorie ein Bürger dieser Weltgesellschaft und handelt permanent in ihrem Bezugssystem.

Die Urszene dieser Weltsicht stammt aus dem Jahr 1961. Aus seiner Raumkapsel konnte Jurij Gagarin damals als erster Mensch den Erdball als ganzen sehen. Seitdem lebt die Menschheit mit dem Bild ihres Planeten vor Augen. Beispielhaft zeichnet sich darin die globale Ausweitung des menschlichen Horizontes ab. Diese verdankt sich freilich nicht nur dem Beginn der Raumfahrt, sondern außerdem noch einer Reihe anderer, zeitgleicher Entwicklungen. Durch die vermittelnde Leistung der elektronischen Massenmedien, vor al­lem des Fernsehens, sah der kanadische Medienwissenschaftler Marshall McLuhan bereits 1962 ein „globales Dorf“ entstehen. Zugleich äußerte sich in der internationalen Anti-Atom-Bewegung Ende der fünfziger Jahre erstmals ein Bewusstsein für die Bedrohtheit der Welt als Ganze. Schließlich kam es zu Beginn der sechziger Jahre zur „Entdeckung“ der „Dritten Welt“, deren Unabhängigkeitsbestrebungen und Be­freiungskämpfe die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Insgesamt entwickelte sich all­mählich ein Bewusstsein für die globalen Verflechtungen und Abhängigkeiten.

In den letzten fünfzig Jahren haben sich diese Entwicklungen alle mit hoher Dynamik fortgesetzt. Der globale Informations- und Kommunikationshorizont, das globale Bedrohungsbewusstsein (ob durch ökologische Gefahren, Terrorismus oder Wirtschaftskrisen) und das Wissen um internationale Zusammenhänge und Abhängigkeiten in allen wichtigen politischen und wirtschaftlichen Bereichen sind die drei wichtigsten Säulen unserer heutigen Weltsicht. Gemeinsam ist diesen drei Aspekten, dass sie von einer realen Einheit der modernen Welt ausgehen. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, durch die Dynamik der Globalisierung sei in unserer Zeit erstmals die Erde als ganze in den Blick geraten. Dass sich der Mensch in einem globalen Bezugssystem definiert, gilt dann als Neuerung.

Doch die universale Perspektive ist keineswegs nur eine moderne Erscheinung. Wer beispielsweise die Bibel aufschlägt, findet dort schon in den ersten Kapiteln einige der ältesten abendländischen Zeugnisse für eine solche Sichtweise. Die Erzählungen von der Erschaffung der Welt, von ihrer Bedrohung durch die Sintflut und vom Turmbau zu Babel betrachten die Welt alle als eine Einheit. Erst als Gott anlässlich des Turmbaus die Sprachen der Menschen verwirrt, zerstreuen sich diese über die Erde, womit dann auch die universale Urgeschichte endet und die Geschichte des einen Volkes Israel einsetzt.

Neben den auch aus anderen Kulturkreisen überlieferten Kosmogonien, die die Einheit der Welt aus ihrem Ursprung begründen, sind aus frühgeschichtlicher Zeit vor allem noch ver­schiedene Königstitulaturen von Bedeutung, die einen Anspruch auf Weltherrschaft und damit ein, wenn auch selektives Verständnis von Welteinheit zum Ausdruck bringen. Seither zieht sich, wie Peter Coulmas 1990 in einer Studie über den Weltbürger gezeigt hat, ein kosmopolitisches Bewusstsein durch die Jahrhunderte, das seine weiteren Bezugspunkte im griechischen und im römischen Weltreich, in der stoi­schen Weltgesellschaft und der christlichen Ökumene finden konnte. Freilich war bis zu den großen Entdeckungen zu Beginn der Neuzeit die reale Ausdehnung der Erde dabei noch unbekannt. Spätestens seit dem Zeitpunkt, da die weißen Flächen auf den Weltkarten mehr und mehr verschwanden, kann jedoch auch im empirischen Sinne von einem glo­balen Bewusstsein gesprochen werden.

So sind auch die wirtschaftlichen Verflechtungen quer über den Globus, auf die sich die Rede von der Globalisierung heute besonders stützt, keineswegs eine Neuerung unserer Zeit. Schon im 16. Jahrhundert gab es das Handelsdreieck Europa, Afrika, Amerika: Von Europa aus wurden Tauschwaren – vor allem Gewebe, Alkohol, Waffen und verschiedener Tand – an die westafrikanische Küste geliefert, von dort aus gingen die Schiffe mit Sklaven nach Brasilien, Westindien und Nordamerika, wo sie dann wieder mit Erzeugnissen aus den Pflanzungen für Europa beladen wurden. Von der Logistik des Welthandels verstand man schon damals etwas. So finden sich auch schon im Kommunistischen Manifest von 1848 die Sätze: „Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarktes die Produktion und die Konsumption aller Länder kosmopolitisch gestaltet. … An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander.“

Zu guter Letzt ist auch die Vorstellung von einer vernünftigen politischen Einheit der Welt, wie sie sich heute vor allem in der Institution der Vereinten Nationen manifestiert, kein Geschöpf unseres Jahrhunderts. Sie hat ihre ideellen Wurzeln schon in der antiken Stoa und ist bereits in der europäischen Aufklärung mit Kant als wichtigstem Vertreter voll entfaltet worden. Die Utopie eines Weltreichs der Gerechtigkeit und des Friedens prägte darüber hinaus schon die jüdische und christliche Erlösungshoffnung, wobei hier freilich nicht die Politik der Menschen, sondern der Herrschaftsantritt Gottes die vollendete Einheit der Welt bedingt. Neu ist in jedem Falle auch der Gedanke, die Menschen könnten in einer globalen Gemeinschaft friedlich zusammenleben, ganz und gar nicht.

Was also ist dran an der Rede von der Globalisierung als Paradigma unserer Zeit? Ist der Blick auf den Erdball als Ganzen, wie er sich in unserem Jahrhundert der Menschheit aus dem Weltraum erstmals darbot, doch nicht von neuer, beispielhafter Bedeutung? – Er ist zumindest zunächst einmal nur die visuelle Bestätigung einer uralten Vorstellung. Gerade das ist freilich das Neue am Weltbild der Gegenwart, dass es sich auch in seiner globalen Dimension durch Anschauung bestätigen lässt. Die Einheit der Welt wird nicht mehr nur behauptet, sondern sie kann betrachtet werden, sie ist nicht mehr nur ein geistiges, sondern ein wirkliches Bild.

Ein Bild bleibt sie damit allerdings auch weiterhin und hat als solches durchaus fiktionalen Charakter. Denn sobald man genauer hinblickt, zerfällt die Einheit der Welt, die die Rede von der Globalisierung uns vor Augen malt, ganz schnell wieder in sehr unterschiedliche Teile. Die kommunikative Weltgesellschaft setzt sich faktisch aus so disparaten Kommunikationsnetzen zusammen, dass die angebliche Einheitlichkeit nur ein theoretisches Konstrukt darstellt. Und das unterschiedliche Ausmaß, in dem Länder in unterschiedlichen Regionen der Erde von Umweltkatastrophen oder Bürgerkriegen, Hungersnöten oder Flüchtlingsbewegungen betroffen sind, lässt die Rede von der Einheit der Welt schon fast als zynische Verharmlosung erscheinen. Nach wie vor verlaufen zwischen den Kontinenten tiefe Gräben, zu denen die Trennungslinien zwischen vernetzten Zentren und Lücken im Netz noch neu hinzugekommen sind. Die Rede von der Globalisierung täuscht über diese bleibende Aufteilung der Welt allzu oft hinweg, indem sie aus einem System globaler Teileinheiten eine angebliche Einheit der Welt konstruiert. Als Mythos der Moderne ermöglicht sie zwar eine einheitliche Weltsicht und eine entsprechend einfache Weltdeutung, als umfassendes Modell zum Verständnis der modernen Welt aber taugt sie nicht.

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